Der Papst und die Rücktrittsangebote der chilenischen Bischöfe

Eine Pattsituation

Paukenschlag in Rom: Die chilenischen Bischöfe haben geschlossen Papst Franziskus ihren Rücktritt angeboten. Damit ziehen sie die Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal der Kirche in ihrem Land. Was bedeutet dieser Schritt?

Papst mit chilenischen Bischöfen / © Paul Haring (KNA)
Papst mit chilenischen Bischöfen / © Paul Haring ( KNA )

DOMRADIO.DE: Alle Bischöfe Chiles haben dem Papst ihren Rücktritt angeboten. Ein drastischer Schritt. Gab es so etwas schon einmal?

Pater Bernd Hagenkord (Vatican News): Ja und Nein. Es hat schon mal eine solche Art von Treffen gegeben, wo der Papst sämtliche Bischöfe oder Kardinäle – wie im Fall der USA – nach Rom eingeladen hat. Dass die Bischöfe jetzt komplett einen solchen Brief unterschreiben und sagen: Heiliger Vater, wir legen unsere Aufgaben in deine Hand – das ist es, was Sie sagen – also, etwas überspitzt formuliert, ihren Rücktritt angeboten haben, ist schon neu. Aber es entspricht ein bisschen der Dramatik in Chile selbst. Die Kirche im Land leidet an einem unglaublichen Vertrauensverlust. Und jetzt braucht es eben klare Schritte und das bieten die Bischöfe dem Papst an.

DOMRADIO.DE: Jetzt war das Ganze nicht hundert Prozent unerwartbar. In der vergangenen Nacht hat ein chilenischer Fernsehsender ein Schreiben des Papstes veröffentlicht, in welchem er auch personelle Konsequenzen für diesen Missbrauchsskandal in Chile fordert. Es ist in gewissem Sinne auch eine Erwartungshaltung, die da zum Ausdruck gebracht wird, oder?

Hagenkord: Der Text des Papstes war für die Bischöfe bestimmt. Ich weiß nicht, inwieweit er überhaupt für die Öffentlichkeit bestimmt war. Er hat das ja Ihnen gegeben, und sie sollten darüber nachdenken und sollten das durchbeten. Daraufhin aufbauend sind dann die Gespräche am Mittwoch und am Donnerstag geführt worden. Dieser Text, der da gestern aufgetaucht ist oder eine Version davon – ich kann es auch nicht beurteilen wie authentisch der ist – ist ihnen am Dienstag gegeben worden. Der Papst hat, wenn das stimmen sollte, den Bischöfen klaren Wein eingeschenkt und das entspricht schon den Erwartungen.

DOMRADIO.DE: Es ist ja leider nicht so, dass Chile das einzige Land wäre, in dem die Kirche Probleme mit Missbrauchsskandalen in den vergangenen Jahrzehnten und auch aktuell hat. Aber in anderen Ländern wird so ein Schritt nicht vollzogen. Die chilenischen Bischöfe sind die Ersten, die das machen. Wie erklärt sich diese Vorgehensweise?

Hagenkord: Ich finde das sehr schwer. Ich habe vor neun Jahren ein paar Monate in Chile gelebt. Da war Missbrauch auch schon ein Thema. Aber noch längst nicht so stark und dramatisch wie es im Augenblick der Fall ist. Wenn das so stimmt, was mir meine Freunde dort aus der Kirche erzählen, dann kann ich nur sagen, dass das, was wir in Deutschland oder in Zentraleuropa in den Jahren 2010 bis 2012 erlebt haben, schwächer gewesen ist.

Die Dramatik und die Wucht in Chile sind stärker. Denen fliegt sozusagen gerade die ganze Kirche um die Ohren. Das ist nicht nur Missbrauch von Minderjährigen, das ist alles Mögliche. Den Bischöfen wird vorgeworfen, sich komplett vom Volk entfernt zu haben. Es gibt geistliche Parallel-Bewegungen im Land; es ist auch eine Geldfrage; eine Frage, wer eigentlich in dieser Kirche entscheidet. Wer hört zu, wer hört nicht zu? Dann ist da noch die ganze Geschichte, die wir nicht vergessen dürfen, die aber auch im Hintergrund mitspielt: nämlich die der Diktatur. Wie haben sich die Bischöfe damals dagegen gestellt? Wie sind Sie mitgeschwommen? Das ist alles irgendwie miteinander verwoben und explodiert jetzt vulkanartig.

Ich glaube, diese gemeinschaftliche Aktion "Wir bieten jetzt dem Papst unseren Rücktritt an und er kann darüber verfügen, was wir tun und nicht tun", entspricht ein bisschen der Dramatik. Ich glaube aber nicht, dass die Situation durch eine einzelne Entscheidung nach dem Motto "Alle treten zurück oder ich ersetze fünf von diesen 30 oder wie auch immer so eine Allmachtsphantasie mit einer Entscheidung aussehen könnte" auflösbar ist. Das wird sich nicht erfüllen. Das wird noch Jahre und Jahrzehnte dauern, bis die Kirche Chiles da wieder raus ist.

DOMRADIO.DE: Wie wird es jetzt konkret weitergehen? Kann man das schon sagen? Der Ball liegt in gewissem Sinne im Feld vom Papst. Er muss entscheiden. Treten die Bischöfe zurück oder nicht?

Hagenkord: Das ist eine gute Frage. Der Papst hat ja eigentlich gesagt, die Bischöfe müssen jetzt handeln. Die Bischöfe reagieren nun in gewisser Weise damit, dass der Heilige Vater sagen solle, wie man weiter vorgeht und wer weitermachen soll und wer nicht. Das ist eine Pattsituation.

Ich glaube, es müssen die Bischöfe erst einmal in die Diözesen zurückgehen und erklären, ob sie noch weiter ein Bischof sind. Denn wenn sie den Rücktritt anbieten, dann könnten natürlich auch die Bischofsmitarbeiter sagen: "Dann bist du nicht mehr mein Chef". Sie müssen gucken, wie sie da wieder in ihren Bistümern ankommen und dann die nächsten Schritte machen, hin zur Aufklärung, hin zum Zuhören, hin zu Verfahren zur Verhinderung und Prävention. Das sind Dinge, die folgen müssen.

Das wird nicht morgen passieren können, das wird nicht übermorgen passieren können, aber es wird jetzt bald passieren müssen. Dann werden wir sehen, ob das Vertrauen zurückgewonnen werden kann oder ob es vielleicht einige Auswechslungen auf Bischofsstühlen geben wird. Keine Ahnung. Das sind Dinge, die sich in nächsten Monaten, aber sicherlich nicht morgen und übermorgen ergeben.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Bernd Hagenkord / © Radio Vatikan (dpa)
Bernd Hagenkord / © Radio Vatikan ( dpa )
Quelle:
DR