DOMRADIO.DE: Sie haben bereits mehrere Auslandseinsätze in Kriegs- und Krisengebieten hinter sich. Zurzeit sind Sie im norwegischen Stavanger, einem wichtigen NATO-Stützpunkt, stationiert. Was ist aktuell dort Ihre Aufgabe?
Stephan Konz (Oberstleutnant der Bundeswehr): Zurzeit leite ich im Joint Warfare Centre (JWC), einem Schulungs- und Trainingszentrum der NATO, die Abteilung Real Life Support, die sich damit beschäftigt die Veranstaltungen im JWC logistisch zu unterstützen. Davor war ich schon mehrmals in besonderen Auslandsverwendungen, wie das bei uns heißt: 2003 und 2007 in Prizren im Kosovo, 2005 und 2012 in Kundus bzw. in Mazar e Sharif in Afghanistan und zuletzt 2015 und 2017 in Erbil im Irak. Insgesamt habe ich, rechnet man alle Einsätze zusammen, fast drei Jahre im Ausland verbracht. Auch wenn die Lage immer ernst war, wir Raketenalarm und auch Anschläge auf unsere Truppen hatten, war ich selbst noch nie direkt an einem Gefecht beteiligt. Aber auch schon die mittelbare Beteiligung an den Auseinandersetzungen in diesen Ländern hat natürlich Auswirkungen, auch wenn jeder damit anders umgeht und wir zur Vorbereitung auf solche Einsätze eine gezielte Ausbildung absolvieren. Am Ende ist trotzdem jeder auf sich gestellt und entscheidet allein, was zu tun ist, wenn er in eine Gefahrensituation gerät. Ich hatte da bisher immer Glück. Aber natürlich gibt es auch Momente bei solchen Einsätzen, in denen nicht absehbar ist, was als nächstes passiert. Und klar, da hat man manchmal durchaus auch ein mulmiges Gefühl.
DOMRADIO.DE: Sie gehören der Gemeinschaft katholischer Soldaten (GKS) an und stehen hinter der katholischen Militärseelsorge. Warum ist Ihnen das wichtig?
Konz: Ich gehöre dieser Gemeinschaft seit mehr als 30 Jahren an, weil ich hier Unterstützung finde. Denn gemeinsam im Glauben unterwegs zu sein ist immer einfacher als alleine. Mir hilft, dass wir dort als Kameraden eine gemeinsame Wertebasis teilen, auf der wir aufbauen und berufsethische Fragen diskutieren können. Natürlich geht es dabei auch Themen wie Töten oder Getötet-werden, denn wir setzen uns sehr konkret damit auseinander, was es heißt, wenn ich als Soldat im Ernstfall die Waffe auf jemanden richten muss oder – umgekehrt – er auf mich. Dabei suchen wir nach Antworten und verschaffen uns im Austausch Klarheit darüber, in welchem rechtlichen Spannungsfeld wir uns da bewegen, wenn ich zum Beispiel meine Waffe auf jemanden richten muss, um einen Wehrlosen zu schützen.
Darum geht es ja letztlich bei der Bundeswehr: Wir verteidigen Deutschland oder auch Menschen in den Einsatzgebieten, in die wir gezielt als Bundeswehr gehen. Orientierung gibt mir persönlich da die Bibel. Denn da finde ich immer wieder Heilige – ob Saulus, der zum Paulus wurde, oder Martin, der Mitglied in der römischen Legion war – die auch vor der Herausforderung standen, in einer schwierigen Situation das Richtige zu tun. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass mir, wenn ich mit schwierigen Gewissensentscheidungen konfrontiert war, mein christlicher Glaube, mein Katholisch-Sein geholfen hat. Deshalb ist mir die GKS als eine Gemeinschaft Gleichgesinnter auch so wichtig.
DOMRADIO.DE: Haben Sie schon Seelsorgeangebote im Ausland bei Einsätzen in Krisengebieten in Anspruch genommen, und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Wie kann Glauben im militärischen Alltag gelebt werden?
Konz: Bei allen meinen Auslandseinsätzen – ob größer oder kleiner – gab es Angebote der Militärseelsorge. In Prizren, einem sehr großen Einsatz, bei dem wir in mehreren Feldlagern gelebt haben, standen damals zum Beispiel Militärseelsorger beider Konfessionen zur Verfügung. Ich habe aber auch immer die sogenannten "Oasen" genutzt; das sind Schutzräume, die Soldatinnen und Soldaten im Einsatz als Ruhe- und Erholungsbereich dienen, um in einer durchweg angespannten Lage mal runterzufahren. Außerdem gehe ich sonntags – nach Möglichkeit mit meinen Kameraden – in den Gottesdienst, um meine Woche ein bisschen zu sortieren, aber auch gemeinsam mit ihnen zu beten und zu singen.
