Kongress zu Pius XII. und den Juden debattiert weiter

Zwischen "Brudervolk" und "Rasse"

Was hat der Vatikan in der NS-Zeit für die Juden getan und wo hat er versagt? Experten sprechen derzeit bei einem Kongress in Rom über die Rolle es damaligen Papstes Pius XII. Seriöse Resultate werden erst in einigen Jahren erwartet.

Autor/in:
Johannes Schidelko und Ludwig Ring-Eifel
Papst Pius XII  (KNA)
Papst Pius XII / ( KNA )

An der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom diskutieren rund 150 Historiker und Theologen erneut über die Rolle von Papst Pius XII. im Zweiten Weltkrieg. Am Dienstag sollte bei der Veranstaltung unter anderem herausgearbeitet werden, wer 1944 in Rom Juden beschützte und warum.

Juden als "Brudervolk"

Zuvor steht die Frage im Mittelpunkt, welche Ideen von Nationen, Rassen und Religionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Denkwelt der führenden Köpfe in der katholischen Kirche prägten. Anlass des Kongresses sind neue Forschungen seit der Öffnung der vatikanischen Archive im März 2020. Dadurch sind rund 19 Millionen Dokumente aus der Zeit von 1939 bis 1958 zugänglich.

Am ersten Tag hatte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin erklärt, die Dokumente tauchten Pius XII. in neues Licht. Als Beispiel nannte er zwei Vatikan-Schreiben von 1916 und 1919 an jüdische Organisationen, in denen es hieß: "Die Juden sind unsere Brüder." Das jüdische Volk sollte "als Brudervolk aller anderen Völker der Welt betrachtet werden". Maßgeblich beteiligt an den Texten sei der spätere Papst, Eugenio Pacelli, gewesen.

Aufruf zur Unparteilichkeit

Parolin appellierte an die Forscher, unparteiisch die historische Wahrheit zu suchen. Diese sei in der Vergangenheit mitunter manipuliert worden. Der Blick in die Archive zeige nun, dass der Papst sowohl Wege der Diplomatie als auch verborgenen Widerstands gegangen sei. Das sei "für alle Beteiligten extrem riskant" gewesen.

Einen weiten Bogen zog Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni. Es gelte, zwischen Emotionen und Geschichte zu unterscheiden, sagte er; und es bedürfe einer angemessenen Distanz, um die Fakten zu untersuchen.

Schweigen und Wortwahl von Pius XII.

Zu den Initiatoren des Kongresses gehören das Holocaust Memorial Museum in Washington, die Vatikan-Kommission für die Beziehungen zum Judentum und die Botschaften Israels und der USA beim Heiligen Stuhl. Redner ist auch der deutsche Historiker Hubert Wolf. Die Vertreterin des Jerusalemer Holocaust-Mahnmals Yad Vashem konnte wegen des Kriegs in Israel nicht anreisen; sie übermittelte ein Grußwort.

Das "Schweigen" des Weltkriegs-Papstes war schon zu Beginn ein Thema. Giovanni Coco vom Apostolischen Archiv verwies auf die erste Papstaudienz für eine Gruppe von Juden im November 1945. Pius XII. habe über die zahllosen unschuldigen Opfer aufgrund ihrer "Rasse" gesprochen, den Begriff "Vernichtung" aber nicht verwendet. Er hoffe, dass die neuen Dokumente mehr Aufschluss über das Denken des Papstes und der damaligen Kirche geben, so der Archivar.

Resultate in fünf bis zehn Jahren

Auch die Rolle der Vatikan-Diplomaten war ein Thema. Neue Archivfunde hätten etwa das Bild des Vatikan-Botschafters in Frankreich, Erzbischof Valerio Valeri, getrübt. Der Diplomat habe weder die Bischofsproteste gegen die Razzien von 1942 aktiv gefördert noch gegen die antijüdischen Gesetze von Vichy protestiert. Dokumente zeugten von seiner "reaktionären Geisteshaltung und antijüdischen Vorurteilen", sagte Nina Valbousquet von der Ecole Francaise in Rom.

Norbert Hofmann, Sekretär der Vatikankommission für die Beziehungen zum Judentum, erklärte, seriöse Resultate seien erst in fünf bis zehn Jahren zu erwarten. Die Öffnung der Archive habe eine lange Polemik beendet und werde zweifellos den religiösen Dialog von Christen und Juden beflügeln.

Der Holocaust: systematischer Völkermord an sechs Millionen Menschen

Holocaust ist die nahezu weltweit gebräuchliche Bezeichnung für den Völkermord an der jüdischen Bevölkerung Europas durch die Nationalsozialisten. Ihm fielen etwa sechs Millionen Menschen zum Opfer. In Polen wurden rund 90 Prozent der Menschen jüdischen Glaubens umgebracht, in anderen europäischen Ländern wie in Ungarn oder den Niederlanden mehr als 70 Prozent. Der Begriff Holocaust stammt vom griechischen Wort "holokauston" und bedeutet Brandopfer (wörtlich: "ganz verbrannt").

Zaun in Auschwitz-Birkenau / © Markus Nowak (KNA)
Zaun in Auschwitz-Birkenau / © Markus Nowak ( KNA )
Quelle:
KNA