Der Wiener Theologe und Ethiker Gerhard Marschütz kritisiert, dass die Kirche häufig ein Genderverständnis angreife, das es in der Form nicht gibt. In einem Interview des katholischen Portals "Kirche und Leben" sagte Marschütz am Donnerstag, es gebe nicht nur die eine Gendertheorie, sondern viele unterschiedliche Ansätze. Diese betonten vielmehr, dass Geschlechtervorstellungen "immer auch in sozialen und kulturellen Kontexten entstehen".
Der frühere außerordentliche Professor für Theologische Ethik an der Universität Wien verwies zudem auf das vatikanische Dokument "Dignitas infinita" aus dem Jahr 2024. Darin warnt die vatikanische Glaubensbehörde vor einer "Gender-Ideologie" und einem Verlust der Geschlechterdifferenz. Ob diese Sorge berechtigt sei, lasse sich laut Marschütz "nicht pauschal sagen".
Zwei Extreme
Häufig werde mit dem Begriff der "Gender-Ideologie" ein Gegenbild konstruiert, das im wissenschaftlichen Diskurs so kaum vorkomme. "Genderansätze zielen in der Regel nicht darauf ab, Differenzen auszulöschen, sondern sie anders zu verstehen – eben nicht ausschließlich biologisch begründet", erklärte der Theologe. Die kirchliche Argumentation stelle oft zwei Extreme gegenüber: eine beliebige Wahl des Geschlechts auf der einen und eine strikt naturgegebene Ordnung auf der anderen Seite. Die tatsächliche Debatte bewege sich jedoch deutlich differenzierter dazwischen, so Marschütz.
Die kirchliche Skepsis gegenüber Homosexualität und Transidentität führt der Ethiker auf das naturrechtliche Denken zurück. In der kirchlichen Tradition sei Geschlecht eng mit Fortpflanzung verknüpft, weshalb die Ehe zwischen Mann und Frau als normative Form gelte. Abweichungen würden schnell als "nicht naturgemäß" eingeordnet. Genderperspektiven setzten dagegen einen anderen Akzent: "Sie verstehen unterschiedliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten als Varianten menschlicher Existenz."
Ausweg in eigener Tradition
Einen möglichen Ausweg aus der Konfrontation sieht Marschütz in der kirchlichen Tradition selbst, "insbesondere im Zweiten Vatikanischen Konzil". Dort sei das naturrechtliche Denken bereits aufgebrochen und um eine personale Perspektive ergänzt worden. "Der Mensch wird nicht nur über seine Natur definiert, sondern als Person mit Würde, Freiheit und Gewissen verstanden", sagte der Ethiker.
Problematisch sei jedoch, dass diese Perspektive später oft wieder in den Hintergrund gerückt sei. "Viele lehramtliche Entscheidungen sind letztlich wieder zugunsten eines naturrechtlichen Zugangs ausgefallen", erklärte Marschütz.