Wenn man in einem Einsatz ist, verliert man oft das Gefühl für Zeit und Raum, so dass die Sonntagsmesse für mich immer ein strukturierendes Element ist. Außerdem braucht man bei solchen Einsätzen, die ja auch hart sind, mal eine Pause. Und eine solche Stunde in einem Gottesdienst- oder Oasenraum hat mir dann immer viel gebracht. Außerdem tut mir gut, wenn ich das mit anderen zusammen mache. Jedenfalls haben wir uns nach Möglichkeit immer Zeit dafür genommen. Unsere Kommandoführung legt sogar Wert darauf. Entweder ist sie selber mit dabei, oder aber sie betrachtet es als wichtige Stütze für ihre Soldaten, dass es solche Auszeiten zum Innehalten gibt. Mir persönlich bedeutet ein solches seelsorgliches Element viel.
DOMRADIO.DE: In jedem Jahr begleiten Demonstrationen vor dem Dom den Internationalen Soldatengottesdienst mit Kardinal Woelki in Köln anlässlich des Weltfriedenstages. Die aber daran teilnehmen, schöpfen daraus Kraft. Können Sie nachvollziehen, dass da immer wieder Menschen mit Transparenten protestieren, auf denen steht, dass die Kirche Waffen und Kriegsgerät segnet? Wie lässt sich für Sie der Dienst an der Waffe mit dem eigenen Glauben vereinbaren?
Konz: Ich kann nachvollziehen, dass man aus echter Sorge um den Frieden demonstriert, und will auch niemandem gute Motive absprechen. Doch um das klarzustellen: Die Kirche segnet nicht die Waffen, sondern die Menschen, die sich zum Dienst an der Waffe bereit erklären. Zum Zweiten: Mit Pazifismus allein wird es nicht gehen. Wir müssen wehrhaft sein. Und ich gestehe: Als Soldat und Angehöriger der GKS bereitet mir die momentane Lage ernsthaft Sorgen. Insofern habe ich zwar Verständnis für das Anliegen friedlich Protestierender. Kein Verständnis aber habe ich für das Stören des Soldatengottesdienstes, insbesondere der heiligen Messe. Ich habe einmal miterlebt, dass jemand unter der Bank sein Handy mit der Musik "Spiel mir das Lied vom Tod" laufen ließ. Das war nicht nur zynisch, sondern auch geschmacklos und unsolidarisch.
Und was die Frage nach der Vereinbarkeit von Waffendienst und Christsein angeht: Eine ähnliche Frage hat man mir bei der Offiziersprüfzentrale, als ich mich damals dort beworben habe, schon mal gestellt. Meine Antwort ist auch heute dieselbe: Da ich ja nicht vorhabe zu morden, sondern zu verteidigen, ist das für mich nicht wirklich ein Dilemma. Im Gegenteil. Zumal das in unserem Grundgesetz klar geregelt ist. Ich persönlich kann beides miteinander vereinbaren, weil ich mit meinem Dienst Deutschland und die deutsche Bevölkerung schütze. Es geht darum, den Frieden zu verteidigen, zu bewahren und, wenn es sein muss, auch wieder herzustellen – zur Not auch mit Waffengewalt. Sonst müsste man ja bereit sein, mitanzusehen, wie andere umgebracht werden.
DOMRADIO.DE: Autokraten verschieben gerade die Weltordnung. Durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, aber auch den Konflikt in Nahost sind kriegerische Auseinandersetzungen fast zum Greifen nahe geworden. Europa beschäftigt sich gerade massiv mit dem Thema Aufrüstung. Die allgemeine Bedrohung wächst. Der amerikanische Präsident erhebt Ansprüche auf Grönland und sorgt für heftige Debatten. Was bedeuten solche Bedrohungsszenarien für die Angehörigen der Bundeswehr, deren Auslandseinsätze – wenn ich da an Afghanistan oder Mali denke – bislang eher weit weg waren?
Konz: Es stimmt, dass Kriegsgeschehen lange weit weg waren. Aber für die Soldaten, die in den genannten Ländern ihren Dienst verrichtet haben, war es dann eben doch plötzlich ganz nah. Nur für die Deutschen in Deutschland war das weit weg. Wenn wir jetzt in eine Situation kommen sollten, dass man befürchten muss, es würde gegebenenfalls die EU oder NATO-Gebiet angegriffen, dann haben wir ja wieder die Situation, in der ich mal Soldat geworden bin. Die Bedrohung ist da, und sie ist real. Und ich bin der Überzeugung, dass man darauf am besten reagieren kann, indem man in der Lage ist, sich zu verteidigen, und das Gegenüber das auch weiß und ernst nimmt.
