Missbrauchsskandal in Chiles Kirche nimmt kein Ende

Verschwundene Dokumente und ein mysteriöser Priesterbund

Der Missbrauchsskandal innerhalb der chilenischen Kirche zieht neue Kreise. Nun wurden in einer Diözese 14 Geistliche suspendiert. Ihnen wird der sexuelle Missbrauch von Jugendlichen vorgeworfen.

Papst Franziskus im Gespräche mit den chilenischen Bischöfen / © Vatican Media (KNA)
Papst Franziskus im Gespräche mit den chilenischen Bischöfen / © Vatican Media ( KNA )

Zumindest für Politiker des Linksbündnisses "Frente Amplio" steht der Schuldige fest: Sie fordern per Unterschriftenaktion, dass dem Erzbischof von Santiago, Kardinal Ricardo Ezzati, die chilenische Staatsbürgerschaft entzogen wird. Dem gebürtigen Italiener werfen sie vor, maßgeblich an der Vertuschung des nicht endenden wollenden Missbrauchsskandals in der Kirche Chiles beteiligt gewesen zu sein. Ezzati selbst trat die Flucht nach vorne an. Er bat die Opfer um Vergebung und Barmherzigkeit: "Ich nehme die Kritik, die Wut und die Empörung auf." Doch inzwischen zieht der Skandal neue Kreise, und es kommen neue Fälle ans Tageslicht.

Neue Vorwürfe

So berichteten Medien am Dienstag, dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen katholische Geistliche in der Diözese Rancagua aufgenommen habe. Den Angaben zufolge wird einem mysteriösen Priesterbund, der unter dem Namen "La Familia" agiere und aus 17 Geistlichen bestanden habe, sexueller Missbrauch von Jugendlichen vorgeworfen. Der Bund sei "familiär" organisiert gewesen. Es habe dort Ränge wie "Oma", "Onkel", "Tante" oder "Enkel" gegeben, berichteten chilenische Medien.

In einer Reportage wurden unter anderem Nacktfotos eines Geistlichen veröffentlicht, die dieser via Online-Chats an Jugendliche verschickt haben soll. Die Lokalzeitung "El Rancagüino" kommentierte, die Diözese erlebe die schwerste Krise ihrer Geschichte. In einer ersten Reaktion hatte Rancaguas Bischof Alejandro Goic rund ein Dutzend Geistliche suspendiert. Im Laufe des Tages erhöhte sich die Zahl auf 14 Priester. Gegenüber dem Portal "Biobiochile" räumte er ein, dass er zwar "im Scherz" von derlei Vorkommnissen gehört habe. Es habe aber nie eine konkrete Beschuldigung gegeben, der er hätte nachgehen können.

Rücktritt angeboten

Am Mittag dieses turbulenten Dienstags baten die chilenischen Bischöfe dann zur Pressekonferenz und schilderten noch einmal ihre Sicht des Treffens mit Papst Franziskus im Vatikan. Dabei stellten sie klar, dass alle Bischöfe zunächst im Amt blieben, bis das Kirchenoberhaupt eine Entscheidung gefällt habe. Als Reaktion auf die Aussprache mit dem Papst in der vergangenen Woche hatten alle Mitglieder der Bischofskonferenz laut einer Stellungnahme ihren Rücktritt angeboten.

Für Schlagzeilen sorgte zudem eine Meldung, dass Dokumente aus dem Kirchenarchiv zerstört worden sein sollen. Nun soll der Vatikan bei der Aufklärung dieser Vorwürfe helfen. Die chilenische Regierung wertet das Eingreifen des Papstes als positiv: "Wir hoffen, dass es nun eine neue Etappe innerhalb der chilenischen Kirche gibt", sagte Regierungssprecherin Cecilia Perez.

Treffen mit den Opfern

Aus dem Vatikan heißt es zudem, dass der Fall des irischen Geistlichen John O'Reilly kirchenrechtlich neu aufgerollt werden soll. Dem prominenten TV-Priester wird vorgeworfen, in Chile als Schulseelsorger ein damals siebenjähriges Mädchen missbraucht zu haben. Im Jahr 2015 wurde er zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Vom 1. bis 3. Juni wird Papst Franziskus eine weitere Gruppe von Opfern des chilenischen Missbrauchsskandals treffen. Es handle sich um fünf Geistliche aus dem Umkreis des verurteilten Priesters Fernando Karadima, teilte der Vatikan am Dienstagabend mit. Die Gruppe werde begleitet von zwei weiteren Priestern sowie zwei Laien, die mit dem Fall befasst gewesen seien. Mit dem Treffen, das bereits vor einem Monat vereinbart worden sei, wolle Franziskus seine Nähe zu den Opfern ausdrücken.

Schutz und Verleumdung

Der heute 87-jährige Karadima, der über Jahrzehnte zu den charismatischsten und einflussreichsten katholischen Geistlichen Chiles zählte, wurde des Missbrauchs für schuldig befunden. Aus seinem Kreis gingen mehrere Bischöfe hervor, unter ihnen auch Juan Barros von Osorno, der von Opfern Karadimas der Mitwisserschaft beschuldigt wird. Papst Franziskus hatte solche Vorwürfe bei seinem Chile-Besuch im Januar noch als "Verleumdungen" bezeichnet, ehe er eine neue Untersuchung anordnete. Vorwürfe gibt es ebenfalls gegen Kardinal Francisco Javier Errazuriz: Er wird beschuldigt, Karadima vor Strafverfolgung geschützt zu haben.

Kardinal Ezzati mit Papst Franziskus (r) / © Giuseppe Lami (dpa)
Kardinal Ezzati mit Papst Franziskus (r) / © Giuseppe Lami ( dpa )
Autor/in:
Tobias Käufer
Quelle:
KNA