Katholische Verbände und Initiativen dringen auf Reformen

"Wir brauchen eine Revolution"

Immer neue Missbrauchsskandale und ein schleppender Reformprozess stellen viele Katholiken zunehmend vor eine Zerreißprobe. Auf einer "KirchenVolksKonferenz" forderten katholische Verbände und Initiativen grundlegende Veränderungen.

Ein Kreuz an einer Wand / © Harald Oppitz (KNA)
Ein Kreuz an einer Wand / © Harald Oppitz ( KNA )

"Täglich frage ich mich im Gebet: Was soll ich tun?", bekennt Marianne Arndt. Die Kölner Gemeindereferentin zählt zu den Katholikinnen und Katholiken, die angesichts immer neuer Missbrauchsskandale und mangelnder Reformbereitschaft an ihrer Kirche zweifeln, wie viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der "KirchenVolksKonferenz" am Wochenende in Köln.

Marianne Arndt / © Viola Kick (DR)
Marianne Arndt / © Viola Kick ( DR )

Auch sie sei aber Teil eines Systems, das sie mit seinen hierarchischen Strukturen nicht mehr gutheißen könne, räumt Arndt ein. "Soll ich nun ständig neue Pflaster kleben, oder soll ich etwas Neues gründen?" Damit beschreibt Arndt die innere Zerrissenheit, mit der viele der Teilnehmer kämpfen.

Antwort auf die Krise

In einem flammenden Appell an die Bischöfe setzten sich rund 150 Vertreterinnen und Vertreter von 36 katholischen Verbänden, Orden und Initiativen für mehr Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche ein. Die gemeinsame Erklärung solle "eine Antwort auf die Krise der katholischen Kirche sein", erklärt Christian Weisner vom Bundesteam der Reformbewegung "Wir sind Kirche".

"Die römisch-katholische Kirche wird wegen Missbrauch und Vertuschung sowie Menschenrechtsverletzungen und vielfältiger Diskriminierungen ihrer Verantwortung immer weniger gerecht", heißt es in dem am Sonntag in Köln veröffentlichten "Gemeinsamen Wort".

Vertrauen verloren

Einer, den das betrifft, ist Michael Brinkschröder vom Katholischen LSBT+ Komitee: "Ich habe das Vertrauen in die klerikale Struktur der Kirche verloren", sagt er. Zentrale Aufgabe eines glaubwürdigen Reformprozesses seien grundlegende Veränderungen der Hierarchie.

Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht (KNA)
Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Die Folgen der ungleichen Machtverteilung zwischen Laien und Bischöfen waren zuletzt Anfang September auf einer Versammlung des Reformprozesses Synodaler Weg deutlich geworden. Dort hatten die Bischöfe kraft ihrer Sperrminorität einen Beschluss zur Reform der kirchlichen Sexualmoral blockiert. Reformer fordern seit langem die Anerkennung von Homosexualität sowie Trans- und Intersexualität.

Revolution

Vor allem bei jüngeren Katholiken scheint die Hoffnung in den innerkirchlichen Reformprozess gering. Der Synodale Weg könne dies nicht leisten, weil er Teil des Systems sei, sagt der Bundesvorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Gregor Podschun.

Gregor Podschun / © Julia Steinbrecht (KNA)
Gregor Podschun / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Letztlich müsse aber auch er selbstkritisch feststellen, dass er als Vertreter eines katholischen Verbandes das System stütze, beschreibt Podschun sein Dilemma. "Wir brauchen eine Revolution", lautet sein Fazit. "Ich glaube, dass sich die Kirche selbst zerstören muss, um sich wieder neu aufzubauen."

Ausgetretene bleiben verbunden

Den inneren Konflikt zwischen Bleiben und Gehen haben einige Konferenzteilnehmerinnen bereits entschieden. "Ich kann meinen Glauben auch leben, ohne Mitglied der Kirche zu sein", sagt etwa Doris Bauer. Sie gehört der Initiative "Emmaus-Wege" an, in der sich ausgetretene Katholikinnen und Katholiken zusammengeschlossen haben.

Dies sei eine zunehmend größere Gruppe von Menschen, die zwar die Institution Kirche nicht mehr unterstützen wollten, sich aber nach wie vor als katholisch betrachteten. "Für uns ist es wichtig, nach wie vor mit dem Kirchenvolk verbunden zu bleiben", sagt Bauer. Auch in den Reformprozess möchte sich die Initiative einschalten.

Nicht nachgeben

"Strukturen verändern geht nur von Innen", glaubt hingegen Michael Brinkschröder trotz aller Enttäuschung. Auch die stellvertretende Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), Agnes Wuckelt, sieht das so. Für sie sei es zwar eine tägliche Herausforderung, Gründe für den Verbleib in der Kirche zu finden, bekennt sie. Aber sie sei entschlossen, den notwendigen Demokratisierungsprozess einzufordern. "Ich bin Kirche. Und deshalb wird sie mich nicht los. Wir geben nicht nach."

Der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn appelliert an die Reformer, sich zu vernetzen. "Wir brauchen Menschen, die vorangehen, nicht diejenigen, die um sich selbst kreisen." Und auch Gemeindereferentin Arndt gibt sich trotz aller Zweifel kämpferisch: "Leute, wir müssen alle aufstehen für eine vernetzte, anarchische Kirche, die Leben schenkt!", ruft sie ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern zu.

An der "KirchenVolksKonferenz" waren unter anderem Gruppen wie "Wir sind Kirche", "Maria 2.0", #OutInChurch und Betroffeneninitiativen beteiligt sowie der der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB), die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und Ordensvertreterinnen.

Synodaler Weg

Der Begriff "Synodaler Weg" verweist auf das griechische Wort Synode. Es bedeutet wörtlich "Weggemeinschaft"; im kirchlichen Sprachgebrauch bezeichnet Synode eine Versammlung von Bischöfen oder von Geistlichen und Laien.

In ihrem Reformdialog auf dem Synodalen Weg wollen die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland beraten.

Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht (KNA)
Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Autor/in:
Claudia Rometsch
Quelle:
epd
Mehr zum Thema