Solche Einsätze beruhen ja nicht immer nur auf Freiwilligkeit. Wenn der eigene Verband einen Einsatzauftrag hatte, war es für mich selbstverständlich, dass ich mit meinem Bataillon dorthin gehe. Dabei war für mich von Anfang an klar, dass mein Soldateneid, den ich einmal geleistet habe, auch einen Kampfeinsatz beinhalten kann. Denn ich habe versprochen, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Was nicht bedeutet, dass das ausschließlich auf deutschem Territorium geschieht. Am Anfang meiner Dienstzeit – ich bin jetzt 59 – hieß es noch, das Grundgesetz verbietet der Bundeswehr solche Einsätze, aber das hat sich im Laufe der Zeit dann gewandelt. Das Bundesverfassungsgereicht hat inzwischen andere Urteile gesprochen, so dass für die Kameradinnen und Kameraden, die später Soldatinnen und Soldaten geworden sind, von vornerein klar war, dass ihr Eid mögliche Einsätze im Ausland beinhaltet. Bei all dem muss man ja immer bedenken, dass es zuhause Angehörige gibt – vielleicht auch kleine Kinder – die auf einen warten.
DOMRADIO.DE: Haben Sie denn schon miterleben müssen, dass Kameraden bei solchen Einsätzen ums Leben gekommen sind?
Konz: Ja. Bei Einsätzen, an denen ich beteiligt war, gab es schon Tote und Schwerverletzte, nicht nur Deutsche, auch Kameraden anderer Nationen, die – ein Beispiel, an das ich mich noch gut erinnere – Weihnachten 2005 in eine Sprengfalle geraten sind. Da denkt man dann schon darüber nach, dass es einen auch selbst treffen könnte. Man wird insgesamt nachdenklicher, aber das ändert nichts am Auftrag, den es zu erfüllen gilt. Solche Gedanken sind auch belastend, aber letztlich geht man ja in eine solche Mission, um den Auftrag zu erfüllen. Es gibt immer wieder Vorgesetzte und Politiker, die sagen, dass das Wichtigste ist, aus einem Auftrag heil zurückzukommen. Ja, natürlich ist das wichtig. Aber wenn das das Wichtigste wäre, dann gingen wir ja am besten gar nicht erst dahin.
Natürlich wiegt besonders schwer, wenn Kameraden – wie ich es erlebt habe – in Afghanistan ihr Leben oder ihre Gesundheit verloren haben, wir diesen Einsatz eher fluchtartig verlassen haben und wir uns im Anschluss fragen mussten: Wofür das Ganze eigentlich? Die Situation ist dort nach 20 Jahren nicht besser als vorher, vielleicht sogar noch schlimmer. Da fragt man sich dann schon, hätte man das nicht besser lösen können. Schließlich soll ein solcher Einsatz mit dem Verlust von vielen Menschenleben nicht umsonst gewesen sein.
DOMRADIO.DE: Zur Realität Ihres Berufes gehört es, das Szenario Krieg immer im Hinterkopf zu haben, auch wenn Sie dazu da sind, das gerade zu verhindern und den Frieden zu verteidigen. Stellen Sie sich manchmal die Frage, wo Gott im Krieg, im Leid und beim Sterben ist? Welche Hoffnung leitet Sie?
Konz: Das beschäftigt mich schon, aber auch in anderen Situationen kann man sich natürlich fragen: Warum lässt Gott das jetzt zu? Letztlich aber hat Gott dem Menschen den freien Willen gegeben, und jeder entscheidet dann für sich, auf welcher Seite er stehen und ob er Gutes oder Böses tun will. Meine Hoffnung ist, dass wir als Soldaten so gut ausgebildet und ausgerüstet sind, dass wir einen möglichen Angreifer abschrecken, damit er gar nicht erst auf die Idee kommt.
Wir leben angesichts der aktuellen Gemengelage schon in einer verrückten Welt. Grönland und Taiwan sind ja nur zwei Beispiel für mögliche militärische Angriffsziele. Dazu fällt mir dann ein Satz aus der Bibel ein, wenn Jesus vor seinen Schächern steht und sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Auch wenn Autokraten gerade die Weltordnung durcheinander zu bringen versuchen, gehöre ich zu denen, die die Schwächeren verteidigen. Das ist sicher nur ein kleiner Beitrag, den ich leiste, aber zumindest leiste ich einen. Und dabei bedeutet mir mein Glaube in jedem Fall Stärkung und Trost. Aus ihm schöpfe ich jederzeit das Vertrauen, das Richtige zu tun.
Das Interview führte Beatrice Tomasetti.
Information der Redaktion: DOMRADIO.DE überträgt am Donnerstagmorgen um 9 Uhr das Pontifikalamt zum Weltfriedenstag im Kölner Dom mit dem Erzbischof von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki.