KNA: Wie war Ihre Begegnung mit Papst Leo XIV.?
Erzbischof Josef Grünwidl (Wiener Erzbischof): Es war für mich ein sehr beeindruckendes Erlebnis, mit dem Papst persönlich sprechen zu können. Ich habe Papst Leo heute erlebt als einen Mann, der mir das Gefühl gegeben hat, er ist ganz für mich da, nimmt mich ernst, hört mir zu. Auch wenn der Papst sehr viel zu tun hat und noch viele Termine kommen – jetzt, in dieser halben Stunde, ist er ganz für mich da.
In dieser Hinsicht möchte ich mir ein Beispiel an Papst Leo nehmen und ich denke, das könnte auch für viele andere ein Impuls sein zum kritischen Nachdenken über die Selbstpräsenz. Und darüber, wie wir für andere da sind – oder ob wir an ihnen vorbeileben.
KNA: Was wollten Sie dem Papst vorrangig mitteilen?
Grünwidl: Mir war es wichtig, ihm die Lage in der Erzdiözese Wien mit ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten zwischen der Hauptstadt und den ländlichen Regionen Niederösterreichs zu schildern. Wir haben hier unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der Erosion des christlichen und des kirchlichen Lebens.
Es war mir wichtig, auch in dieser Zeit der Transformation, in der sich eine neue Kirchengestalt entwickelt und eine altvertraute Kirchengestalt an prägender Kraft verliert, immer wieder darauf hinzuweisen: Es gibt Grund zur Hoffnung. Gott umarmt uns im Heute. Wir sollen nüchtern die Realität anschauen und mit Hoffnung und Zuversicht das tun, was uns möglich ist und auch neue Wege beschreiten.
KNA: Was erhoffen Sie sich künftig in Sachen Synodalität, also der Teilhabe aller Gläubigen, für die Kirche in Österreich, aber mehr noch von der Weltkirche?
Grünwidl: Papst Franziskus hat das Thema Synodalität immer betont als ein Gebot der Stunde, und es geht wirklich um einen Kulturwandel in der Kirche. Ich erwarte mir für uns in Österreich, dass wir dieses große Wort Synodalität durchbuchstabieren und sozusagen auf den Boden bringen, es wirklich auch konkret machen. Das erwarte ich mir auch von der Weltkirche.
Es sind jetzt sicher Schritte notwendig, um das noch einmal durchzudenken, theologisch zu reflektieren. Und wenn es zu synodalen Schritten kommt, etwa zu stärkerer Partizipation von Getauften – Frauen und Männern – auch auf Entscheidungsebenen, dann muss das in Richtlinien, in Kirchengesetze gegossen werden, so dass Synodalität konkret gelebt werden kann.
KNA: Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat Leo XIV. unlängst in Rom eingeladen, nach Österreich zu kommen. Kamen Sie darauf zu sprechen?
Grünwidl: Ich habe die Einladung wiederholt und dem Papst gesagt, dass wir uns sehr freuen würden, wenn er nach Österreich kommt, wohl wissend, dass wir weltkirchlich gesehen zahlenmäßig eine sehr kleine Kirche sind. Angeblich leben nur 0,3 Promille der Katholiken weltweit in Österreich. Doch von der historischen Bedeutung für Europa ist Österreich und Wien sicher in einem anderen Rang. Zu der Einladung hat sich der Papst nicht geäußert, er hat sich bedankt. Mein Eindruck ist, dass Österreich jetzt nicht ganz oben auf seinen Reiseziellisten steht.
KNA: Was erhoffen Sie, als Erzbischof von Wien auf weltkirchlicher Ebene in Rom einbringen zu können?
Grünwidl: In der Erzdiözese Wien gibt es zurzeit etwas mehr als eine Million Katholiken. Das ist eine beachtliche, wenngleich abnehmende Zahl. Das heißt: Wir werden weniger, aber nicht weniger wichtig. Weil wir mit dem Evangelium eine Botschaft von Frieden, Versöhnung, Liebe, Gemeinschaft, Erlösung und Ausblick auf Vollendung haben. Diese Botschaft ist das Beste, was wir anbieten können und was die Welt für ein gutes Miteinander braucht.
Unsere Stärke liegt im ökumenischen und interreligiösen Miteinander, zum Beispiel im Wiener Rat der Religionen. Dadurch, dass es persönliche Beziehungen gibt zu Vertretern anderer Glaubensgemeinschaften und Kirchen, wird auch manches möglich – einfach, weil wir einander kennen und miteinander im Gespräch sind.
KNA: Gab es in Ihren ersten knapp vier Monaten als Erzbischof von Wien etwas, das Sie überrascht hat und Ihnen besonderen Respekt einflößt?
Grünwidl: Ich habe mich etwas gewundert und auch gefreut über das große mediale Interesse rund um meine Ernennung und Bischofswahl. Aber ich betone immer, ich bin nicht der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, das ist Erzbischof Franz Lackner. Andererseits ist mir jetzt im Gespräch mit dem Dikasterium für Kultur und Erziehung noch einmal klar geworden, welchen Status Wien etwa als Universitätsstadt hat und, dass es auch von Rom und weltkirchlich als ein wichtiger Player betrachtet wird.
KNA: Im Juni werden Sie aus den Händen von Papst Leo XIV. das Pallium empfangen, das alle Erzbischöfe von Wien erhalten. Was bedeutet das für Sie?
Grünwidl: Das Pallium wird aus der Wolle der Lämmer der heiligen Agnes gemacht und ist damit ein Symbol für die Schafherde des guten Hirten. Dieses Wollband mit den schwarzen Kreuzen erinnert mich noch stärker an die Aufgabe und an das Geschenk, Hirte für die Menschen sein zu dürfen. Auch ist es ein Symbol der tiefen Verbundenheit mit dem Heiligen Vater.
KNA: Sie werden von Vatikanbeobachtern immer wieder als künftiger Kardinal gehandelt. Wie denken Sie darüber?
Grünwidl: Papst Franziskus hat bei der Ernennung von Kardinälen einen neuen Kurs eingeschlagen, den ich auch sehr gut finde. Er sagte, das Kardinalskollegium sei immer noch europäisch überrepräsentiert und entspreche damit nicht mehr der Realität der Weltkirche. Er hat begonnen, die Erzbischöfe in europäischen Hauptstädten wie Prag, Paris oder Berlin nicht mehr automatisch zu Kardinälen zu machen.
Ich persönlich finde es klug, dass man im Kardinalskollegium versucht, die Realität der Weltkirche abzubilden. Aber das ist eine Entscheidung, die Papst Leo zu treffen hat.
KNA: In Deutschland gibt es derzeit Diskussionen um das Thema Segensfeiern für homosexuelle Paare. Wie blicken Sie darauf, und wie ist es in Österreich?
Grünwidl: In Österreich waren wir sehr froh über die Erlaubnis des Vatikans, dass es Segnungen in ganz einfacher Form für irreguläre Paare geben soll und geben kann. Deutschland geht da einen direkteren Weg. Ich kommentiere nicht Entscheidungen der deutschen Bischöfe.
Ich glaube aber, dass dieser von Papst Franziskus begonnene Kurs, auf Menschen zuzugehen, die um Segen bitten, und ihnen zu ermöglichen, Segen zu empfangen, ein richtiger und auch pastoral kluger Weg ist.
KNA: Papst Leo fährt fast jeden Montagnachmittag nach Castel Gandolfo, wo er seinen freien Dienstag verbringt, um Kraft zu tanken. Wo haben Sie Ihre Oasen?
Grünwidl: Mein freier Tag ist nicht wie bei Papst Leo der Dienstag, sondern der Montag, und wenn es irgendwie gelingt, versuche ich auch am Sonntagnachmittag rauszufahren aus Wien, aufs Land, um mich zurückzuziehen. Ich bin dann wirklich oft sehr froh, wenn ich alleine für mich sein kann und irgendwo wandern oder spazieren gehen kann an der frischen Luft oder auch einfach nur in Ruhe lesen und etwas vorbereiten.
KNA: Haben Sie noch Zeit, um Orgel zu spielen?
Grünwidl: Mein Orgelstudium an der Musikuniversität ist 35 Jahre her. Ich habe in den letzten Jahren kaum mehr gespielt. Aber ich habe ein Klavier in meiner Wohnung, und ab und zu am Abend, wenn Zeit ist und wenn ich noch Energie habe, setze ich mich ans Klavier und spiele für mich zur Entspannung. Sehr gerne Bach, aber auch Schubert, Beethoven, Mozart.
KNA: 2027 wird der 200. Todestag Beethovens begangen, der bekanntermaßen in Wien starb. Wie wird die Hauptstadt den Komponisten feiern?
Grünwidl: Beethoven ist im kommenden Jahr sehr stark bei uns im Konzertprogramm vertreten. Unter anderem wird der Pianist Igor Levit mehrfach in Wien gastieren. Auch Beethovens einzige Oper "Fidelio" wird sicher aufgeführt.
Für mich ist Beethoven ein Komponist, der ständig bis an die Grenze geht und nicht selten darüber hinaus, so dass man oft seine Tempoanweisungen nicht umsetzen kann, oder der auch Sängerinnen und Sängern das Äußerste abverlangt. Aber diese unbändige Gewalt und Kraft in seiner Musik beeindruckt mich.
Allein seine Klaviersonaten sind ein eigener unergründlicher Kosmos. Da komme ich mir ganz klein mit Hut vor, denn gerade die späten Klaviersonaten sind von technischen Anforderungen höchsten Ausmaßes geprägt, da komm ich dann als Hobbymusiker nicht mehr mit.
Das Interview führte Sabine Kleyboldt.