Evangelische Kirche will Missbrauchsopfer stärker unterstützen

"Ehrliche Schritte nach vorne"

Harte Kritik im Umgang mit der Aufarbeitung von sexueller Gewalt mussten sich die Mitglieder der Synode der evangelischen Kirche von Betroffenen anhören. Die Synodalen wirkten sichtlich getroffen. Ein Weckruf?

Autor/in:
Birgit Wilke
Von der EKD-Synode / © Jens Schulze (epd)
Von der EKD-Synode / © Jens Schulze ( epd )

Im Vorfeld der Synode hatte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, die evangelische Kirche zu einem anderen Umgang mit Betroffenen gemahnt und sie zu mehr Professionalität und Partnerschaftlichkeit aufgerufen. Auch Betroffene hatten ihrem Ärger und ihrer Wut über einen "mangelnden Aufarbeitungswillen" Luft gemacht. Ein Vorwurf von vielen: Während die katholische Kirche sich einem hohen öffentlichen Druck ausgesetzt sehe, versuche die evangelische Kirche, weiter "den Mythos" zu verbreiten, es handele sich um Einzelfälle. "Wir brauchen einen radikalen Wandel", forderten sie.

Strukturen für Betroffene schaffen

"Wir haben gehört, wir haben gefühlt, und wir haben verstanden: Wir sind dran als Synode", hatte die Vizepräses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Elke König, am Montag gesagt, nachdem Betroffene ihren Unmut geäußert hatten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob das gelingt. Unter anderem beschlossen die Synodalen, die unabhängige Fachstelle zur Aufarbeitung von Missbrauch zu verstetigen und Strukturen zu schaffen, über die sich Betroffene besser zu Wort melden können.

Und die neue Ratsvorsitzende Annette Kurschus kündigte bei der am Mittwoch zu Ende gehenden Synode genau das an, was Rörig gefordert hatte. Sie wolle die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs zur Chefinnensache machen, sagte sie in ihrer Antrittsrede. Sie betonte, dass die gesellschaftlichen Erwartungen an die Kirche "zu recht groß" seien, "weil wir mit der Botschaft, von der wir leben, die Hoffnung wachhalten". Ihr Vorgänger, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, hatte sich selbst unzufrieden mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche gezeigt. "Wir sind manchen Schritt vorangekommen, aber dennoch muss ich an dieser Stelle auch selbstkritisch sagen: Wir sind noch nicht so weit gekommen, wie wir wollten", erklärte er in seinem letzten Ratsbericht.

Kurschus: Einrichtung einer Wahrheitskommission "Widerspruch in sich"

In der Pressekonferenz blieb Kurschus später allerdings sehr unkonkret: Die Frage nach dem Umgang mit Missbrauch müsse "genau angesehen werden". Die Kirche wolle sich "um einen intensiveren Austausch bemühen". Es habe einen "ehrlichen Schritt nach vorne" gegeben. Ganz klar äußerte sie sich allerdings zur Einrichtung einer Art Wahrheitskommission, wie sie viele Betroffene fordern und wie es sie etwa in Irland gegeben hat. Eine solche Kommission sei für sie ein "Widerspruch in sich". Sie sei "da sehr skeptisch".

Dabei stehen für die evangelische Kirche mit Blick auf die Bekämpfung und Prävention von Missbrauch konkrete Fragen an: Seit Monaten verhandelt sie mit Rörig über die Ausarbeitung einer Gemeinsamen Erklärung zur Aufarbeitung, um in allen Landeskirchen feste Strukturen zu schaffen. Die katholische Kirche unterzeichnete eine solche Erklärung bereits im vergangenen Jahr.

Zum anderen ist die Beteiligung von Betroffenen durch einen sogenannten Betroffenenbeirat vorerst gescheitert, und es ist unklar, wie es hier weitergeht. Im vergangenen Mai setzte die EKD ihn wegen verschiedener Konflikte aus. Nachdem der Vorgang zunächst evaluiert werden sollte, soll nun eine Expertise dazu eingeholt werden. Ursprünglich sollte diese bis zum Synodenbeginn vorliegen. Auf den Vorschlag von Rörig, einen unabhängigen Beauftragen einzusetzen, ging Kurschus nicht ein.


Annette Kurschus / © Jens Schulze (epd)
Annette Kurschus / © Jens Schulze ( epd )
Quelle:
KNA
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