DOMRADIO.DE: Worum geht es im Projekt der Herberge "La 72" in Mexiko?
Gabriel Romero Alamilla OFM (Provinzialminister der Franziskanischen Provinz San Felipe de Jesús im Südosten Mexikos): Unser Projekt basiert auf vier zentralen Säulen: Menschenrechte, Strukturwandel, humanitäre Hilfe und die Unterstützung schutzbedürftiger Gruppen. Tagsüber sorgen unsere Teams für eine verlässliche Betreuung und organisieren den Alltag.
Dazu gehören unter anderem der morgendliche Hausputz, das gemeinsame Frühstück, Arbeits- und Bürozeiten, Ruhephasen, Freizeitaktivitäten sowie das Abendessen. Den Tag lassen wir oft gemeinsam bei einem Film ausklingen. Unser Team setzt sich aus Ordensleuten, Mönchen, Nonnen und engagierten Freiwilligen zusammen.
Unser Haus befindet sich nahe der Grenze zwischen Mexiko und Guatemala, in der Stadt Tenosique. Diese liegt etwa 60 Kilometer von einem wichtigen Grenzübergang entfernt, den viele zentralamerikanische Migrantinnen und Migranten auf ihrem Weg nach Mexiko und weiter in den Norden passieren. Seit 12 Jahren sind wir bereits vor Ort tätig und setzen uns kontinuierlich für humanitäre Hilfe sowie den Schutz der Menschenrechte ein.
DOMRADIO.DE: Wie viele Migrantinnen und Migranten befinden sich derzeit in "La 72"?
Romero: Statistisch gesehen überquerten zwischen 2015 und 2020 monatlich etwa 50.000 bis 60.000 Migrantinnen und Migranten die Grenze. Während der Pandemie ging diese Zahl aufgrund von Einschränkungen und verstärkten Gesundheitskontrollen deutlich zurück. Auch politische Entwicklungen auf internationaler Ebene, insbesondere während der Amtszeit von Donald Trump in den Vereinigten Staaten, trugen zu einem Rückgang bei.
Während wir früher rund 5.000 Menschen pro Monat betreuten, sind es heute nur noch etwa 150 bis 200 Personen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich Migrationsrouten schnell verändern: Werden an einer Strecke verstärkt Kontrollen eingerichtet, weichen die Menschen häufig auf andere Wege aus.
DOMRADIO.DE: Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Romero: Die Entwicklung ist auf eine gezielte außenpolitische Strategie zurückzuführen, die von mehreren Faktoren geprägt ist. Dazu gehören unter anderem verstärkte Grenzkontrollen durch die Nationalgarde sowie eine zurückhaltende Praxis der Behörden bei der Vergabe von Asyl- und Durchreisegenehmigungen.
Hinzu kommt die Einschränkung des Güterzugs, den viele Migrantinnen und Migranten früher nutzten, um Mexiko zu durchqueren. Insgesamt entstand so ein strategisches System aus Kontrollpunkten und Migrationskontrollen, das darauf abzielt, die Weiterreise von Menschen ohne gültige Papiere zu verlangsamen. Dieser Mechanismus erstreckt sich über mehrere Länder hinweg – von den Vereinigten Staaten über Mexiko bis nach Mittelamerika.
DOMRADIO.DE: Aus welchen Ländern stammen die Menschen?
Romero: Die Menschen kommen überwiegend aus Ländern Zentralamerikas, insbesondere aus Honduras, Guatemala und Nicaragua. Darüber hinaus kommen auch Menschen aus Venezuela und Kuba sowie aus anderen Teilen der Karibik, etwa aus Haiti. Vereinzelt reisen auch Personen von außerhalb des amerikanischen Kontinents an, zum Beispiel aus afrikanischen Ländern. Aus Südamerika sind unter anderem Menschen aus Peru, Chile und Argentinien vertreten.
DOMRADIO.DE: Worüber sprechen die Menschen in der Unterkunft? Welche Ängste beschäftigen sie?
Romero: Derzeit sprechen viele Menschen vor allem über die Abschiebepolitik der USA. Seit der Einführung der Maßnahmen der Einwanderungsbehörde ICE kommt es vermehrt zu Zwangsfestnahmen an Arbeitsplätzen, in Schulen oder auf offener Straße. Wie wir selbst erlebt haben, werden dabei auch große Gruppen ohne weitere Vorwarnung abgeschoben.
DOMRADIO.DE: Wie unterstützen Sie die Menschen persönlich, insbesondere in Bezug auf ihren Glauben und ihre Hoffnung?
Romero: In Mexiko gibt es auf den Straßen kriminelle Banden, die Angst, Unsicherheit und Verfolgung verursachen. Menschen verschwinden, werden erpresst oder sogar getötet, sodass es gefährlich ist, sich frei zu bewegen. Deshalb bauen wir rund um unsere Unterkunft Gemeinschaften auf, die die Menschen begleiten. Wir sagen: "Hab keine Angst." Wenn eine Familie nach Hilfe fragt und nur eine Nacht bleiben kann, begleite sie und zeige ihr den Weg zu unserer Unterkunft. Dort finden sie einen sicheren Ort mitten in der Gefahr, an dem wir sie aufnehmen und betreuen können.
