KNA: Bischof Overbeck, auf der letzten Münchner Sicherheitskonferenz sorgte ein Auftritt von US-Vizepräsident J. D. Vance für Irritationen. Welchen Zweck können solche Treffen noch haben - außer US-amerikanischen Politikern eine Bühne zu bieten?
Bischof Franz-Josef Overbeck (Militärbischof und Bischof von Essen): In der jetzigen schwierigen Lage liegt die Chance des Münchner Sicherheitstreffens darin, dass Akteure, die sonst kaum miteinander sprechen, in direkten Kontakt treten. Wenn es nur um den Austausch von Informationen ginge, wären digitale Formate sicher weniger aufwendig. Aber gerade in der internationalen Politik geht es um das Verstehen des Anderen und den Aufbau von Vertrauen. Und da ist persönliche Begegnung durch nichts zu ersetzen.
KNA: Wie wirkt sich das erratische Verhalten der Trump-Regierung auf die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr aus?
Bischof Overbeck: Ein Sicherheitsgefühl, das seit Ende des Zweiten Weltkriegs gegolten hat, schwindet. Die täglich neuen Ankündigungen von Präsident Trump, etwa zu Grönland, lassen das Vertrauen in die USA schwinden. Hinzu kommt ein Umgang mit Lüge und Wahrheit, den viele Menschen mit Blick auf die Vereinigten Staaten nie für möglich gehalten hätten.
KNA: Sinkt die Moral in der Truppe?
Bischof Overbeck: Viele Soldatinnen und Soldaten verlassen sich auf das, was den Alltag in der Truppe trägt: klare Strukturen, professioneller Umgang und Verlässlichkeit. Sie gehen davon aus, dass diese Stabilität auch künftig im Verhältnis zu den USA gilt - und dass die USA weiterhin ein berechenbarer Partner bleiben.
KNA: Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass Europa stärker für sich selbst sorgen muss. Derzeit wird intensiv über einen europäischen Nuklearschirm diskutiert. Ist das vereinbar mit der katholischen Position, wonach Atomwaffen abgeschafft gehören?
Bischof Overbeck: Es bleibt beim Nein der katholischen Kirche zum Einsatz von Atomwaffen. Die andere Frage ist, ob sie, wie schon in den 1980er-Jahren, eine Abschreckungsfunktion erfüllen können - ohne dass sie eingesetzt werden.
KNA: Ein schmaler Grat.
Bischof Overbeck: Die ethischen Risiken bleiben enorm. Ich wäre froh, wenn Atomwaffen abgeschafft wären.
KNA: Kann es angesichts der aktuellen ethischen Situation geboten sein, in Rüstung zu investieren?
Bischof Overbeck: Es ist sogar notwendig, das zu tun.
KNA: Warum?
Bischof Overbeck: Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der Zugriff Europas auf Waffenarsenale nach dem Zweiten Weltkrieg konkret zur Sicherheit beigetragen hat, zunächst durch Abschreckung gegenüber der Sowjetunion, später gegenüber Russland.
KNA: Hielten Sie es für vertretbar, wenn Kirchenbanken das Geld ihrer Kunden auch in Rüstungskonzernen anlegen?
Bischof Overbeck: Man muss an dieser Stelle eine Güterabwägung vornehmen und wissen, mit welchem Ziel die entsprechenden Waffen eingesetzt werden. Dabei ist der Aufbau der Verteidigungsfähigkeit deutlich von bestimmten Rüstungsexporten zu unterscheiden. Aus einer solchen Güterabwägung kommen wir in so hochkomplexen Zeiten nicht heraus.
KNA: Die Bundeswehr arbeitet daran, ihr Personal aufzustocken. Zu den Freiwilligen könnten sich möglicherweise demnächst auch wieder Wehrpflichtige gesellen. Was bedeutet das für die Militärseelsorge?
Bischof Overbeck: Die Militärseelsorge, egal ob evangelisch, katholisch oder jüdisch, ist dafür da, den Soldatinnen und Soldaten beizustehen und nach dem Maß des Möglichen für ethische Orientierung zu sorgen. Das gilt sowohl im persönlichen Leben als auch im beruflichen. Wenn jetzt wieder mehr Soldaten eingezogen werden, ändert sich zunächst einmal nichts an den Aufgaben.
KNA: Aber?
