DOMRADIO.DE: Jesus wird in "Der Mann aus Nazareth" nicht sanft wie ein Lamm dargestellt, sondern stark wie ein Tiger. Welchen Jesus lernen die Leser in dem Buch kennen?
Thomas Pago (Verleger Elsinor Verlag): Wir lernen einen sehr charismatischen Prediger kennen. Burgess hat wahrscheinlich zu Recht gefolgert, dass ein Mann, der eine solch enorme Wirkung auch auf seine Zeitgenossen hatte, der vor großen Menschenmengen predigte und eine neue Religion begründete, kein blasser, schwächlicher Mann mit leiser Stimme gewesen sein kann.
Er hat ihn sich als körperlich eindrucksvoll vorgestellt, als jemand mit einer mächtigen und weit tragenden Stimme. Er schildert Jesus als jemanden, der durchaus kräftig wie ein Held zum Schwert greifen könnte. Aber gerade das tut er nicht und das erhöht die Wirkung umso mehr.
DOMRADIO.DE: Burgess arbeitet sich in der Handlung nicht nur an den Evangelien ab, sondern erfindet auch eigene Geschichten. Was denn zum Beispiel?
Pago: Zum einen orientiert er sich stark an den Evangelien und an der außerbiblischen Überlieferung. Er hat dazu umfangreich recherchiert. Er findet schöne Details, etwa die Erscheinung des Erzengels Gabriel. Dazu gibt es drei wunderbare Szenen. Bei Zacharias, bei Maria und den Hirten bei der Geburt Jesu, die sehr derbe Gestalten sind. Die wollen diesen etwas weltfremden, geistigen jungen Mann am liebsten verprügeln und ausrauben. Das sind so humoristische Szenen.
Er füllt jedoch auch Lücken, die die Bibel gelassen hat. Gerade in der Zeit zwischen Jesu Geburt und dem Beginn seines Wirkens als Prediger. Er findet etwa eine Ehefrau. Die stirbt allerdings und er ist dann ein kinderloser Witwer. Solche Erzählungen erlaubt er sich, ohne den Gehalt zu schmälern.
DOMRADIO.DE: Das Buch verfügt über Komik und Humor. Das findet man in den Evangelien so nicht. Welche Art Humor ist es?
Pago: Er versucht den Figuren persönliche Züge zu geben. Thomas zum Beispiel ist ein Skeptiker, ein etwas derberer Mensch, der sehr umgangssprachlich spricht. Das sind immer komische Szenen.
DOMRADIO.DE: Ist das ein Humor, der eher bitter und ironisch ist, oder ein Humor, bei dem man mitlachen kann?
Pago: Das ist ein Humor zum Mitlachen. Die Bibel nimmt Burgess schon ernst. Er war religiös katholisch geprägt, hat sich aber als Erwachsener von der Kirche stärker distanziert. Er war dennoch ein gläubiger Mensch. Er nimmt die Bibel und gerade die Figur Jesu sehr ernst.
DOMRADIO.DE: Eine weitere Rolle spielen die politischen Konflikte zwischen den jüdischen Bewohnern Palästinas und der römischen Besatzungsmacht. Wie aktuell ist das Buch?
Pago: In der Hinsicht ist es sehr aktuell. Heute ist Kolonialismus ein beliebtes Stichwort. Wir erleben das heute, wenn es um Länder wie Grönland geht. Burgess hatte den Erfahrungshorizont des britischen Empires, das in der Zeit in großen Teilen schon zerbrochen war und weiter zerbröselte.
Mit diesem Wissen blickte er zurück auf die Zeit des römischen Reiches in Palästina. Dabei spielen politische Konflikte eine große Rolle. Einige Szenen spielen am Hof des Herodes, da gibt es Gespräche zwischen Diplomaten und weiteren politischen Akteuren. Diese politische Welt kommt mit hinein und wir sehen dann eine Welt, in der das römische Reich immer weiter um sich greift, in der die drei Weisen aus dem Morgenland in politischen Gesprächen fürchten, dass ihre kleinen Königreiche unweigerlich Rom einverleibt werden.
Das Interview führte Heike Sicconi.
Informationen zum Buch:
2025, Ins Deutsche übersetzt von Ludger Tolksdorf, Elsinor Verlag, 372 Seiten, ISBN 978-3-942788-93-9, 28,00 Euro