Missbrauchsbeauftragte Claus kritisiert Woelkis PR-Strategie

Beteiligung Betroffener nicht auf Augenhöhe?

Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, kritisiert die PR-Strategie der Leitung des Erzbistums Köln um Kardinal Rainer Maria Woelki bei der Missbrauchsaufarbeitung.

Erzbischof von Köln: Rainer Maria Kardinal Woelki / © Rolf Vennenbernd (dpa)
Erzbischof von Köln: Rainer Maria Kardinal Woelki / © Rolf Vennenbernd ( dpa )

Claus sagte am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur, Betroffenenbeteiligung müsse auf Augenhöhe und in voller Transparenz erfolgen: "Stattdessen Betroffene im Kontext von institutionellen Aufarbeitungsprozessen zur Verfügungsmasse zu degradieren und neuerlich die sich beteiligenden Mitglieder eines solchen partizipativen Gremiums massivster Machtmanipulation zu eigenem Nutzen zu unterwerfen, ist anmaßend und empörend."

Kerstin Claus / © Harald Oppitz (KNA)
Kerstin Claus / © Harald Oppitz ( KNA )

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" hatte am Freitag über interne Unterlagen von Woelkis PR-Beratern berichtet. Demnach rieten die Fachleute dem Kardinal und seinem damaligen Generalvikar Markus Hofmann unter anderem, den Betroffenenbeirat des Erzbistums auf ihre Linie zu bringen, was einen angedachten Gutachter-Wechsel im Oktober 2020 anging. Die Fachleute sollen Tipps gegeben haben, wie dieses Ziel zu erreichen und die Betroffenen zu überzeugen seien.

Kardinal Woelki studiert das Gutachten (DR)
Kardinal Woelki studiert das Gutachten / ( DR )

Ende Oktober 2020 gaben das Erzbistum und der Betroffenenbeirat gemeinsam bekannt, dass der damals beauftragten Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) das Mandat für eine Missbrauchsuntersuchung entzogen werde. Das Gutachten war bereits fertig erstellt, jedoch noch nicht veröffentlicht. Es zeige methodische Mängel und sei nicht rechtssicher, so das Erzbistum, das eine neue Untersuchung bei einer anderen Kanzlei in Auftrag gab.

Recht auf Aufarbeitung

Später zogen sich mehrere Mitglieder des Betroffenenbeirats aus dem Gremium zurück. Sie seien bei der Zustimmung zu dem Gutachter-Wechsel überrumpelt worden und fühlten sich ein zweites Mal missbraucht, sagten einige.

Eines der Mitglieder war Karl Haucke, der heute im Betroffenenrat der Missbrauchsbeauftragten sitzt. Er forderte am Freitag Woelkis Rücktritt. Der Kardinal habe die Betroffenen für seine Interessen benutzt, so Haucke. Das sei mit Demütigung und Ohnmacht verbunden - ebenso wie die Missbrauchstaten selbst. Er forderte zudem weitere personelle Konsequenten auf Ebene des mittleren Managements im Erzbistum. So habe etwa die Interventionsstelle bei der Umsetzung der PR-Strategie offenbar nur zugesehen.

Sollten sich die Recherchen des "Kölner Stadt-Anzeigers" bewahrheiten, zeige dies, wie wenig Woelki und sein Leitungsteam vom Wert der Betroffenenbeteiligung verstanden hätten, sagte Claus. Sie forderte ein Recht auf Aufarbeitung, um die unabhängige Beteiligung von Betroffenen abzusichern.

Woelkis Berater hingegen verteidigten das Vorgehen. "Die Bedürfnisse des Betroffenenbeirats nach Transparenz und Konsequenz waren stets handlungsleitend für die von uns empfohlene Strategie", teilte Kommunikationsexperte Torsten Rössing der KNA mit.

Anwalt verteidigt Strategie

Das Erzbistum sei "richtigerweise" darin bestärkt worden, "dass eine Entscheidung in der Sache nicht ohne den Betroffenenbeirat erfolgen kann und sollte, da dessen Stimme gewichtig ist und die Stimme der Betroffenen, sowie deren berechtigtes Bedürfnis nach Transparenz keineswegs übergangen werden sollte", ergänzte der Medienanwalt Carsten Brennecke: 

18. März 2021: Rechtsanwalt Brennecke übergibt Kardinal Woelki Gutachten / © Ina Fassbender (dpa)
18. März 2021: Rechtsanwalt Brennecke übergibt Kardinal Woelki Gutachten / © Ina Fassbender ( dpa )

"Hätte der Betroffenenbeirat gegen die Nichtveröffentlichung des WSW-Gutachtens gestimmt, dann wäre auch eine Neubewertung der Situation und Handlungen erfolgt."

Das Erzbistum selbst wollte sich zu den "vertraulichen Papieren" nicht äußern. Zwischen 2019 und 2021 hatte es 2,8 Millionen Euro im Zuge der Missbrauchsaufarbeitung für Anwälte und PR-Fachleute ausgegeben. Davon flossen allein 820.000 Euro in die Kommunikationsberatung des in eine Vertrauenskrise geratenen Erzbischofs.

Vor rund einem Jahr schaltete sich Papst Franziskus in die Kölner Vorgänge ein. Mittlerweile hat Woelki dem Papst seinen Rücktritt angeboten, über den dieser noch nicht entschieden hat.

Chronologie der Ereignisse im Erzbistum Köln

25. September 2018: Die Deutsche Bischofskonferenz stellt eine bundesweite Studie zu Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Geistliche vor. In den Kirchenakten von 1946 bis 2014 fanden die Autoren Hinweise auf bundesweit 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute. Im Erzbistum Köln verzeichnen sie mindestens 135 Betroffene und 87 beschuldigte Priester.

Dunkle Wolken über dem Erzbistum Köln (shutterstock)
Dunkle Wolken über dem Erzbistum Köln / ( shutterstock )

 

Autor/in:
Anita Hirschbeck
Quelle:
KNA
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