Bischof Overbeck: Was sich ändert, ist die Perspektive. Nach den Jahren der Auseinandersetzungen zwischen Ost und West kamen die Kriege auf dem Balkan, in Afghanistan und in Mali, die eher den Charakter von Bürgerkriegen hatten. Mit dem Krieg in der Ukraine kommt eine ganz neue Gefahrenwelt auf uns zu. Das müssen wir intensiv begleiten, nicht nur bei den Soldatinnen und Soldaten, sondern auch bei deren Familien. Die Ängste, möglicherweise in einen Krieg involviert zu werden, steigen und sind nicht von der Hand zu weisen.
KNA: Braucht es mehr Militärseelsorger?
Bischof Overbeck: Wir wissen: Seelsorgerinnen und Seelsorger sind in solchen Situationen dringend nötig - zu Hause, aber auch an den Schauplätzen von möglichen Kämpfen, von denen ich hoffe, dass sie nicht stattfinden. Wir bereiten uns darauf aber genau vor, wohl wissend, dass wir eine Priorisierung der Aufgaben vornehmen müssen angesichts der nicht sehr großen Zahl von Priestern und Pastoralreferentinnen und -referenten, die in der katholischen Kirche für diese Aufgaben zur Verfügung stehen.
KNA: In der Politik gibt es Stimmen von Links- und Rechtsaußen, die darauf hinarbeiten, die Militärseelsorge ganz abzuschaffen.
Bischof Overbeck: Ich würde behaupten, dass ein solcher Schritt auf Widerstand bei den Soldatinnen und Soldaten stoßen würde. Über 90 Prozent von ihnen nehmen unsere Gespräche und sonstigen Angebote in Anspruch, obwohl nur 50 Prozent aller Soldatinnen und Soldaten getauft sind.
KNA: Woher kommt diese Resonanz?
Bischof Overbeck: Bei uns können Dinge besprochen werden, die in keiner Kommando- und Befehlsstruktur der Bundeswehr je gesagt werden könnten.
KNA: Die katholische Friedensethik hat ihre Wurzeln im 12. Jahrhundert. Ist sie noch zeitgemäß?
Bischof Overbeck: Aus der Tradition heraus hat es immer ein Recht auf Selbstverteidigung gegeben, das natürlich entsprechend zu begründen ist. Zugleich gilt, dass man alles tun muss, um den Krieg abzuwenden, und dass man während eines möglicherweise stattfindenden Krieges dazu verpflichtet ist, für eine Beendigung dieser Auseinandersetzung Sorge zu tragen. Zum Begriff des gerechten Krieges haben die meisten heute eine nachvollziehbare innere Distanz, weil im Grunde genommen kein Krieg gerecht sein kann. Aber die Leistung von damals bestand darin, Konflikte einzuhegen.
KNA: Die Kriegsführung hat sich allerdings massiv gewandelt seit dem Mittelalter.
Bischof Overbeck: Als Russland vor vier Jahren die Ukraine überfiel, haben wir zunächst Grabenkämpfe und den Einsatz von Panzern gesehen, wie wir das aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kannten. Inzwischen befinden wir uns in einem Drohnenkrieg, der aus der ganzen Ukraine ein Schlachtfeld macht. Hinzu kommt die Ausweitung des Krieges in die digitale Welt.
KNA: Das klingt, als gebe es einen dringenden Bedarf, die katholische Friedensethik zu aktualisieren.
Bischof Overbeck: Das ist so, und das erleben Sie ja momentan auf vielen Feldern. All die Grenzen, die wir für klar hielten, werden hinterfragt. Das liegt an den vielen Formen von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der rasant fortschreitenden Digitalisierung. Um beim Militär und der dort eingesetzten Technologie zu bleiben: Nötig ist ein höheres Reflexionsniveau, damit die Soldatinnen und Soldaten wissen, was getan und was vor allen Dingen gelassen werden muss.
KNA: Hat Pazifismus als Haltung noch eine Daseinsberechtigung?
Bischof Overbeck: Ich würde entschlossene Pazifisten nie als naiv bezeichnen und es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die den Frieden als Beste aller Dinge sichtbar halten. Zugleich erinnere ich mich an viele Demonstrationen in meiner Jugend, getragen von der Überzeugung, Frieden lasse sich auch ohne Waffen schaffen. Doch der Kalte Krieg - bis hin zum NATO-Doppelbeschluss der 1980er-Jahre - hat gezeigt, dass letztlich eine zugegeben merkwürdige, aber wirksame Kombination aus Dialog und Aufrüstung dazu beitrug, militärische Eskalationen zu verhindern. Angesichts der neuen Bedrohung scheint mir vor allem eines sicher: Es gibt keine einfachen Antworten. Auch dann nicht, wenn reiner Pazifismus aus bester Absicht auf den Plan tritt.
Das Interview führte Joachim Heinz.