DOMRADIO.DE: Frau Fehrs, was genau können wir mit dieser Losung anfangen?
Kirsten Fehrs (Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck): Die Losung kann ein Leitspruch sein, ein Mutwort. Etwas, was man sich in Kopf und Herz ruft, wenn es mal nicht so doll läuft. Jede und jeder kann seine Gaben in diese Gesellschaft einbringen, damit vieles neu wird. Es muss ja nicht alles bleiben, wie es ist. Hoffentlich ist das so.
Das müssen wir auch nicht alleine tun, denn Gott spricht: „Ich mache alles neu“. Alles das, was wir oft merken, an Überforderung in diesen Zeiten, das soll uns eine gewisse Gelassenheit für dieses Jahr schenken. Nicht alles muss ich selbst tun. Gott steht an meiner Seite.
DOMRADIO.DE: Das ist motivierend. Was genau bedeutet denn für Sie die diesjährige Losung: "Siehe, ich mache alles neu"?
Fehrs: Die Losung ist zuallererst eine Zusage Gottes, die uns Mut machen soll. Siehe, Gott macht alles neu. Das ist die Grundbedeutung. Und dieses "Siehe" ist ein ganz entscheidendes Wort, denn es bedeutet, dass wir unseren Blick neu öffnen für die Hoffnungsgeschichten, die uns umgeben.
Und wenn wir uns umsehen, gibt es sehr viele davon. Kinder, die neu lernen und die Welt mit anderen Augen sehen, auch als Erwachsene. Menschen, die erleben, wie sich eine Tür schließt und dann auch wieder öffnet. Und Menschen, die sich uneigennützig für andere einsetzen. Die Spuren des Guten sind längst in den Ritzen der Welt zu sehen.
DOMRADIO.DE: Woher genau kommt der Ursprung der diesjährigen Losung? Was war zu dieser Zeit damals los?
Fehrs: Die Jahreslosung ist dieses Mal aus dem letzten Buch der Bibel, sogar fast aus den letzten Worten der Offenbarung. Sie ist vor knapp 2000 Jahren entstanden, von dem Seher, also dem Menschen, der Visionen hatte, und Johannes hieß, der im Exil auf Patmos lebte.
Das war zu einer Zeit, wo die Christenverfolgungen einen schlimmen Höhepunkt hatten, und umso mehr, dass viele eben nicht die Hoffnung verlieren, sondern im Gegenteil, dass die Hoffnung sich durchsetzt, gerade wenn es auch Bedrohungen gibt und Krisen. Was kann in diesen Zeiten ein besseres Losungswort sein?
DOMRADIO.DE: Das ist wohl wahr. Wer genau wählt denn die Jahreslosung aus?
Fehrs: Die Jahreslosung wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ausgewählt. Da sind ganz viele Organisationen miteinander verbunden. Zum Beispiel die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland, das Katholische Bibelwerk, der Bundesarbeitsverband der Evangelischen Stadtmission und so weiter. Es werden Vorschläge eingebracht, die gemeinsam diskutiert werden, und dann wird eine gemeinsame Losung ausgewählt.
Das Interview führte Lara Burghardt.