"Making of Leone": Journalist schildert Erlebnisse um Franziskus’ Tod

"Die Szene erschien mir so unwirklich"

Papst Franziskus ist vor einem Jahr gestorben. Ein Journalist erlebte seinen Tod und die Entstehung des neuen Pontifikats aus nächster Nähe. In einem Tagebuch hat er auch den Moment festgehalten, als ihn die Nachricht erreichte.

Autor/in:
Michael Feth
Menschen nehmen am 21. April 2025 nach dem Tod von Papst Franziskus an einem Rosenkranzgebet auf dem Petersplatz im Vatikan teil. / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Menschen nehmen am 21. April 2025 nach dem Tod von Papst Franziskus an einem Rosenkranzgebet auf dem Petersplatz im Vatikan teil. / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Ostermontag 2025, gegen Mittag 

Es war bei mir spät geworden am Abend des Ostersonntages. Wir hatten lange mit Gästen getafelt, wie es in Italien bei so einem Festmahl üblich ist. Eine Fülle von Antipasti kalt und warm, gefüllte Eier nach Art meiner Oma, sizilianische Oster-Lasagne, und natürlich "abacchio alla romana", der obligatorische Oster-Braten vom  Milchlamm, das gemeinsam mit Artischocken, Fenchel, Kartoffeln, Kräutern und viel Rotwein in der Kasserolle geschmort wird. 

Eine Auswahl an Dolci, gute Weine, Digestif. Dazwischen Pausen in der Küche, um eine neue Flasche Wein zu verkosten oder für eine Zigarette auf dem Balkon. Unsere Küche glich einem Schlachtfeld, aber das gehörte zum Spaß dazu. Das prächtig verzierte Patisserie-Ei aus Bitterschokolade hatten wir gar nicht erst angerührt – es war einfach zu schön und wir zu satt. 

Sogar für hiesige Verhältnisse war es ungewöhnlich warm, ein herrlich milder Abend. Fenster und Balkontüren waren weit geöffnet, unten von der Straße drang kaum ein Laut herauf. Rom saß beim Ostermahl. Dazwischen Telefonate und Austausch von Wünschen, Fotos und Videonachrichten mit Angehörigen und Freunden.

Blick über die Dächer Roms mit dem Petersdom im Hintergrund / © Ivoha (shutterstock)
Blick über die Dächer Roms mit dem Petersdom im Hintergrund / © Ivoha ( shutterstock )

Für mich als Vatikan-Korrespondent war es auch ein Moment, in dem sich die Anspannung der vergangenen Wochen löste, nach dem täglichen Auf und Ab der Bulletins zum Gesundheitszustand von Papst Franziskus; quasi täglich hatten sich Alarmstufe Rot und Alarmstufe gelb abgewechselt, wirklich zur Ruhe gekommen war man nicht, der journalistische Ausnahmezustand hielt uns seit rund zwei Monaten in Atem.

Das musste sich mal setzen, und wie ginge das besser als bei einem fröhlichen, ausgiebigen Festtagsschmaus? Dann, endlich einmal richtig ausschlafen. Am Ostermontag, den sie in Italien "Pasquetta" nennen, also "das kleine Ostern", standen keinerlei Termine an, der vatikanische Pressesaal blieb geschlossen. Ein Ferientag auch im Vatikan.

Den Wecker hatte ich mir nicht gestellt. Der wochenlange Stress, der gute Nero d’Avola aus Sizilien zum Lammbraten und die paar Amari del Capo spielten zusammen: Ich erwachte erst um 11.20 Uhr. Mein Handy war total entladen und stumm. Aber egal, heute hatte ich keine Eile. Wir wollten nachmittags einen Spaziergang am Meer machen, das war alles. 

Ich zog mich an und ging hinunter zu meiner kleinen Bar, ein paar Schritte vom Petersplatz entfernt. Es war eigenartig leer. Aber gut, wer am Ostermontag aus der Großmetropole fliehen konnte, der tat dies vermutlich. Ich bestellt meinen "Cappuccino scuro", also stark, schwarz und mit weniger Milchschaum als normal, und setzte mich an einen Tisch nahe einer Steckdose, um mein Telefon aufzuladen. 

Nach einer Weile, während ich an meinem Kaffee schlürfte, schaltete ich es an, um nach den neusten Nachrichten zu sehen. Wie würde die internationale Tagespresse den Auftritt von Papst Franziskus einschätzen? Ich war gespannt auf die Lektüre.

Du meine Güte, so viele ungelesene WhatsApp-Messages, dachte ich. Alles Reaktionen auf meine Ostergrüße, wie nett! Beim Überfliegen stockte mir der Atem: Wie bitte, was? Lese ich richtig oder habe ich gestern Abend wirklich zu viel getrunken? "Bin so erschüttert", "Was sagst Du dazu...?", "Gestern noch schien er mir…", "Ich bin soooo traurig", etc. Dann mein Chef: "Il Papa è morto. Ruf mich sofort an."

Ich wurde so bleich wie ein Leintuch. Sofort rief ich die aktuellen Nachrichtenportale im Internet auf. Großformatige Fotos mit dem Konterfei von Papst Franziskus sprangen mich an, meist versehen mit den Jahreszahlen "1936 – 2025". Ich träumte also nicht. Schlagartig fuhr es mit durch den Kopf: Ich hatte die wichtigste Nachricht meines Journalistenlebens in Rom quasi verschlafen!

