Iranischer Pastor in Deutschland spricht über Situation in der Heimat

"Das Regime hält sein eigenes Volk als Geisel"

Seit Tagen unterdrückt das Regime in Teheran die Proteste mit massiver Gewalt und Massakern. Ein iranischer Pastor aus Westfalen schaut mit größter Sorge auf seine Heimat – und fordert politische Konsequenzen.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Eine Frau, deren Gesicht mit den Farben der iranischen Flagge bemalt ist, bei einer Demonstration / © Emrah Gurel/AP (dpa)
Eine Frau, deren Gesicht mit den Farben der iranischen Flagge bemalt ist, bei einer Demonstration / © Emrah Gurel/AP ( dpa )

Seit einer Woche hat er nichts von seinem Bruder gehört: Das iranische Regime hat das Internet und alle anderen Kommunikationswege abgeschnitten, auch die Menschen im Iran können nicht untereinander kommunizieren. Wenn Mehrdad Sepehri Fard liest, dass die Mullahs in den vergangenen Tagen tausende Menschen töten ließen, kämpft er mit den Tränen: "Sie schießen auf die eigene Bevölkerung! Auch auf Kinder und Jugendliche. Das ist erschütternd!" 

Pastor Mehrdad Sepehri Fard  (Katholische Kirche Paderborn)

Mehrdad Sepehri Fard lebt seit 28 Jahren in Deutschland und ist der Seelsorger für persischsprachige Christen in Westfalen. Aus Gesprächen mit anderen Exiliranern weiß er: Alle sind besorgt, jeder hat Verwandte und Freunde im Land.  

Das eigene Volk als Geisel

"Seit 47 Jahren hält die iranische Regierung ihre Bevölkerung als Geiseln", sagt er und erinnert an das brutale Vorgehen, als 2019 – ausgelöst durch plötzliche Benzinpreiserhöhungen – im ganzen Land Proteste ausbrachen. 2022 starb die 22-jährige Mahsa Amini in Polizeigewahrsam. Millionen Menschen im In- und Ausland gingen auf die Straße und forderten unter dem Schlagwort "Frau.Leben.Freiheit" Reformen. Im Dezember 2025 stürzte der Iran in eine Wirtschaftskrise. Was als Aufstand von Händlern im Teheraner Basar begann, erfasste innerhalb kürzester Zeit das ganze Land. Wie immer antwortete das Regime mit Repressionen. 

Demonstrantin zeigt ein Bild der getöteten Mahsa Amini / © Alexandros Michailidis (shutterstock)
Demonstrantin zeigt ein Bild der getöteten Mahsa Amini / © Alexandros Michailidis ( shutterstock )

Mehrdad Sepehri kennt diese nur zu gut: Er wurde in den 1960er Jahren in Teheran geboren und islamisch erzogen. Im Teenageralter entdeckte er das Christentum für sich, als er die Bibel las. Eigentlich nur, um die Überlegenheit seiner eigenen Schriften zu überprüfen. 

Als Christ in Gefahr

Dann stellte er fest: "Im Islam kann man Gott nicht kennenlernen", erinnert er sich. "Wir können an Allah glauben und seinen Willen befolgen, aber ihn kennenzulernen wäre Gotteslästerung." Dennoch beschloss er, sich in einer presbyterianischen Kirche in Teheran taufen zu lassen. Eine riskante Entscheidung, denn seit der Islamischen Revolution 1979 gilt der Abfall vom Glauben als strafbar. "Aber mein Glaube war stärker als meine Angst", sagt er. 

Er begann, heimlich Theologie zu studieren. Die Prüfungen legte er auf Zypern ab. Oft wurde er festgenommen, auch gefoltert, erzählt er. Als 1997 die Todesstrafe gegen ihn ausgesprochen wurde, ging er mit seiner Frau ins Exil. 2006 legte er bei der presbyterianischen Kirche in den USA seine Prüfung als Pastor ab, wenige Monate später wurde er in Marburg ordiniert. 

Konvertiten im Fokus

So wie ihm ergeht es vielen Christen im Iran. Im aktuellen Weltverfolgungsindex des christlichen Hilfswerkes "open doors" rangiert das Land auf Platz 10, hinter Ländern wie Nordkorea, Somalia und Nigeria. Im Fokus stünden vor allem christliche Konvertiten, heißt es da: "Die Regierung sieht darin einen Versuch westlicher Länder, den Islam und die islamische Regierung des Iran zu untergraben."

Forderungen an die Bundesregierung

Pastor Mehrdad Sepehri Fard lebt und arbeitet heute als Seelsorger für persischsprachige Christen in Westfalen, ein Projekt, das 2017 im Evangelischen Kirchenkreis Paderborn mit Unterstützung der Evangelischen Kirche von Westfalen startete. Er bietet Glaubenskurse, Gemeindetage sowie Tauf- und Konfirmationskurse an. Er unterstützt Geflüchtete und organisiert Gottesdienste auf Persisch. Oft sprechen sie in ihrer Exilgemeinschaft über die Situation in der Heimat, gemeinsam fahren sie zu Demonstrationen. 

Dieses am 8. Januar aufgenommene und am 13. Januar via AP zur Verfügung gestellte Foto soll Iraner bei einem Protest gegen die Regierung in Teheran zeigen / © Uncredited/UGC/AP (dpa)
Dieses am 8. Januar aufgenommene und am 13. Januar via AP zur Verfügung gestellte Foto soll Iraner bei einem Protest gegen die Regierung in Teheran zeigen / © Uncredited/UGC/AP ( dpa )

Man wolle die Stimme der Menschen im Iran sein, sagt Sepehri. Seine Forderung: Die Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden müssten endlich auf die EU-Terrorliste und die Iraner müssten Zugang zum Satelliten-Internetdienst Starlink bekommen. "Worauf wartet die Bundesregierung noch?", fragt er. 

Darf man für einen Regimewechsel beten?

Natürlich beten sie in der persischsprachigen Gemeinde auch für einen Frieden in der Heimat, für die politischen Gefangenen und Opfer. Und auch für einen Regimewechsel. Und Sepehri ist überzeugt: Dafür brauche es weder Trump noch Netanjahu, das müssten die Iraner aus eigener Kraft schaffen: "Niemand im Iran glaubt noch, dass das Regime reformierbar wäre." Selbst Teile des Militärs hätten sich abgewandt.  

Reza Pahlavi / © Thomas Padilla/AP (dpa)
Reza Pahlavi / © Thomas Padilla/AP ( dpa )

Er und viele in seiner Gemeinde hoffen jetzt auf Reza Pahlavi, der aus dem US-Exil heraus zum Sturz von Religionsführer Ayatollah Chamenei aufruft und sich selbst als Übergangsherrscher in Position bringt Pahlavi ist der Sohn des 1979 gestürzten Schah von Persien, eines selbstherrlichen und rücksichtslosen Despoten.  

Kann man so einem Mann vertrauen? Pfarrer Sepehri wägt ab: Er sei die einzige politische Führungsfigur, die ein Chaos wie im Nachbarstaat Irak verhindern könne, davon ist er überzeugt: "Darum rufen viele Iraner jetzt nach ihm. Wir vertrauen auf ihn, denn wir haben keine Alternative. Und schlimmer kann die Situation nicht werden."

Quelle:
DR

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