Viele von Ihnen betreten den Kölner Dom regelmäßig: zu den Gottesdiensten, zu stillen Besuchen oder einfach, um diesen einzigartigen Raum auf sich wirken zu lassen. Der Blick hebt sich fast unwillkürlich nach oben – zu den Gewölben, den Fenstern, der überwältigenden Höhe. Der Dom zieht den Menschen empor.
Doch wie oft richtet sich der Blick bewusst nach unten – auf das, worauf wir Platz nehmen? Haben Sie die Kopfstücke der Langhausbänke schon einmal wirklich betrachtet? Genau darauf möchte ich jetzt Ihren Blick lenken.
Eine Aufnahme aus dem Jahr 1863 zeigt, dass bereits kurz nach der Niederlegung der Trennwand zwischen dem älteren Chor und dem neuen Langhaus ein Block von Kirchenbänken im Langhaus aufgestellt wurde.
An den hochgezogenen, halbrund endenden seitlichen Wangen lässt sich erkennen, dass es sich um jene Bänke handelt, die sich – in Form und Charakter – bis heute dort befinden.
Im 20. Jahrhundert änderten sich Anzahl und Länge: In den 1960er Jahren kamen zwanzig Bänke hinzu, deren Wangen nach dem Vorbild des 19. Jahrhunderts neu geschaffen wurden. In den 1980er Jahren verlängerte man jeweils vier Bänke zwischen den Pfeilern und versetzte die Wangen nach außen. Heute finden im Langhaus 505 Menschen einen Sitzplatz.
Besonders ans Herz legen möchte ich Ihnen die Schnitzereien in den Wangen dieser Bänke. Blattmotive und Rankenschnitzereien entfalten sich dort in immer neuen Varianten. Häufig steigen aus der Mitte bucklige Blätter auf; spiralförmig angeordnete Ranken und Früchte füllen die vertieften Flächen.
Am Übergang zwischen dem gerundeten Abschluss und der Schräge der Buchablage sitzt jeweils ein Blattknauf - auch er individuell gestaltet, teils mit erstaunlich naturalistischen Blättern, etwa von Efeu. Kein Stück gleicht dem anderen. Jedes zeugt von Handarbeit, von Zeit, von Aufmerksamkeit.
Vom Wert des genauen Hinsehens
Gerade in einem Bauwerk von solcher Größe wird etwas Grundsätzliches sichtbar: Der Dom lebt nicht allein vom Monumentalen. Seine Würde entsteht aus der Summe der Arbeiten, von denen viele kaum bewusst wahrgenommen werden. Und doch tragen sie zum Gesamteindruck bei.
Auch dort wurde mit höchster Sorgfalt gearbeitet, wo ein Blickfang nicht beabsichtigt war. Hände schnitzten Formen, die nicht beeindrucken, sondern dienen sollten. Es handelt sich um Kunst, die sich zurücknimmt.
Diese Bänke erinnern mich daran, dass Qualität und Sorgfalt ein Versprechen sind. Das große Ganze kann ohne das Gewissenhafte im Kleinen nicht glaubhaft existieren, denn darin gründet ihre Glaubwürdigkeit.
Vielleicht lehrt uns der Dom gerade durch solche Details etwas Wesentliches: Achtung beginnt dort, wo wir uns Zeit nehmen. Und Verständnis dort, wo wir lernen, auch dem Unscheinbaren Bedeutung zuzugestehen.
Ich wünsche mir, dass Sie bei Ihrem nächsten Besuch einen Moment innehalten, den Blick senken – und in diesen stillen Kunstwerken die Tiefe dieses gewaltigen Gotteshauses neu entdecken.