Rückblende: Ostersonntag 2025

24 Stunden zurück: Er hatte es nochmal geschafft und war auf dem Balkon erschienen. Zwar konnte er nur einen einzigen Satz sprechen, doch das erschien den Menschen auf dem Platz nicht wesentlich. Papst Franziskus war wieder da und hatte den Ostersegen "Urbi et Orbi" erteilt. Nur dies zählte nach all den vergangenen Wochen, in denen er den Blicken der Gläubigen entzogen war. 

Nun gut, es war nur eine einziger, mit heiserer Stimme gehauchte Kernsatz der feierlichen Segensformel: "In nomine Patris + et Filii + et Spritùs Sancti". Die Vorgebete und Anrufungen der Heiligen, die Bitte um Vergebung der Sünden, all das fehlte. Trotzdem, es war gültig. Der Applaus der Gläubigen auf dem Petersplatz war gewaltig. 

Jeder wusste, welch einen Kraftakt der schwerkranke Pontifex soeben geleistet hatte. Die Meinungen auf der Pressetribüne, oben auf dem linken Flügel der Kolonnaden, dem sogenannten "Braccio Carlo Magno", gingen angesichts des minimalistischen Auftritts auseinander.

Die einen zeigten sich erschüttert, wie stark Franziskus inzwischen reduziert war, über seine starre Mimik und die sichtliche Anstrengung, überhaupt einen Satz schweratmig über die Lippen zu bringen. Auch über seine eigenartig hohe Stimmlage, die so gar nicht zu ihm passen wollte. Folgen der schweren Lungenentzündung, die er mit Mühe und Not überstanden hatte. Seine Arme konnte er kaum bewegen, sein Segenszeichen mit der rechten Hand in Hüfthöhe blieb unvollendet. 

Mich selbst erinnerte es an die letzten Auftritte an den Kar- und Ostertagen von Papst Johannes-Paul II., damals schon vom herannahenden Tode gezeichnet, als er trotz aller sichtbaren Anstrengungen kein Wort mehr herausbekam – den erbarmungswürdigen Anblick dieses Heiligen Mannes am Fenster des Apostolischen Palastes, der Zeit seines Lebens mit schier übermenschlicher Energie ausgestattet schien, werde ich, wie so viele meiner Generation, niemals vergessen.

Andere Kollegen waren optimistischer: Immerhin hatten wir bis zuletzt nicht gewusst, ob er überhaupt in der Lage sein werden auf dem Balkon zu erscheinen. Dann die Nachricht, dass er vor dem Osterhochamt auf dem Platz auch noch den US-Vizepräsidenten JD Vance mit Familie empfangen und den Kindern Schoko-Ostereier geschenkt habe. 

Papst Franziskus besucht am Gründonnerstag, am 17. April 2025, das Gefängnis Regina Coeli in Rom. / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus besucht am Gründonnerstag, am 17. April 2025, das Gefängnis Regina Coeli in Rom. / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Und war er am Gründonnerstag nicht immerhin zu einem Besuch in die römische Haftanstalt Regina Coeli gefahren, um mit den Insassen zu beten? "Er ist ein Kämpfer, das wird schon wieder", meinte ein langjähriger deutscher Beobachter. Freilich nicht so wie vorher – aber im Rollstuhl sitzt er schon länger, und seine Texte kann er verlesen lassen. 

Vielleicht fahre er ja doch im Mai zum Jubiläum 1.700 Jahre Konzil von Nicäa in die Türkei. Das sei sicherlich sein Ziel. "Du wirst sehen, er wird uns auch diesmal alle überraschen."

Ich persönlich vermochte diesen Optimismus nicht so recht zu teilen. Franziskus hatte auf mich einfach zu schwach und gebrechlich gewirkt. Meine Meinung sollte sich keine 20 Minuten später bestätigen. Die Glocken des Petersdomes läuteten noch immer feierlich. Ich war gerade die endlose Wendeltreppe hinuntergestiegen, die auf den Platz führte, um noch ein wenig Stimmen und Atmosphäre einzuholen. Doch ich kam nicht weit. 

Die vatikanische Gendarmerie hatte die Gassen zwischen den Sitz-Blöcken abgeriegelt, auch unseren Zugang vom Journalistenbereich. So befand ich mich unvermittelt in erster Reihe an der Absperrung. "Arriva il Papa" hieß es plötzlich, und die Menge drängte sich wie verrückt an die Barrieren. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet. 

Franziskus ließ sich durch die Massen fahren. Seit Jahresbeginn hatte man solche Szenen nicht mehr gesehen. Gendarmen und Gardisten schwirrten nervös umher und sorgten für freie Fahrwege. Und tatsächlich, da kam es schon, das Papamobil. In Schrittgeschwindigkeit für Papst Franziskus an mir vorbei, auf seinem weißen Sessel in der Mitte des Aufbaus hinter den Fahrern sitzend. 

