Jesuitenpater sieht in Austrittswelle stille Kirchenspaltung

"Es ist die Kirche der Verlassenen"

Der Jesuitenpater Ansgar Wiedenhaus hört Menschen zu, die aus der Kirche austreten wollen. Die Kirche habe sie verlassen, sagt er. Er hofft darauf, dass aus dem Trümmerhaufen etwas entstehe, "das dem Evangelium gerechter wird".

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einer Kirchenbank / © Harald Oppitz (KNA)
Ein Mann und eine Frau sitzen auf einer Kirchenbank / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Die Bistümer in Deutschland haben ihre Kirchenaustrittszahlen für das Jahr 2021 veröffentlicht. Aus diesen wird deutlich, dass immer mehr Menschen die katholische Kirche verlassen. Sie bieten in der Offenen Kirche St. Klara in Nürnberg das Gesprächsformat EXIT an - eine Begleitung für Austrittswillige. Was erzählen die Ihnen? 

Eckdaten zu den beiden großen Kirchen in Deutschland 2021

Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Statistik für 2021 veröffentlicht. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte dies bereits im März 2022 getan. Hier einige Eckdaten:

Im vergangenen Jahr gehörten 21.645.875 Menschen der katholischen Kirche an, bei den Protestanten waren es 19.725.000. Das entspricht einem Anteil von rund 26 beziehungsweise 23,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Im vergangen Jahr traten 359.338 Menschen aus der katholischen und rund 280.000 Menschen aus der evangelischen Kirche aus. In beiden Fällen ist das ein neuer Rekordwert.

Schloss an einer Kirchentüre / © Djordje Kostic (shutterstock)
Schloss an einer Kirchentüre / © Djordje Kostic ( shutterstock )

Pater Ansgar Wiedenhaus SJ (Pater in der Offenen Kirche St. Klara Nürnberg): Wo fangen wir an? Das eine ist natürlich, dass die kirchliche Großwetterlage momentan nicht ermutigend ist. Es gibt auf der einen Seite die ganzen Skandale, auf der anderen Seite die Erfahrung von Reformunfähigkeit oder Reformunwilligkeit.

Das andere sind einfach negative persönliche Erfahrungen von Kirche. Das ist mindestens genauso wichtig. Wenn Leute sagen "Ich lebe in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und mein religiöses Zuhause erkennt das Beste in meinem Leben nicht als etwas Gutes an", dann ist das eine unglaubliche Verletzung.

Oder wenn Leute in ihrer Pfarrei erleben, dass ein neuer Pfarrer kommt und sagt: "Die Wiederverheirateten brauchen sich nicht einbilden, dass sie bei uns zur Kommunion kommen". Dann sagen die Leute, sie haben das alles lange genug mitgemacht. Es reicht jetzt. 

DOMRADIO.DE: Das sind Menschen, die nicht automatisch ihren Glauben verlieren. Kann man ohne Kirche glauben?

Wiedenhaus: Wenn Sie die Kirche als Behörde oder verfasste Organisation meinen, dann ja. Ohne das geht es. Glaube braucht eine Form von Gemeinschaft, damit man nicht irgendwann zu einem Gott betet, der genauso aussieht wie man selbst.

Aber wie diese Gemeinschaft aussieht, steht noch mal auf einem völlig anderen Blatt. Ob man sagt, ich treffe mich mit anderen Menschen zum Beten, zum Austausch oder man fährt regelmäßig nach Taizé. Oder man ist bei den Pfadfindern und findet da das, was andere Leute in einer verfassten Kirche finden oder, oder, oder. Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. 

Ansgar Wiedenhaus(Jesuitenpater in Nürnberg) auf die Frage, ob man ohne Kirche glauben kann

"Was Glaube braucht ist eine Form von Gemeinschaft (...) Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten." 

DOMRADIO.DE: Was wünschen sich denn Menschen, die aus der Kirche austreten, von der Kirche? 

