Erzbischof von Douala wegen Abwanderung junger Menschen besorgt

"Ein Drama, das Kamerun gerade erlebt"

Vor allem Kameruns Wirtschaftsmetropole Douala ist ständig in Bewegung. Dabei steht die Wirtschaft schon viel zu lange still, kritisiert Erzbischof Samuel Kleda. Sein Land steht im Mittelpunkt der Misereor-Fastenaktion 2026.

Autor/in:
Katrin Gänsler
Straßenszene in Douala, Kamerun / © akturer (shutterstock)
Straßenszene in Douala, Kamerun / © akturer ( shutterstock )
Samuel Kleda, Erzbischof von Douala / © Katrin Gänsler (KNA)
Samuel Kleda, Erzbischof von Douala / © Katrin Gänsler ( KNA )

KNA: Kamerun ist ein junges Land mit einem Durchschnittsalter von 19,4 Jahren. Was ist die größte Herausforderung der jungen Generation?

Samuel Kleda (Erzbischof von Douala): Nach ihrer Ausbildung finden junge Menschen keine Arbeit, obwohl sie arbeiten wollen. Arbeitslosigkeit betrifft aber nicht nur junge Menschen. Unser Land steckt wie viele andere afrikanische auch in einer Wirtschaftskrise. Unternehmen, die es einst gab, mussten bereits vor Jahren schließen. Es fehlt an Arbeitsstellen.

KNA: Sind junge Menschen denn in der Regel gut genug für den Arbeitsmarkt ausgebildet?

Kleda: Bis hin zu jenen, die promoviert sind, lässt sich feststellen: Unser Bildungssystem bereitet sie nicht gut genug auf den Arbeitsmarkt vor. Vielleicht könnten sie Lehrer werden. Aber in einer Fabrik oder einem größeren landwirtschaftlichen Betrieb arbeiten?

Samuel Kleda

"Ganze Familien gehen nach Kanada, in die USA, nach Europa, in jene Länder, in die sie migrieren können."

KNA: Ist das ein Erbe aus der französischen Kolonialzeit? Eine duale Berufsausbildung, wie es sie in Deutschland gibt, ist bis heute in Frankreich nicht weit verbreitet.

Kleda: Auf jeden Fall. Deshalb ist es notwendig, das Bildungssystem zu überarbeiten und den Realitäten anzupassen.

KNA: Welche Konsequenzen hat die aktuelle Situation?

Kleda: Junge Menschen möchten das Land verlassen. Das ist das Drama, das Kamerun gerade erlebt. Ganze Familien gehen nach Kanada, in die USA, nach Europa, in jene Länder, in die sie migrieren können. Dazu kommt die illegale Migration durch die Wüste, etwa um arabische Länder zu erreichen. Einige versuchen auch, das Mittelmeer zu überqueren. Viele sterben dabei.

Douala Flugzeug / © Novikov Aleksey (shutterstock)

KNA: Kann die Kirche gegensteuern?

Kleda: Wir begleiten bei einer praktischen Berufsausbildung. Das heißt aber auch: Jemand, der möglicherweise einen Universitätsabschluss in Literatur oder Germanistik hat, muss sich darauf einlassen, Zimmermann, Maurer oder Elektriker zu werden. Diese Berufe werden gebraucht. Weiterhin unterstützen wir jene, die sich mit einem kleinen Unternehmen selbstständig machen wollen. Ansprechpartner gibt es in jeder Pfarrei der Erzdiözese. Wir möchten gerne, dass es überall Ausbildungszentren gibt, etwa für angehende Frisörinnen oder Köche. Selbst wenn nur zwei oder drei junge Menschen danach eine Anstellung finden, haben wir schon etwas erreicht.

KNA: Kamerun ist jung, hat mit dem 93-jährigen Paul Biya aber das älteste Staatsoberhaupt der Welt. Hört die Regierung der jungen Generation überhaupt zu?

Kleda: Wir Menschen kommen an einen Punkt, an dem wir nicht mehr in der Lage sind, alles zu machen. Das erkennen aber nicht alle an. Das ist das große Problem.

Samuel Kleda

"Diese schlechte Regierungsführung zerstört uns. Eine kleine Gruppe lebt sehr gut, die große Mehrheit aber im Elend."

KNA: Gerade die Wirtschaftsmetropole Douala ist sehr lebendig und rund um die Uhr in Bewegung. Gleichzeitig wirkt es so, als ob Kamerun auf der Stelle tritt, was Armutsbekämpfung, die Verbesserung der Infrastruktur und auch Perspektiven für junge Menschen angeht.

Kleda: Das stimmt. Ein Land lebt durch seine Wirtschaft; doch diese liegt am Boden. Dabei ist Kamerun ein sehr reiches Land, dem es aber nicht gelingt, diesen Reichtum zu nutzen. Die Armut erreicht nach und nach alle Lebensbereiche. Der Lebensstandard sinkt; alles bricht zusammen. Man muss sich nur vorstellen: Wir importieren Reis, obwohl wir diesen gut selbst anbauen können.

KNA: Das heißt, die Basis für eine Veränderung ist eine Stärkung der Wirtschaft?

Kleda: Ja, und zwar in allen Bereichen. Aber nicht nur das. Wir brauchen gute Regierungsführung; Korruption muss bekämpft werden. Diese schlechte Regierungsführung zerstört uns. Eine kleine Gruppe lebt sehr gut, die große Mehrheit aber im Elend.

Das Interview führte Katrin Gänsler.

Misereor Fastenaktion 2026

"Hier fängt die Zukunft an" - so lautet das Motto der Misereor-Fastenaktion 2026. Sie richtet den Blick auf Jugendliche in Kamerun, die unter schwierigen Bedingungen leben und kaum Chancen auf Arbeit oder berufliche Ausbildung haben. Viele junge Menschen – insbesondere in der Metropole Douala – sind von Jugendarbeitslosigkeit betroffen. Misereor und der Projektpartner CODAS Caritas Doula setzen sich dafür ein, dass die benachteiligten Jugendlichen Zugang zu beruflicher Bildung erhalten und fördert ihre Potentiale. (Quelle: Misereor)

 © Kathrin Harms (MISEREOR)
Quelle:
KNA