In sich zusammengesunken, das Gesicht aufgedunsen von den Medikamenten. Wieder versuchte er in Hüfthöhe zu winken, eine Art Rudern aus dem Handgelenk. Weiter nach oben konnte er die Arme nicht mehr erheben. 

Trotzdem: Die nach Zählungen der Sicherheitsbehörden rund zweihunderttausend Menschen auf dem weiten Säulenrund gerieten außer sich, jubelten, winkten, schwenkten Fähnchen und Banner; Sprechchöre skandierten den Namen "Fran-ces-co!". Auf einem der Großbildschirme verfolgte ich seine Route und war erstaunt. 

Menschenmassen auf der Via della Conciliazione vor dem Petersplatz / © Renardo Schlegelmilch (DR)
Menschenmassen auf der Via della Conciliazione vor dem Petersplatz / © Renardo Schlegelmilch ( DR )

Er ließ sich wirklich kreuz und quer durch die Gassen fahren und bog dann sogar in die Via della Conciliazione ab, die breite Zufahrtsstraße zum Petersplatz, die seit einigen Jahren Fußgängerzone ist. Ein Bad in der Menge wie in alten Zeiten. Gut zwanzig Minuten dauerte seine Rundfahrt zwischen den Gläubigen, bevor das Papamobil in Richtung Glockenbogen auf der liken Seite der Basilika einschwenkte, der in den Vatikan führte.

Wieder stand ich in der ersten Reihe hinter den Gendarmen, wohin mich der glückliche Zufall gespult hatte, und konnte ihn aus einem Meter Entfernung sehen. Die Anstrengung hatte ihre Spuren hinterlassen. 

Der Papst wendete seinen Kopf jetzt nicht mehr den Menschen zu. Sein Kinn war auf die Brust gesunken, sein Blick starr geradeaus gerichtet, seine Hände ruhten auf dem Schoß, kein Gruß mehr an die Menge. 

Doch vor allem seine Gesichtsfarbe hatte sich verändert: War sie zu Beginn der Ausfahrt noch kreideweiß, so war sie nun einem Grauton gewichen. Sein Gesichtsausdruck war vollends versteinert. Offensichtlich hatte er sich völlig übernommen. Ich werde den Anblick nie mehr vergessen.

Schnell drückte ich noch auf mein Handy, um ein Foto zu machen, dann verschwand das Papamobil aus der Sicht. Mich befiel eine böse Vorahnung, dass es in diesem Zustand des sichtbaren Verfalls nicht mehr lange mit ihm weiterginge; doch ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass es meine letzte Begegnung mit Franziskus sein würde.

Mit Zwiespalt im Herzen verabschiedete ich mich von eine paar Kollegen, tauschte Osterwünsche aus und machte die wenigen Schritte auf den Heimweg. Die Anspannung der letzten drei Monate, seit sich die gesundheitliche Situation von Franziskus derart zugespitzt hatte, und besonders dieser Karwoche, von der wir Beobachter und nicht mal die Mitarbeiter im Vatikan wussten, wie sie am Ende ablaufen würde, fiel von mir ab. 

Jetzt erstmal ein Glas Prosecco zur Feier des Tages, dann ab in Küche, um zusammen mit meinem Gefährten Hand an das Oster-Menü anzulegen. Aus dem in Italien am Weihnachtstag und am Ostersonntag üblichen "Pranzone" (dem großen Mittagessen) würde wegen meiner Arbeit ohnehin eine vorgezogene "Cenone", also ein großes Abendessen werden. 

Ich war seit sieben Uhr morgens auf den Beinen und hatte nur einen Cappuccino getrunken. Der Magen knurrte; aber zum Kochen gehört glücklicherweise das Probieren und Naschen. Zudem ein gutes Glas Wein. Und morgen war endlich mal ein freier Tag.

Ostermontag 2025, am frühen Nachmittag 

Ich sprang mit einem Ruck vom Tisch auf und rannte nach Hause. In meiner Eile vergaß ich sogar meinen Cappuccino zu bezahlen; ich habe das am nächsten Tag nachgeholt. "Der Papst ist tot", rief ich in die Wohnung und eilte ins Schlafzimmer. Ich wusste, was jetzt protokollarisch angesagt war: Dunkler Anzug und frisches weißes Hemd; nervös suchte ich nach meiner schwarzen Krawatte. 

Ich packte meinen vatikanischen Presseausweis, Laptop, Handy, und machte ich schnellen Fußes auf den Weg in die "Sala Stampa", das Pressezentrum des Vatikans an der Ecke des Petersplatzes. Ich lief quer über den Platz: Merkwürdig, das Leben hier schien wie immer.

Papst Franziskus ist gestorben (dpa)
Papst Franziskus ist gestorben / ( dpa )

Statt der Gläubigen und Pilger& am gestrigen Ostersonntag waren diesmal die Touristen sichtbar in der Mehrheit. Ich hatte die Bilder vom Heimgang des heiligen Johannes-Paul II. im Kopf – doch diesmal waren da keine betenden Nonnen auf den Knien, keine weinenden Menschen, kein emotionaler Ausnahmezustand.

