Meinungen über Rolle Pius XII. in NS-Zeit gehen auseinander

Wie viel hat Pius XII. gewusst?

Bei einem Fachkongress in Rom sind am Mittwoch weitere Forschungsergebnisse zur Rolle von Papst Pius XII. im Zweiten Weltkrieg präsentiert geworden. Sie führten zu stark divergierenden Einordnungen des historischen Befundes.

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel
Papst Pius XII., wie viel hat er von der Grausamkeit der Nazis gewusst? (KNA)
Papst Pius XII., wie viel hat er von der Grausamkeit der Nazis gewusst? / ( KNA )

Vatikan-Archivar Johan Ickx vertrat bei der Tagung an der Gregoriana-Universität in Rom die These, kein anderer Staat in Europa habe in der Nazi-Ära so systematisch verfolgten Juden geholfen wie der Vatikan. Unterdessen präsentierte der italienische Historiker Michele Sarfatti eine Reihe Dokumente, die nahelegen, dass Pius XII. (1939-1958) noch früher und umfassender über die Massenvernichtung der Juden im Deutschen Reich informiert war als bisher bekannt.

Eigenes Büro für Judenhilfe

Archivar Icks führte aus, dass nur der Heilige Stuhl ein eigenes Büro für die Judenhilfe gehabt habe, mehr als 70.000 Briefe seien darüber abgewickelt worden. In vielen Fällen habe das Büro helfen können, betonte er. Der aus Belgien stammende Historiker leitet im Staatssekretariat des Heiligen Stuhls das historische Archiv der Abteilung für die Beziehungen zu den Staaten.

Nach Darstellung von Ickx erstreckte sich die kirchliche Hilfe sowohl auf getaufte wie auf nicht getaufte Juden in ganz Europa. Sie sei teils im Untergrund, teils über offizielle diplomatische Kanäle organisiert worden. In Rom sei sie mit Unterstützung des Papstes vor allem über Ordenspriester gelaufen. Darüber hinaus seien in ganz Italien Geistliche und Klöster beteiligt gewesen. Auch mehrere Bischöfe, etwa die von Genua, Mailand, Florenz und Assisi, hätten damals den Verfolgten geholfen.

Keiner habe sich Hilfegesuchen verweigert

Zur Rolle der Papst-Botschafter, der Apostolischen Nuntien, in den Staaten Europas bemerkte Ickx, keiner von ihnen habe sich den Hilfegesuchen von verfolgten Juden verweigert; die meisten seien "höchst aktiv" gewesen. Einige von ihnen seien deshalb in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt worden. Es sei unbestreitbar, dass sie alle im Auftrag von Papst Pius XII. handelten.

Historiker Sarfatti beleuchtete andere Aspekte. Ihm zufolge war das vatikanische Staatssekretariat die staatliche Behörde in Europa, die mehr Informationen über die massenhafte Vernichtung von Juden erhielt als jede andere in ihrer Zeit.

Briefe von Massenmorden

Neben Verfolgten und jüdischen Verbänden hätten auch Geistliche aus den betroffenen Gebieten sowie die päpstlichen Diplomaten den Vatikan zahlreiche Informationen zukommen lassen. Bereits im Frühjahr 1942 seien mehrere Briefe beim Staatssekretariat eingetroffen, die von "Massenerschießungen" und von "Tötungen bis hin zur Ausrottung der jüdischen Bevölkerung" in Osteuropa berichteten.

Am 12. Juli 1942 habe der Papstbotschafter in Polen in einem Brief an die Zentrale im Vatikan erstmals geschrieben, dass laut einem Bericht der polnischen Regierung Juden in Gaskammern ermordet wurden. Dies ist laut Sarfatti das nach jetzigem Forschungsstand früheste Dokument im Vatikan, das glaubhaft von Gaskammern spricht.

Dokumente über die Grausamkeit der Nazis

Der Historiker zählte weitere Dokumente auf, die dem Vatikan über die grausame Besatzungspolitik der Nazis, bevorstehende Deporationen und "Hochöfen der SS" berichteten. Die einzige öffentliche Reaktion des Papstes sei seine Weihnachtsansprache vom 24. Dezember 1942 gewesen, in der er beklagte, dass "Hunderttausende Unschuldige bisweilen nur wegen ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung dem Tode geweiht sind".

Die Kirche und der Nationalsozialismus in Deutschland

Pflicht, Opfer, Vaterland: Als Hunderttausende katholischer deutscher Soldaten ab 1. September 1939 in den Zweiten Weltkrieg zogen, vermieden die meisten Bischöfe politische Stellungnahmen. Einzig der Münsteraner Bischof Clemens August von Galen rechtfertigte den Krieg unter Verweis auf den "ungerechten Gewaltfrieden" von Versailles 1918.

Turm der St. Matthiaskirche in Berlin (shutterstock)
Quelle:
KNA