Neue Eheleitlinien des Vatikan sorgen für Aufregung

Von Keuschheit ist die Rede

Eigentlich ging es dem Papst um eine bessere Seelsorge für Eheleute. In Italiens Medien ist von dem umfangreichen Ehe-Dokument jedoch nur ein Thema hängen geblieben: Kein Sex vor der Ehe. Die Aufregung darüber ist groß.

Papst Franziskus begrüßt ein jung verheiratetes Paar (Archiv) / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus begrüßt ein jung verheiratetes Paar (Archiv) / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Der Vatikan veröffentlicht neue Leitlinien zur Ehebegleitung und stößt in Italien auf mächtigen Gegenwind. Stein des Anstoßes: "la castita", die Keuschheit - speziell vor der Ehe.

Dem Papst geht es in dem Dokument besonders um eine intensivere Begleitung von Paaren vor der Eheschließung, "damit sie vor dem Trauma der Trennung bewahrt werden und niemals den Glauben an die Liebe verlieren". So heißt es in dem von ihm verfassten Vorwort.

Im Vergleich zur jahrelangen Vorbereitung auf Priestertum und Ordensleben seien die wenigen Wochen der katholischen Ehevorbereitung "nicht gerecht", argumentiert er. Die Kirche müsse allen die gleiche Aufmerksamkeit, die gleiche Zeit schenken.

Sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe

Auf 97 Seiten werden all jene, die in der Familienseelsorge tätig sind, angeleitet, wie sie Paare vor und während der Hochzeit sowie in den ersten Ehejahren richtig begleiten. Reduziert wird das umfangreiche Dokument in Italien aber vor allem auf ein Thema: die Stellen zur sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe. Davon allerdings finden sich einige. 22 Mal kommt das italienische Wort für Keuschheit in den Leitlinien vor. Zum Vergleich: Das Wort "Liebe" taucht 119 Mal auf, "Familie" kommt auf 77 Nennungen.

Füße unter einer Bettdecke / © didesign021 (shutterstock)
Füße unter einer Bettdecke / © didesign021 ( shutterstock )

Zur Keuschheit heißt es beispielsweise: Die Kirche dürfe niemals den Mut verlieren, für die "kostbare Tugend der Keuschheit" zu werben, auch wenn dies heute in Gegensatz zur allgemeinen Haltung stehe. Die Keuschheit müsse als "echte 'Verbündete der Liebe' dargestellt werden", denn sie bereite "auf die authentische Selbsthingabe vor, die ein Leben lang in der Ehe gelebt wird". Zudem ermögliche sie einen "tieferen Dialog" und verhindere, "dass die Beziehung auf die körperliche Instrumentalisierung des anderen fixiert wird".

So weit, so nicht neu. Trotzdem ist die Aufregung im katholisch geprägten Italien groß. Während sich einige säkulare Medien darauf beschränken, unter dem Titel "Kein Sex vor der Ehe" die Passagen ausführlich zu zitieren, sprechen andere gar von einer "beunruhigenden - wenn auch nicht neuen - Sexophobie".

Der italienische Rapper Fedez (32), seit 2018 mit der populären Influencerin und Modebloggerin Chiara Ferragni (35) verheiratet, machte seinem Unmut auf Instagram Luft: "Liebe Freunde aus dem Vatikan. Wenn Ihr das Spiel nicht spielen könnt, dann bestimmt wenigstens nicht die Regeln."

Thema bei Weltfamilientreffen

Im Vatikan wird es in den kommenden Tagen Gespräche zum Thema Sexualität geben, aber auch zur von Franziskus gewünschten Begleitung von Eheleuten. Rund 2.000 internationale Delegierte sind zum 10. Weltfamilientreffen nach Rom gereist. Unter dem Motto "Familienliebe: Berufung und Weg zur Heiligkeit" geht es beispielsweise um den Dialog zwischen Jung und Alt in Kirche und Familie, Herausforderungen durch Digitalisierung oder auch Migration.

Eine Familie trifft beim Weltfamilientreffen ein (Archiv) / © Cristian Gennari (KNA)
Eine Familie trifft beim Weltfamilientreffen ein (Archiv) / © Cristian Gennari ( KNA )

Zusätzlich zum Pastoralkongress mit Festival und Papstmesse sollen sich Bistümer weltweit mit eigenen Initiativen beteiligen. Unter den Delegierten, die in ihrer jeweiligen Heimat für die Familienseelsorge zuständig sind, sind auch deutsche Familien und Geistliche.

Und Franziskus möchte ebenfalls noch einmal nachlegen. Es sei sein "sehnlichster Wunsch", ein Folgedokument zu veröffentlichen, das sich der Begleitung speziell von Paaren widme, "die das Scheitern ihrer Ehe erlebt haben und in einer neuen Ehe leben oder zivilrechtlich wiederverheiratet sind". Darin dürfte Keuschheit vermutlich eine untergeordnete Rolle spielen.

X. Weltfamilientreffen in Rom

Das X. Weltfamilientreffen wirde am 22. Juni 2022 in Rom eröffnet. Rund 2.000 Delegierte aus 120 Ländern sind zu den bis zum 26. Juni dauernden zentralen Veranstaltungen eingeladen, die unter dem Leitwort "Die Liebe in der Familie: Berufung und Weg zur Heiligkeit" stehen.

Eine Familie hält ein Holzkreuz / © hidesy (shutterstock)
Autor/in:
Severina Bartonitschek
Quelle:
KNA