"Shalom, Salam, der Friede sei mit euch" – mit diesem uralten Friedensgruß eröffnete Kardinal Woelki seine Predigt. Sich gegenseitig den Frieden zu wünschen, gehöre zu den ältesten Grußformeln der Menschheit und rühre an ein Grundbedürfnis aller Menschen. "Alle Menschen sehnen sich danach, im Frieden zu leben", sagte Woelki. Sie wollten Sicherheit, Freiheit und ein Leben ohne äußere Bedrohung.
Doch diese Sehnsucht stehe in scharfem Kontrast zur Realität vieler Menschen. "Wenn wir die Nachrichten einschalten, müssen wir feststellen, dass die Realität in vielen Teilen der Welt eine andere ist", so der Kardinal. Aggressionen und offen geführte Angriffskriege bestimmten den Alltag. "Millionen unserer Schwestern und Brüder haben nicht die Wahl, ob sie im Frieden leben wollen oder nicht. Ihnen werden Krieg und Gewalt aufgezwungen."
Christsein und Soldatsein – eine schwierige Frage
Angesichts dieser Wirklichkeit stelle sich immer wieder die Frage nach der Legitimität von Widerstand und militärischer Verteidigung. Woelki formulierte es zugespitzt: Es gehe um die Frage, "wie es miteinander vereinbar ist, Christ zu sein und Soldat" – und ob Christen "immer und unter allen Umständen passiv die andere Wange hinhalten müssen".
Dabei stellte der Erzbischof unmissverständlich klar: "Krieg und Gewalt entsprechen niemals dem Willen Gottes." Gewalt könne niemals mit einem vermeintlichen göttlichen Auftrag gerechtfertigt werden. Ein sogenannter "heiliger Krieg" sei "eine Perversion", die bis heute als moralische Begründung für "Zerstörung, Vertreibung und Gewalt" missbraucht werde. Ebenso verwerflich sei eine religiöse Überhöhung oder Rechtfertigung von Aggressionen und Angriffskriegen.
Verteidigung kann geboten sein
Zugleich widersprach Woelki einer pauschalen Verurteilung jeglicher militärischer Gegenwehr. Auf die Frage, ob Widerstand gegen ungerechte Aggression zulässig sei, antwortete er klar: "Das ist sie." Es gebe Situationen, "in denen es geboten sein kann, das eigene Leben und das Leben anderer auch militärisch zu verteidigen und zu schützen".
Doch ein gerechter Verteidigungsgrund allein reiche nicht aus. "Dazu, dass Soldaten wirklich Christen sind und Christen guten Gewissens Soldaten sein können, gehört mehr", betonte der Kardinal. Christsein in Uniform bedeute mehr als militärisches Können und den Einsatz für eine gerechte Sache.
Der Friede Christi ist mehr als Waffenstillstand
Im Zentrum der Predigt stand der Friede Christi. Dieser Friede sei "mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg und Gewalt". Er sei geprägt von "Gerechtigkeit, Mitgefühl, Solidarität und Liebe". Es sei jener Friede, um den die Kirche in jeder Eucharistiefeier bitte, wenn sie mit den Worten Jesu bete: "Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch."
Jesus spreche damit nicht von irgendeinem Frieden, so Woelki. "Er spricht uns nicht nur einen Waffenstillstand zu. Auch nicht einfach nur die Abwesenheit von Krieg." Gemeint sei ein Frieden, "der tiefer ist, als es politische Verträge oder militärische Sicherungen je können", ein Friede, "der im Herzen beginnt und von dort aus die Welt dauerhaft und nachhaltig verwandeln kann".
Frieden als Frucht der Versöhnung
Mit Blick auf die Botschaft von Papst Leo zum diesjährigen Weltfriedenstag unterstrich der Kardinal: "Der Friede, den Christus uns schenkt, ist nicht das Ergebnis von Verhandlungen oder Kompromissen, sondern die Frucht der Versöhnung mit Gott und untereinander." Wer diesen Frieden im Herzen trage, werde selbst "zum Werkzeug des Friedens in der Welt".
Das sei ein anspruchsvoller Weg, räumte Woelki ein. "Frieden beginnt im eigenen Herzen." Er beginne mit Respekt, Mitgefühl sowie mit der Bereitschaft "zur Vergebung und zur Versöhnung".
Friedensstifter sein heißt nicht, naiv sein
Friedensstiftung bedeute jedoch keine Verharmlosung von Gewalt. "Friedensstifter zu sein, ist nicht naiv“, betonte Woelki. Es heiße weder, Konflikte zu leugnen, noch Gewalt zu relativieren. Manchmal sei es notwendig, "Unrecht als Unrecht zu benennen". Manchmal sei es auch geboten, sich entschieden gegen Aggression zu wehren und die Schwachen zu schützen. Frieden könne unter Umständen auch dadurch entstehen, "dass ein Aggressor gewaltsam überwunden wird".
Dabei gelte stets der Maßstab der kirchlichen Friedensethik: "Der wahre Friede ist nicht bloße Abwesenheit von Krieg, sondern die Gegenwart von Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe." Wer für den Frieden arbeite, müsse sich für all das einsetzen.
Frieden mit Gott als Grundlage allen Friedens
Zum Abschluss seiner Predigt stellte Kardinal Woelki die umfassende Dimension des Friedens heraus. Dauerhafter Friede könne nur dort bestehen, "wo der Mensch in Frieden mit Gott lebt". Der Friede mit Gott, der Friede im eigenen Herzen und der Friede unter den Menschen gehörten untrennbar zusammen.
"Unsere Berufung ist es", so Woelki, "uns von Christus mit seinem Frieden erfüllen zu lassen und uns von ihm zu Boten und Werkzeugen dieses wahren Friedens in Dienst nehmen zu lassen." Mit dem gemeinsamen Gebet um diesen Frieden schloss der Kardinal: Nur so könne "das Angesicht der Erde neu" werden.