Nicht mal besondere Absperrungen gab es, die Maxi-Bildschirme blieben schwarz und stumm. Die meisten hatten wohl – genauso wenig wie ich bis vor einer Stunde – vom Tod des Papsts erfahren. Und die Römer selbst, die bei solchen Anlässen traditionsgemäß zum Vatikan strömen? Wer konnte, hatte die Stadt wenigstens zu einem Tagesausflug verlassen, und schließlich war es eine Ferienwoche.

An der Sala Stampa hingegen erwartete mich das Chaos. Schon draußen, unter den Arkaden, ging es zu wie auf einem Bahnhof. Offenbar waren die meisten Kollegen, genauso wie ich, von den Ereignissen überrollt worden. Wer hatte sich vorstellen können, dass Franziskus gerade mal 18 Stunden nach seiner letzten Ausfahrt die Augen für immer schließt?

Bei aller Besorgnis – diese Beschleunigung der Ereignisse hatte sich absolut niemand von uns erwartet. Die ersten Kamerateams hatten Stellung bezogen auf dem Vorplatz; dort war eine Fläche von gelben Absperrbändern der Polizei provisorisch für die Presse reserviert worden. 

Große Sender, wie etwa das deutsche ZDF, sendeten bereits live. Mein Kollege wartete im Schatten auf seine Schalte mit Mainz, in der Sonne war es zu heiß. Sein Unbehagen war ihm anzumerken, auch er hatte andere Pläne für diese Woche gehabt. 

So erging es den meisten – und man konnte es sehen: Scharenweise kamen sie mit Rollkoffern, Reisetaschen und Rucksäcken, fast ausschließlich in Freizeitkleidung. Einige sahen aus, als kämen sie direkt vom Strand.

Aufgeregt erzählte man sich seine persönlichen Geschichten. Die einen hatten am Zentralbahnhof Termini die Todesnachricht über die Bildschirme flimmern sehen, die andern an einem der beiden Flughafen Fiumicino oder Ciampino. Einige waren bereits mit dem Auto und der Familie unterwegs in den Urlaub und mussten an der nächsten Ausfahrt der Autostrada umdrehen. 

Wieder andere ausländische Kollegen hatten den nächsten Flieger bestiegen und waren in die Ewige Stadt zurückgeeilt. Man tauschte Theorien über das Ableben von Papst Franziskus aus. Und natürlich: Die Debatte über die Nachfolge ließ sich nicht aufhalten. Das war weniger pietätlos, als es klingen mag. 

Denn durch den langen Klinik-Aufenthalt von Franziskus, bei dem er wochenlang in Lebensgefahr schwebte, hatten sich die Spekulationen bereits Bahn gebrochen. Nicht nur unter den Journalisten, sondern auch in Kreisen der römischen Kurie und der Kardinäle. Dies lag in der Natur der Sache.

Matteo Bruni, Direktor des Presseamts des Heiligen Stuhls, brieft die Presse am 6. Februar 2025 im Vatikan / © Severina Bartonitschek (KNA)
Matteo Bruni, Direktor des Presseamts des Heiligen Stuhls, brieft die Presse am 6. Februar 2025 im Vatikan / © Severina Bartonitschek ( KNA )

Natürlich waren wir alle begierig nach offizieller Auskunft – doch blieb erstmal aus. Matteo Bruni, der Vatikansprecher, war persönlich bislang nicht aufgetaucht; wahrscheinlich musste auch er von irgendwo zurückgeholt werden; genauso wie viele Angestellte des Pressebüros des Heiligen Stuhls. 

Die wenigen verbliebenen Mitarbeiter waren mit dem Ansturm, der da über sie hereinbrach, völlig überfordert. Denn zu den ständig akkreditieren Redakteuren in Wort und Bild wie etwa ich selbst, kamen nun stündlich Dutzende Pressevertreter hinzu, die um eine provisorische Akkreditierung ersuchten, um dem Reigen der Ereignisse aus nächster Nähe beobachten zu können.

Schließlich folgen Tod, Abschied und Beisetzung eines Pontifex einem ganz eigenen, protokollarisch präzisen Regelwerk, das auf die äußeren Betrachter geradezu mystisch erscheint und der Erklärung bedarf.

Alles, was wir bisher wussten, und worauf sich die in allen globalen Medien am Morgen verbreitete Todesnachricht stützte, war eine Erklärung des vatikanischen Presseamtes von 9.30 Uhr. Darin hieß es wörtlich: 

"Poco fa Sua Eminenza, il Card Farrell, ha annunciato con dolore la morte di Papa Francesco, con queste parole: Carissimi fratelli e sorelle, con profondo dolore devo annunciare la morte di nostro Santo Padre Francesco.

Alle ore 7:35 di questa mattina il Vescovo di Roma, Francesco, è tornato alla casa del Padre. La sua vita tutta intera è stata dedicata al servizio del Signore e della Sua chiesa.

Ci ha insegnato a vivere i valori del Vangelo con fedeltà, coraggio ed amore universale, in modo particolare a favore dei più poveri e emarginati.

Con immensa gratitudine per il suo esempio di vero discepolo del Signore Gesù, raccomandiamo l'anima di Papa Francesco all'infinito amore misericordioso di Dio Uno e Trino".