Wir bieten Gebetszeiten, Mahlzeiten, Sport, Unterricht für die Kinder sowie kulturelle und soziale Aktivitäten, um sie zu unterstützen. Außerdem gibt es ein Menschenrechtsbüro, in dem Anwälte versuchen, die Einwanderungsformalitäten zu regeln und den Menschen den Weg zu erleichtern. Besonders schwierig ist bisher die Bearbeitung der Einwanderungsformalitäten, da viele Ämter geschlossen sind.
DOMRADIO.DE: Wie sicher sind die Menschen auf dem Weg in die USA?
Romero: In Mexiko, den USA und auch in Mittelamerika sind organisierte kriminelle Gruppen, sogenannte Kartelle, weit verbreitet. Migrantinnen und Migranten werden für sie zu leichten Opfern: Sie müssen oft Gebühren oder Schutzgeld zahlen oder werden zwangsweise in kriminelle Strukturen eingegliedert.
Manchmal sind auch Polizisten oder Grenzbeamte in diese Praktiken verwickelt und beteiligen sich an der Korruption und den damit verbundenen Entführungen. Der Staat ist in vielen Regionen schwach, da er zulässt, dass diese kriminellen Gruppen ungehindert operieren.
DOMRADIO.DE: Gibt es entlang der Route der Migrantinnen und Migranten auf dem Weg in die USA weitere Herbergen wie "La 72"?
Romero: In Mexiko und Mittelamerika gibt es das sogenannte "franziskanische Netzwerk". Gemeinsam mit Menschenrechts- und Advocacy-Teams beobachten wir, wie die Gruppen die Route passieren. Alle zwei Wochen oder einmal im Monat treffen wir uns, um Statistiken und Situationsanalysen der einzelnen Herbergen zu besprechen.
In Mexiko gibt es solche Häuser in Tenosique, Veracruz, Tampico, Monterrey, Guaymas und Tijuana. So überwachen wir die gesamte Route. Auch wenn die Teams unabhängig arbeiten, stehen wir alle miteinander in Kontakt.
DOMRADIO.DE: Gibt es unter all den Menschen, die Sie kennengelernt haben, eine Person, an die Sie sich besonders gut erinnern?
Romero: Bei unserer Arbeit in der Unterkunft versuchen wir selbstverständlich, enge Bindungen oder psychologische Abhängigkeiten zu vermeiden. Unsere Arbeit bleibt auf humanitäre Hilfe fokussiert, und wir geben persönliche Informationen von uns selbst nur sehr sparsam weiter. Wir bitten die Menschen lediglich, sich bei Bedarf an die Einrichtung zu wenden.
Dennoch kommt es nach vielen Jahren der Begleitung immer wieder vor, dass man plötzlich einen Anruf oder eine Nachricht erhält, sei es über Facebook oder andere soziale Netzwerke, mit Dank und positiven Neuigkeiten. Manche Migrantinnen und Migranten leben inzwischen an anderen Orten, arbeiten dort und berichten voller Dankbarkeit und Hoffnung. Solche Geschichten sind kleine Lichtblicke der Hoffnung mitten in der oft schwierigen Lebensrealität der Menschen.
DOMRADIO.DE: Wenn man die aktuelle Lage bezüglich ICE in den Vereinigten Staaten betrachtet, was denken Sie darüber?
Romero: Ich sehe, dass die internationale Politik einen sehr starken Einfluss hat, besonders durch die Politik der US‑Regierung unter Donald Trump, deren Maßnahmen von der Einwanderung‑ und Zollbehörde ICE umgesetzt werden. Die Regierung unter Trump will Migranten zurück in ihre Heimatländer schicken und ihnen die Möglichkeit verweigern, Zuflucht oder Asyl zu erhalten. Dabei wurden Familien auseinandergerissen und unschuldige Menschen in Stadtvierteln und Schulen festgenommen. Ich denke, dass durch das Verschwinden und die Inhaftierung dieser Menschen eine Menschenrechtskrise heraufbeschworen wird.
Trotz all dem sehe ich, dass es – zum Beispiel in Minnesota und Minneapolis – große Volksproteste gibt, die sich gegen die Maßnahmen der ICE richten und die Migranten unterstützen. Die tödlichen Schüsse auf Renée Good waren überall in den Nachrichten. Eine Frau, die an vorderster Front stand und von einem ICE‑Agenten in Minneapolis erschossen wurde. Sie war US-Amerikanerin. Der Vorfall hat viele Menschen tief bewegt.
Für viele Migrantinnen und Migranten und auch für diejenigen, die sich für Migrantenrechte einsetzen und Solidarität zeigen, gelten Menschen wie sie als Vorbilder, weil sie sich öffentlich engagiert und ihre Stimme erhoben hat. Aus dieser Dynamik ist eine breite Bewegung entstanden, die sich gegen die ICE-Einsätze und die Kriminalisierung von Migranten wendet. Ich sehe darin einen Sieg des Volkes und der sozialen Bewegungen. Deshalb ist es wichtig, dass wir gute Kommunikations‑ und Meldesysteme haben.
Das Interview führte Carolina Graef Alarcón.