Ethikratmitglied kritisiert Unterrichtsboykott

Kein Recht, andere zur Impfung zu nötigen

Ein 13-jähriges asthmakrankes Mädchen aus Hagen macht seit vergangener Woche Furore. Weil sie Angst hat, an Covid-19 schwer zu erkranken, weigerte sie sich in der Klasse am Unterricht in Präsenz teilzunehmen. Ist sie im Recht?

Ein Mädchen trägt eine Maske im Unterricht / © Patrick Pleul (dpa)
Ein Mädchen trägt eine Maske im Unterricht / © Patrick Pleul ( dpa )

DOMRADIO.DE: Zunächst hat sich das Mädchen auf den Schulhof gesetzt, um sich nicht drinnen anzustecken. Das zuständige Jugendamt sah aber das Kindeswohl gefährdet und sorgte zusammen mit der Schule dafür, dass das Mädchen in einem separaten Raum der Schule per Videoschalte mit der Klasse verbunden lernen kann. Sie ist dreifach geimpft, fühlt sich aber trotzdem nicht sicher genug vor einer schweren Corona-Infektion. Wie bewerten Sie den Fall des Mädchens?

Prof. Dr. Franz-Josef Bormann (Moraltheologe und Mitglied im Deutschen Ethikrat): Hier muss man zwei oder sogar drei Ebenen unterscheiden: Das eine ist die psychologische, das andere ist die moralische und schließlich drittens die rechtliche Ebene. Auf der ersten psychologischen Ebene würde ich zunächst sagen: Natürlich sind individuelle Sorgen und Ängste immer ernst zu nehmen. Das ist keine Frage. Aber selbst wenn man das tut, heißt das noch lange nicht, dass das Verhalten der Schülerin moralisch richtig und auch rechtlich korrekt ist.

Wenn man sich mal anschaut, wie sie selber ihre Situation analysiert und beschreibt, dann habe ich doch ganz große Bauchschmerzen. Sie spricht davon, sie werde wie ein Lamm zur Schlachtung in die Schule geschleift. Allein diese Diktion. Sie redet von einer lebensbedrohlichen Gefahr. Nun möchte ich hier nicht als Nichtmediziner die Sache medizinisch beurteilen, aber hier gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie ist aufgrund der besonderen Schwere ihrer Asthmaerkrankung tatsächlich in den Kreis derer einzubeziehen, und zwar aus medizinischen Gründen, für die ein extrem erhöhtes Risiko, im Falle einer Infektion schwer zu erkranken, gegeben ist oder eben nicht. Das ist eine rein medizinische Sachfrage. Die müssen Ärztinnen und Ärzte entscheiden.

Ich glaube nicht, dass es förderlich ist, mit einer solchen Vorerkrankung sich im Winter auf den Schulhof zu setzen, wie sie das gemacht hat. Ich glaube, hier ist auch sachliche Aufklärung geboten. Man weiß natürlich nicht, welche individuellen Motive sie hat. Wenn es ihr im Grunde genommen nur um Publicity geht, kommt man mit Sachargumenten nicht weiter.

Aber nehmen wir den Fall an, dass sie tatsächlich einfach Sorge um ihre Gesundheit hat, dann ist hier tatsächlich auch eine nüchterne medizinische Aufklärung und ein empathisches Vorgehen von Seiten der Lehrkräfte oder der Verantwortlichen der Schule anzuraten. Was meines Erachtens nicht geht, ist, dass man ihr in dieser Weise "eine Extrawurst brät". Das ist weder durchführbar noch zielführend in der Situation.

Sie hat keinerlei Recht, andere Schüler zur Impfung zu nötigen, weil die Impfung der anderen nach Möglichkeit zunächst einmal auf einer freien Entscheidung beruhen muss. Hier sind die Schüler selbst und deren Eltern gefragt. Ich glaube, es ist mit Blick auf die Debatte um die Impfpflicht gerade in dieser Gruppe der jungen Schülerinnen und Schüler, für die zwar ein Impfstoff zugelassen ist, die Frage der Freiwilligkeit von ganz erheblicher Bedeutung.

DOMRADIO.DE: Das Mädchen ist geimpft, trägt eine FFP2-Maske in der Schule, alle Schüler lassen sich testen und sie selbst sorgt für regelmäßiges Lüften, alles Maßnahmen, die für Sicherheit in einer Schulklasse sorgen. Oder sehen Sie eine moralische Verpflichtung bei 13-Jährigen, sich impfen zu lassen?

Bormann: Mehr kann man überhaupt nicht verlangen. Das heißt, die Schülerin hat ein Recht darauf, dass sie Hygieneregeln eingehalten werden. Aber sie hat kein Recht darauf, sich sozusagen eigenmächtig von der Präsenzpflicht zu dispensieren. Darin darf sie auch nicht von den Schulleitungen ermutigt und unterstützt werden. Das ist ein ganz merkwürdiges Verständnis von Solidarität. Man muss ja auch bedenken, dass sie sich in dieser Weise zunächst nicht korrekt ihren Mitschülerinnen und Mitschülern gegenüber verhält. Sie setzt sie massiv unter Druck und das ist in keiner Weise zu rechtfertigen. 

DOMRADIO.DE: Die Heinrich-Heine-Realschule in Hagen unterstützt ihre Schülerin bei diesem Vorgehen. Sie werten das als ein problematisches Zeichen auch für andere. 

Bormann: Das ist sehr problematisch unter der Bedingung, dass es keine medizinische Rechtfertigung dafür gibt, dass sie aus medizinischen Gründen nicht der Präsenzpflicht unterliegt. Wenn sie der Präsenzpflicht unterliegt, darf sie sich nicht aus vorgeschobenen Gründen aus dieser Pflicht befreien und darin darf sie auch nicht von der Schulleitung unterstützt werden. Damit würde sie einen Präzedenzfall schaffen. Dann könnte jeder kommen, der irgendeinen Grund hat, gerade mal nicht im Klassenverband unterrichtet werden zu wollen.

Die Schule kann nicht jedes Mal individuell auf solche Gründe eingehen. Die Schule muss darauf achten, dass die von den jeweiligen Landesregierungen und Schulbehörden verhängten Auflagen korrekt angewandt und umgesetzt werden. Es ist eine Frage der Zumutbarkeit, ob unter diesen Bedingungen ein Unterricht möglich ist.

Da die Schülerin infolge ihres lobenswerten Selbstschutzverhaltens in Form der Impfungen und der korrekten Befolgung von Abstandsregeln, Maskenpflicht etc. sowieso optimal geschützt ist, besteht meiner Meinung nach keine Veranlassung dafür, diese Szenarien, die sie befürchtet, als realistisch einzuschätzen. Sie schwebt weder in einer lebensbedrohlichen Gefahr, noch gibt es Hinweise darauf, wie sie behauptet, dass durch die Omikron-Variante ihre Organe schwer geschädigt würden.

Da würde ich sagen, das sind alles irrationale Behauptungen und Ängste, die man vielleicht psychologisch adressieren sollte, die aber jedenfalls keinen Rückschluss darauf zulassen, dass ihr Verhalten diesbezüglich nach allem, was wir mit Blick auf die medizinische Evidenz wissen, wohl begründet wäre.

Das Interview führte Julia Reck.

Prof. Franz-Josef Bormann / © Harald Oppitz (KNA)
Prof. Franz-Josef Bormann / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
DR