Diese Worte markierten den Eintritt der sogenannten "Sedisvakanz", der papstlosen Zeit, in der die Kirche vom Kardinalskollegium und dem;"Camerlengo" geleitet wurde. Alle hohen Funktionäre des Vatikans, von den Kurienpräfekten bis hin zu den Sekretären der verschiedenen Dikasterien, waren damit nicht mehr im Amt. 

Apropos Camerlengo – da müssen wir mal mit einem von Dan Brown in seinem weltberühmten Thriller "Illuminati" geschaffenen Mythos aufräumen: Der Camerlengo der römischen Kirche ist so etwas wie der Verwaltungschef des Heiligen Stuhls während der Sedisvakanz.

Ihm obliegt die Organisation der Beisetzungsfeierlichkeiten und die technische Vorbereitung des Konklaves; zudem stellt er sicher, dass der Vatikan in wirtschaftlichen und administrativen Angelegenheiten handlungsfähig bleibt. Er ist kein "Ersatz-Oberhaupt" der Kirche. Zudem kommt er aus Reihen der Kardinäle; ein Papst-Sekretär als Camerlengo wäre kirchenrechtlich gar nicht zulässig. Und Kardinal Kevin Joseph Farrell ist zwar Amerikaner, aber kein Fallschirmspringer.

Der Leichnam von Papst Franziskus ist in seiner Privatkapelle im Vatikan aufgebahrt. Von links: Staatssekretär Pietro Parolin, Zeremonienmeister Erzbischof Diego Giovanni Ravelli, Kardinal Camerlengo Kevin Joseph Farrell und Zeremonienmeister Lubomir Welnitz. / © Vatican Media/Vatican Media/AP (dpa)
Der Leichnam von Papst Franziskus ist in seiner Privatkapelle im Vatikan aufgebahrt. Von links: Staatssekretär Pietro Parolin, Zeremonienmeister Erzbischof Diego Giovanni Ravelli, Kardinal Camerlengo Kevin Joseph Farrell und Zeremonienmeister Lubomir Welnitz. / © Vatican Media/Vatican Media/AP ( dpa )

Auch ein paar Bildsequenzen wurden vom vatikanischen Fernsehen verbreitet: Man sah die beiden Kardinäle Pietro Parolin und Camerlengo Kevin Farrell am offenen Sarg in der Hauskapelle des Albergo Santa Marta, wo Franziskus gelebt hatte. Zum ersten Mal konnte man einen Blick auf den toten Pontifex erhaschen, der in rote Pontifikal-Gewänder und weiße Mitra gekleidet war. 

Die Szene erschien mir so unwirklich: Hatte ich ihn nicht 24 Stunden zuvor noch lebendig auf dem Papamobil an mir vorbeifahren sehn? Zu den genauen Todesumständen gab es spärliche und zum Teil widersprüchliche Meldungen. War Franziskus letztendlich doch an den Folgen seiner schweren Lungenentzündung gestorben? Oder hatte sein Herz nicht mehr mitgemacht? Oder ein Schlaganfall, wie es gerüchtweise hieß? 

Bei einer Normalperson mit schweren Vorerkrankungen, die im 89. Lebensjahr steht, wäre es im Grunde egal. Nicht so beim Oberhaupt der katholischen Weltkirche und Stellvertreter Christi auf Erden.

Erst um 20 Uhr am Abend erfolgte die letztgültige Aufklärung des Leibarztes und medizinischen Direktors des vatikanischen Gesundheitsdienstes, Prof. Andrea Arcangeli, der das Todes-Zertifikat unterzeichnet hatte. Darin verlautete: "Hirnschlag mit darauffolgendem Koma und irreversiblem Herzstillstand. Todeszeitpunkt: 7.35 Uhr. Ort: Päpstliches Appartement in der Domus Santa Marta."

Nur wenige Minuten danach veröffentlichte der Vatikan das Testament von Franziskus. Nun wussten wir also schon mehr. Dass er in seiner Lieblingskirche Santa Maria Maggiore begraben& werden wollte, diesen Wunsch hatte er schon in ein paar Interviews geäußert. 

Nachdem ich für "VatiChat", meinen Kanal in den Sozialen Medien, mehrere Videos fabriziert hatte, machte ich mich daran, meinen Artikel zu schreiben, nämlich eine politische Bilanz des Pontifikats von Jorge Mario Bergoglio, die von der Konrad Adenauer Stiftung publiziert wurde. So habe ich unter der folgenden Überschrift die Franziskus-Jahre gesehen und bewertet: 

Der Papst, der die Welt wachrüttelte 

"Der Radikale, der Unbeugsame, der Unvollendete, der Widersprüchliche der Rätselhafte – es fehlt in den Medien wahrlich nicht an Metaphern für den verstorbenen Papst Franziskus und sein bewegtes Pontifikat. Doch was bleibt nach diesen aufregenden Jahren, in denen es an Konflikten, Krisen und Kriegen wahrlich nicht fehlte, unterm Strich? 

Was ist das Erbe, das Franziskus politisch und diplomatisch auf internationaler Bühne hinterlassen hat? Worauf kann ein Nachfolger  aufbauen, wo bedürfte es eines Kurswechsels? Auch darüber werden die Kardinäle beraten müssen. Wir versuchen uns an einer ersten Bilanz.