Wiedenhaus: Vielleicht kann man die Frage umdrehen. Was fehlt ihnen? Ich glaube, ganz oft fehlt Ihnen der Respekt, die Akzeptanz vor der eigenen Lebenswirklichkeit, die in dem, was sie in der Kirche erleben, nicht vorkommt oder nicht vorkommen darf. 

DOMRADIO.DE: Wie weit ist die Kirche schon auf einem Weg, dass sich das ändert? Stichwort Synodaler Weg. Gibt es Hoffnung, dass die Kirche damit Vertrauen zurückgewinnen kann? 

Papst äußert sich kritisch zu deutschem Synodalem Weg

Papst Franziskus hat sich kritisch und ironisch über einige Ideen des Reformprojekts Synodaler Weg in Deutschland geäußert. In einem am Dienstag veröffentlichten Interview wiederholte er lachend einen Satz, den er dem deutschen Bischofskonferenz-Vorsitzenden Georg Bätzing gesagt hatte: "Es gibt eine sehr gute evangelische Kirche in Deutschland. Wir brauchen nicht zwei von ihnen."

Papst Franziskus stützt seinen Kopf auf eine Hand und blickt gedankenversunken / ©  Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus stützt seinen Kopf auf eine Hand und blickt gedankenversunken / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Wiedenhaus: Offen gestanden, ich habe einen riesigen Respekt vor Leuten, die da gerade viel Herzblut investieren. Ich glaube, für viele ist das wirklich die letzte Chance, die sie der Kirche geben.

Ich glaube, viele schauen mit sehr viel Bangen darauf, was aus diesem Reformweg wird. Ich persönlich habe mehr und mehr den Eindruck, dass das Vertrauen verspielt ist und dass der Synodale Weg vielleicht tatsächlich der Schwanengesang ist. Gerade nach dem wie andere Länder darauf reagieren und was der Papst darüber sagt.

DOMRADIO.DE: Man hört die Warnung vor einer Kirchenspaltung in Deutschland durch den Reformweg. Was sagen Sie? 

Wiedenhaus: Wenn ein paar 100.000 Leute aus der Kirche austreten, ist das eine Kirchenspaltung. Wir haben sie schon, wir suchen sie nur an der falschen Ecke. Weil sich daraus keine neue Körperschaft entwickelt hat, wird das so nicht wahrgenommen. Man tut so, als ob die Leute, die aus der Kirche austreten, nichts sind und diese ihren Glauben an den Nagel gehängt haben.

Aber ich würde sagen, es ist die Kirche im Exil. Es ist die Kirche der Verlassenen und nicht nur unbedingt der Verlassenden. Es ist die stille Kirchenspaltung. Denn wenn uns so eine riesige Anzahl von Leuten den Rücken zukehrt, obwohl sie oft noch gerne in Gemeinschaft ihre Glaubens- und Lebensfragen ansprechen wollen, obwohl sie gerne einen gemeinsamen Weg mit und auf Gott zugehen würden, dann haben wir diese Kirchenspaltung schon. Wir ignorieren sie bloß. 

Ansgar Wiedenhaus SJ (Pater in der Offenen Kirche St. Klara, Nürnberg)

"Wenn ein paar 100.000 Leute aus der Kirche austreten, ist das eine Kirchenspaltung. (...) Aber ich würde sagen, es ist die Kirche im Exil. Es ist die Kirche der Verlassenen."

DOMRADIO.DE: Haben Sie Hoffnung? 

Wiedenhaus: Ich rede mal nur von Deutschland und nicht von der Weltkirche. Vielleicht ist das, was jetzt zusammenbricht, was an Vertrauen verspielt wird und was gerade in einen Trümmerhaufen mündet, der Preis dafür, dass daraus irgendwann etwas Neues entsteht, was wir uns noch nicht vorstellen können und was dem Evangelium vielleicht gerechter wird als das, was wir jetzt haben. 

Das Interview führte Bernd Hamer.

Quelle:
DR
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