So wurde um den Dachstuhl des Kölner Doms gestritten

Eisen, Eifer und Emotionen

Im 19. Jahrhundert entbrannte am Dachstuhl des Kölner Doms ein Streit um die Frage: Holz oder Eisen? Barbara Schock-Werner, Ex-Dombaumeisterin und Vorsitzende des Zentral-Dombau-Vereins, berichtet von dem Konflikt um das Domdach.

Dachstuhl des Kölner Doms (Dombauhütte Köln)

So begann auch die Auseinandersetzung um den Dachstuhl des Mittelschiffs. Noch der 1842 genehmigte Winterbau-Plan sah Holz vor - ehrwürdig, vertraut, aber brennbar. Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner hingegen hatte schon in den 1840er Jahren den Gedanken gefasst, den Dachstuhl aus Eisen auszuführen. Holz könne sich verziehen, müsse ersetzt werden, und im Brandfall drohe es die Gewölbe zu zerstören. Beispiele fand er in der Weltgeschichte genug: der Brand von St. Paul vor den Mauern 1835 oder das eiserne Dach der Kathedrale von Chartres nach deren Feuer.

1851 plädierte Zwirner erneut vor der Baudeputation für Eisen, reiste nach England, studierte moderne Konstruktionen und entschied sich schließlich für das modernste Material seiner Zeit: Schmiedeeisen, später Walzeisen. 1859 legte er seine endgültigen Entwürfe für Dachstuhl und Vierungsturm vor

Wenn Überzeugung zum stürmischen Wind wird

Doch wo Fortschritt weht, da regt sich Gegenwind. Und der trug einen bekannten Namen: Dr. August Reichensperger (1805-1895), Gründungsmitglied und bis 1871 Sekretär des Zentral-Dombau-Vereins.

Zunächst argumentierte Reichensperger noch mit höflicher Sachlichkeit. Der Dom solle doch "nach mittelalterlicher Art" vollendet werden, und ein eiserner Dachstuhl sei gewiss kein mittelalterliches Element. Die Brandgefahr von Holz? Für ihn übertrieben.

Als diese Argumente aber kein Gehör fanden, wetterte Reichensperger in einer Weise, wie wir sie heute allenfalls von digitalen Wüterichen kennen. Unter der Überschrift "Vandalismus und Barbarei am Kölner Dom in Ausführung begriffen" donnerte er gegen Zwirner und die Verantwortlichen. Das "Denkmal der Denkmäler deutscher gotischer Baukunst" sah er bedroht - ja regelrecht entheiligt.

Seine Worte wurden dramatischer, beinahe poetisch:

"Mir wird angst und bange, ein unheimlicher Schauder geht mir durch Mark und Bein, wenn ich das Ungeheuer betrachte, welches verhängnisvoll dort lungert ".

Man könnte meinen, der Dom sei plötzlich ein Drache geworden und keine Kathedrale. Aber Leidenschaft war stets Reichenspergers Triebfeder - ein Philosoph im Sturm der baupolitischen Gefühle.

Zwirners Ruhe im Eisenwind

Zwirner dagegen blieb gelassen und sachlich. 1859 begründete er seine Entscheidung erneut, und die Bauverantwortlichen folgten ihm. Die Ausschreibung erfolgte, der Bau begann - und im Oktober 1860 setzte Zwirner eigenhändig den Stern auf den Vierungsturm. Das Eisen war gesetzt: im Dach, im Dom, in der Geschichte

Ein leiser Nachhall in jüngerer Zeit

Und wie so oft beim Dom, wiederholte sich Geschichte später in ganz anderem Gewand. Der Streit um das Südquerhausfenster von Gerhard Richter zu Beginn des 21. Jahrhunderts war ebenfalls ein Ringen um Tradition, Moderne und das rechte Gespür für das Heilige.

Für mich liegt darin eine Wesenhaftigkeit: Der Dom besteht nicht nur aus Stein und Glas - er lebt vom Denken, Zweifeln und Streiten der Menschen, die ihn lieben.

Zentral-Dombau-Verein zu Köln von 1842

Seit Generationen tragen die Mitarbeiter des Zentral-Dombau-Vereins dafür Sorge, dass Geld für den Kölner Dom eingesammelt und im Sinne des Vereinsziels verwendet wird. Mehr als 60 Prozent der jährlichen Baukosten zur Erhaltung des Domes bringt der überkonfessionell und unabhängig organisierte ZDV jährlich auf. Das Geld der Mitglieder investiert der Verein dabei ausschließlich in die Renovierungs- und Erhaltungskosten des Kölner Wahrzeichens.

Ein alter, verwitterter Baldachin in der Werkstatt der Kölner Dombauhütte / © Harald Oppitz (KNA)
Ein alter, verwitterter Baldachin in der Werkstatt der Kölner Dombauhütte / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
ZDV