Vor der Gemelli-Klinik, in der Papst Franziskus seit 14. Februar behandelt wird / © Gregorio Borgia (dpa)
Vor der Gemelli-Klinik, in der Papst Franziskus seit 14. Februar behandelt wird / © Gregorio Borgia ( dpa )

Wochenlang waren die journalistischen Beobachter im Ausnahmezustand, als Papst Franziskus in der Gemelli-Klinik um sein Leben rang. Der Zustand des Patienten, der zweimal wiederbelebt werden musste, verbesserte sich. Schließlich kehrte er nach fünf langen Wochen heim in seine Residenz im Vatikan. Es folgten einige, wenn auch kurze Auftritte, die Mut machten.

Am Ostersonntag schließlich der traditionelle Segen "Urbi et Orbi". Mit Spannung wurde sein Auftritt erwartet. Mit letzter Kraft und heiserer Stimme sprach er die Segensformel. Aber immerhin – er tat es. Dann folgte eine unerwartete Zugabe: Mit dem Papamobil ließ er sich anschließend kreuz und quer durch die Massen auf dem Petersplatz fahren. 

Niemand konnte zu dem Zeitpunkt ahnen, dass dieser Auftritt ein Abschied für immer von seiner Herde, vom Volk Gottes sein würde. Nur 18 Stunden später war Franziskus tot. Der Oberhirte der katholischen Kirche starb, wie er gelebt hatte: Er verausgabte sich bis zuletzt – getreu seinem Wappenspruch "Miserando atque Eligendo"; Erbarmen bis zur Selbstaufgabe. 

Sein Pontifikat, so anders, so radikal, so widersprüchlich, so stürmisch, hinterlässt in Kirche und Welt tiefe Spuren. Dabei sind Päpste immer auch Weltpolitiker. In diese Rolle hineinzufinden, tat sich Franziskus jahrelang schwer. Er war in erster Linie Seelsorger, verstand sich als "Dorfpfarrer der Welt". 

Politik fasste er lieber mit der Beißzange an. Und wenn nicht, war er stets in Gefahr, sich aufgrund seiner farbkräftigen Sprache im Ton zu vergreifen. Das sollte sich erst allmählich ändern. Was hinterlässt Franziskus in der internationalen Diplomatie?

Graffito mit Papst Franziskus, der gebeugt auf seinen Schultern wie ein Kreuz das lateinische Wort "Pax" (dt. Frieden) trägt. Der Papst trägt eine Tasche mit der Aufschrift "valores" (dt. Werte), aus der ein rot-blau-gestreifter Schal hängt, den Farben des Fußballteams Club Atletico San Lorenzo de Almagro aus Buenos Aires (Argentinien), dessen Fan der Papst ist. Das Kunstwerk stammt vom Streetart-Künstler Mauro Pallotta (Künstlername "MauPal") / © Julia Steinbrecht (KNA)
Graffito mit Papst Franziskus, der gebeugt auf seinen Schultern wie ein Kreuz das lateinische Wort "Pax" (dt. Frieden) trägt. Der Papst trägt eine Tasche mit der Aufschrift "valores" (dt. Werte), aus der ein rot-blau-gestreifter Schal hängt, den Farben des Fußballteams Club Atletico San Lorenzo de Almagro aus Buenos Aires (Argentinien), dessen Fan der Papst ist. Das Kunstwerk stammt vom Streetart-Künstler Mauro Pallotta (Künstlername "MauPal") / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Um es vorwegzunehmen: Die Bilanz ist gemischt. Die westliche Welt galt dem "Papst der Peripherien", der im peronistischen Argentinien sozialisiert wurde, oftmals als Hort der Dekadenz, der Gottesferne, des puren Hedonismus, der wirtschaftlichen Kälte und der kulturellen Hegemonie. 

Als Südamerikaner hegte er ein angeborenes Misstrauen gegenüber Freiheitlichkeit und Markwirtschaft, gewürzt mit einem kräftigen Schuss Anti-Amerikanismus. Seine Erfahrungen mit der Trump-Präsidentschaft waren kaum angetan, seine Meinung zu ändern.

Ausgerechnet Europa ist ihm, dem Karlspreisträger, eigenartig fremd geblieben. Es begann in den ersten Jahren seines Pontifikats mit dem unglücklichen Ausspruch von Europa als der "unfruchtbaren Großmutter". Missverständnisse häuften sich. 

Er hielt dem heutigen Europa den Spiegel vor: Entchristlichung, Zurückdrängung der Religion ins Private, humanitäre Gleichgültigkeit, wachsende Diskrepanz zwischen Arm und Reich, Profitgier und "neo-koloniale" Ausbeutung der Dritten Welt durch unfaire Handelsabkommen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Bei manchen Punkten kann man Franziskus zweifellos Recht geben; er verstand es eben, den Finger in die Wunde zu legen.

In mehreren Grundsatzreden (wie zuletzt auf seiner Ungarn-Reise 2023) wandte er sich entschieden gegen Populisten in den EU-Ländern, die Europa "in Geiselhaft nehmen und zu ihrer Beute machen“. Ebenso warnte Franziskus vor Tendenzen zur Auflösung der nationalen Eigenheiten der Völker Europas. 

