Katholikentag als Bühne im Streit um Kirche und Demokratie

Eklat zwischen Adenauer und Kardinal Faulhaber

Kardinal gegen Adenauer. Beim Münchener Katholikentag 1922 kam es zum Eklat. Es ging vor 100 Jahren um die Frage, wie weit sich Katholiken in einer pluralen Gesellschaft einbringen sollten. Faulhaber wollte den Saal verlassen.

Konrad Adenauer auf dem Katholikentag 1956 in Köln / © N.N. (KNA)
Konrad Adenauer auf dem Katholikentag 1956 in Köln / © N.N. ( KNA )

Dass Deutsche Katholikentage nicht nur Glaubensfeste sind, sondern auch der Demokratie und deren Grundwerten dienen sollen - das ist weithin Konsens.

Hart erkämpfte Haltung

Ein Blick zurück zeigt, dass diese Haltung hart erkämpft wurde. Vor 100 Jahren, im August 1922, wurde der Katholikentag in München zum Austragungsort einer bemerkenswerten Kontroverse über die Haltung der deutschen Katholiken zur Weimarer Republik, zur demokratischen Staatsform und zum weltanschaulichen Pluralismus der damaligen Zeit.

1921 erstmals amtierender Reichskanzler beim Katholikentag

1921 hatte mit dem Zentrumspolitiker Joseph Wirth (1879-1956) erstmals ein amtierender Reichskanzler an einem Katholikentag teilgenommen. Aus Verärgerung über den eher im linken Spektrum der katholischen Zentrumspartei stehenden Wirth verhinderte der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952) 1922 dessen erneute Einladung nach München. Faulhaber, überzeugter Monarchist, wünschte sich eine deutlichere Betonung des religiösen Charakters dieser Versammlungen und eine stärkere Beteiligung von Bischöfen, keinen politischen Parteitag des Zentrums, das in der Reichsregierung mit den Sozialdemokraten zusammenarbeitete.

Eklat zwischen Faulhaber und Adenauer

In München kam es zum Eklat zwischen Faulhaber und dem 46-jährigen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer als Katholikentagspräsident. Faulhaber griff die Republik in seiner ersten Predigt vor 100.000 Menschen auf dem Königsplatz scharf an. "Die Revolution war Meineid und Hochverrat und bleibt in der Geschichte erblich belastet und mit dem Kainsmal gezeichnet", schimpfte er. Der aus der Revolution hervorgegangenen Republik sprach er jede Autorität ab. Die Weimarer Reichsverfassung sei eine Verfassung ohne Gott, kritisierte er und forderte, das öffentliche Leben nach den Gesetzen Gottes einzurichten. Dass die Verfassungen von 1849 und 1871 ebenfalls keinen Gottesbezug enthielten, übersah er dabei geflissentlich.

Feindselige Stimmung im Saal

Adenauer widersprach in seiner Schlussansprache im Namen der deutschen Katholiken, wobei er gegen eine feindselige Stimmung im Saal ankämpfen musste und auf Empörung stieß. "Es verrät Mangel an historischem Blick, die heutige Verfassung verantwortlich zu machen für die heutigen Zustände", sagte der spätere Bundeskanzler mit Blick auf die von Faulhaber kritisierten Verfallserscheinungen der Gesellschaft. Entchristlichung, Werteverfall und Diesseitsreligion seien nicht erst durch die demokratische Staatsform verursacht. "Die Treibhaustemperatur des Kriegs hat Keime zu rascher Entwicklung gebracht, die aber bereits lange vor dem Kriege gelegt waren", so der Kölner Oberbürgermeister.

Zusammengehen aller Christen

Adenauer warnte vor innerkirchlicher Spaltung und forderte vorausschauend ein Zusammengehen aller Christen in der neuen Demokratie - ein Projekt, das er nach 1945 in der überkonfessionellen CDU weiter verfolgte. "In Deutschland gibt es ein Drittel Katholiken und zwei Drittel Nichtkatholiken", fügte er hinzu. "Wir müssen beim Kampf für die Geltung der christlichen Grundsätze in den öffentlichen Dingen bei den Nichtkatholiken Bundesgenossen suchen und die Gegnerschaft jener, die wir nicht als Bundesgenossen gewinnen können, möglichst entkräften." Selbstkritisch gestand er ein, dass die Katholiken sich früher zu sehr von den Nichtkatholiken ferngehalten hätten. "Dadurch haben wir die gemeinsamen christlichen Ideale, die auch im evangelischen Lager viele pflegen und hochhalten, nicht gefördert."

Faulhaber wollte Saal verlassen

Für Faulhaber war das zu viel. Er wollte den Saal verlassen. "Doch kluge Leute hatten seinen Kardinalshut verräumt, er war unauffindbar", berichtete der langjährige bayerische Kultusminister und Zdk-Präsident Hans Maier 2016 in der "Süddeutschen Zeitung" in einem Rückblick auf den Münchner Katholikentag. "So konnte Adenauer rasch zum Schluss kommen und seinen Kontrahenten mit listiger Demut um den Schluss-Segen bitten, den dieser als geistlicher Hirte nicht verweigern konnte."

Katholikentage

Deutsche Katholikentage sind Treffen, bei denen sich die Kirche mit ihren Verbänden und Institutionen über mehrere Tage der Öffentlichkeit präsentiert. Sie finden in der Regel alle zwei Jahre in wechselnden Städten statt.

Bei Katholikentagen diskutieren zehntausende Christen über kirchliche und gesellschaftspolitische Themen und feiern Gottesdienste. Veranstalter ist das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK); Gastgeber ist die jeweilige Diözese des Austragungsortes.

Flyer und Becher mit Bleistiften des 102. Deutschen Katholikentags in Stuttgart / © Gerhard Baeuerle (epd)
Flyer und Becher mit Bleistiften des 102. Deutschen Katholikentags in Stuttgart / © Gerhard Baeuerle ( epd )

Autor/in:
Christoph Arens
Quelle:
KNA