Europa dürfe nicht in einen "abstrakten Supranationalismus verfallen und sich zu einer flüssigen oder sogar gasförmigen Realität verwandeln“. Mit Nachdruck geißelte der Pontifex immer wieder die ideologische Gleichmacherei, die in der umstrittenen Gender-Kultur zum Ausdruck kommt. 

Als Beispiel führte er das in seinen Augen "widersinnige Recht auf Abtreibung" an, welches "als angebliche Errungenschaft angepriesen würde und einen Gegensatz zwischen einem verengten Freiheitsbegriff und der Realität des Lebens schafft". Man darf ihm zugutehalten, dass seine Stimme bei vielen Themen gehört wurde und in der europäischen Öffentlichkeit eine größere Sensibilität bewirkte.

Besonders deutlich wird dies beim Thema Migration. Wohl kein anders Thema trieb den verstorbenen Papst derart um. Während in den europäischen Hauptstädten der politische Streit um Flüchtlinge hauptsächlich vor dem Hintergrund der Furcht vor ungebremstem Zustrom diskutiert wird, sprach, mahnte und kritisierte Franziskus hier immer aus der Warte des Hirten und Anwalt der Menschlichkeit.

Papst Franziskus grüßt Fischer, die zu seiner Ankunft auf Lampedusa in Italien am 8. Juli 2013 gekommen sind / © Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus grüßt Fischer, die zu seiner Ankunft auf Lampedusa in Italien am 8. Juli 2013 gekommen sind / © Romano Siciliani ( KNA )

Schon mit seiner ersten Kurzreise nach seiner Wahl zum Papst auf die Insel Lampedusa hatte er ein einprägsames Zeichen gesetzt: Es handelt sich, so mahnte er stets aufs Neue, bei den ertrunkenen Menschen um konkrete Personen mit ihren Sehnsüchten, Träumen, Tragödien und Ängsten, nicht um namenlose Nummern. Dieser Linie blieb er treu bis zuletzt und wurde zum heftigsten Gegenspieler der Rechtspopulisten und Fremdenfeinde in Europa.

Erst in den letzten Jahren ließ er bei der ein oder anderen Äußerung erkennen, dass es bei der Aufnahme auch natürliche Grenzen der Überlastung gäbe. Es gibt durchaus nachdenkliche Beobachter, die meinen, Franziskus habe mit seinem moralischen Diktat beim Thema Migration den Aufstieg des Populismus befördert. 

Andere halten dagegen: Gerade dieses Wählerpotential würde sich um Papstworte wenig scheren. Fest steht: Viele Regierungen und Spitzenpolitiker in Verantwortung, denen er immer wieder ins Gewissen redete, hatten an diesem Punkt ihre Schwierigkeiten mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche.

Den Freiheitsdrang insbesondere der Mittel- und Osteuropäer hat Franziskus nicht immer richtig eingeschätzt. Aus einem Land stammend, dass zwar schlimme Erfahrung mit einer Diktatur, aber nie mit einem marxistischen Regime oder der Unterdrückung durch fremde Großmächte gemacht hat, konnte er die Ängste der Polen oder der Balten vor den neo-imperialistischen Expansionsbestrebungen Wladimir Putins kaum verstehen. 

In einer der schlimmsten politischen Krisen Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, unterlag er massiven Fehleinschätzungen, die den Vatikan als diplomatischen Vermittler Glaubwürdigkeit kostete. Über die wahre Natur des Kreml-Regimes machte er sich lange Illusionen. 

Wladimir Putin (l.) und Patriarch Kyrill / © Igor Palkin/Russian Orthodox Church Press Service/ AP (dpa)
Wladimir Putin (l.) und Patriarch Kyrill / © Igor Palkin/Russian Orthodox Church Press Service/ AP ( dpa )

Eine klare Verurteilung Russlands als Aggressor hat er lange vermieden. Nachdem ihn Putin mehrfach auflaufen ließ, suchte er im ersten Kriegsjahr stattdessen den Kontakt zum Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, dem Moskauer Patriarchen und Oligarchen Kyrill.

Der Versuch einer gemeinsamen Initiative, die Waffen zum Schweigen zu bringen, war zum Scheitern verurteilt. Es handelt sich beim Patriarchen eben nicht um einen Kirchenführer auf Augenhöhe, um einen Hirten der Menschen, sondern um eine Schachfigur auf Putins großem Brett. 

Ausgerechnet dem Opfer in dem Konflikt war der Pontifex mit seiner diplomatischen Äquidistanz zu Moskau und Kiew keine Hilfe. Sein Verhältnis mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj blieb kühl, man segelte haarscharf an einem diplomatischen Eklat vorbei. 

Bei der Bevölkerung der Ukraine landete sein Ansehen auf einem Tiefpunkt. In Kiew dürfte man nun auf einen Neuanfang mit einem neuen Papst hoffen.

Für Stirnrunzeln – selbst unter vatikanischen Diplomaten – sorgte immer wieder der Umstand, dass Franziskus oftmals ein blindes Auge gegenüber lateinamerikanischen Diktatoren hatte. Nicaragua, Venezuela, Bolivien, Peru – hier blieb seine Linie oftmals verschwommen, seine Kritik sanft.

Oppositionelle aus diesen Staaten konnten nicht unbedingt auf Unterstützung des Heiligen Stuhls setzten. Klarer äußerte sich der Heilige Vater zur Menschenrechtslage in Myanmar und manchen Staaten Afrikas. Eine seiner größten Errungenschaften ist der Ausgleich mit Teilen der islamischen Welt. 

Ahmad al-Tayyeb (l.), Großscheich der al-Azhar-Universität, und Papst Franziskus am 4. Februar 2019 während eines interreligiösen Treffens in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate). / © Paul Haring/CNS photo (KNA)
Ahmad al-Tayyeb (l.), Großscheich der al-Azhar-Universität, und Papst Franziskus am 4. Februar 2019 während eines interreligiösen Treffens in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate). / © Paul Haring/CNS photo ( KNA )

Das Grundlagenpapier von Abu Dhabi mit der gegenseitigen Anerkennung des Rechts auf freie Religionsausübung hat das Verhältnis Roms zur arabischen Welt nachhaltig entkrampft. Die gemeinsame Verurteilung von Terror, Mord und Krieg im Namen Gottes ist ein nicht zu unterschätzender Fortschritt auf dem Weg zu einer friedlichen Koexistenz der Religionen.

In seiner Enzyklika "Fratelli tutti" über das friedliche Zusammenleben der Völker und Konfessionen bekräftigte Franziskus, dass Unterschiede bereichern und dass die Menschen trotz aller Konflikte Brüder und Schwestern sind: 

"Deshalb müssen wir aufeinander zugehen, Brücken statt Mauern bauen, den Krieg als Mittel zur Konfliktlösung aufgeben und uns dem Zuhören, dem Dialog und der Diplomatie zuwenden."

Arabische Staatschefs, Monarchen und islamische Geistliche gehen im Vatikan wie selbstverständlich ein und aus. In manchen ethischen Fragen, wie Abtreibung oder künstliche Geburtenkontrolle, liegen die Positionen des Heiligen Stuhls und vieler islamischer Staaten näher aneinander als mit westlichen. 

Ist die Annäherung zwischen Christentum und sunnitischen Islam bemerkenswert vorangekommen, so ist dies mit den klerikal geprägten Schiiten ungleich schwieriger. Immerhin kam es auf der Irak-Reise des Papstes zu einer Begegnung mit der höchsten schiitischen Autorität, dem Groß-Ayatollah Ali Al Sistani. 

Wer auch immer Nachfolger auf dem Stuhl Petri wird: Beim Thema Ausgleich mit dem Islam kann er auf einem soliden Fundament aufbauen, dass Franziskus und seine Diplomaten gelegt haben.

Enzyklika "Laudato si"

Klimawandel, Artenvielfalt, Trinkwasser: Diese Themen bestimmen die Umweltenzyklika von Papst Franziskus. Er wendet sich damit an "alle Menschen guten Willens" - und erklärt, warum eine ökologische Umkehr auch soziale Gerechtigkeit bedeutet. Papst Franziskus hat die reichen Industrienationen zu einer grundlegenden "ökologischen Umkehr" aufgefordert, um globale Umweltzerstörung und Klimawandel zu stoppen.

Deutsche Ausgabe der Enzyklika "Laudato si" / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Deutsche Ausgabe der Enzyklika "Laudato si" / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Ein Feld, bei dem Europas politische Spitzen gerne die Rückendeckung des "grünen" Papstes in Anspruch nahmen, ist die Klimapolitik. Ohne das Engagement von Franziskus bei diesem Thema hätte es vielleicht noch weniger Fortschritte gegeben. Mit seiner Enzyklika "Laudato Si" war er der erste Pontifex, der ein Lehrschreiben zu Ökologie und Nachhaltigkeit verfasste, auf das sich die Klimaschützer in aller Welt heute berufen können. 

Die Bewahrung der Schöpfung ist in der katholischen Kirche somit auch theologisch in eine zentrale Position gerückt: "Die Klimaänderung ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; sie stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar. Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle, aber die negativen Auswirkungen des Klimawandels fallen vor allem auf die Ärmsten zurück", mahnte Papst Franziskus in diesem Dokument und warf den politisch Verantwortlichen vor, willentlich die Augen vor dem Drama zu verschließen. Der Papst, der die Welt wachrüttelte: Es war nicht zuletzt jene Art von Klartext, wofür ihn seine Herde liebte.

Zum Autor:

Vatikan-Korrespondent Michael Feth (privat)
Vatikan-Korrespondent Michael Feth / ( privat )

Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren. 

Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.

Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.

Papst Franziskus †

Jorge Mario Bergoglio wurde am 17. Dezember 1936 in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires geboren. Von 1950 bis 1954 machte er eine Ausbildung als Chemietechniker. In den Jesuitenorden trat er 1958 ein. Danach vervollständigte er seine humanistischen Studien in Chile.

Er kehrte 1963 nach Argentinien zurück und schloss sein Philosophiestudium ab. Im kommenden Jahr wurde er zum Professor für Literatur und Psychologie, erst in Santa Fe, dann in Buenos Aires. Ab 1967 studierte er Theologie, in der Zeit erhielt er auch seine Priesterweihe (1969).

Papst Franziskus † (KNA)
Papst Franziskus † / ( KNA )
Quelle:
DR

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