DOMRADIO.DE: Bei der aktuellen weltpolitischen Lage denken viele Menschen, die Welt gerät aus den Fugen, und fragen sich, wo noch Platz ist für Hoffnung. Was bedeutet ein Friedensgebet ganz konkret in dieser Situation?
Paul Reder (Weihbischof im Bistum Würzburg): Es bedeutet, dass wir die Spirale der Gewalt zumindest im eigenen Herzen durchbrechen und uns nicht einlassen auf das, was Vergeltung und Wiedervergeltung in uns anrichten können. Es zeigt, dass wir ein entschiedenes "Trotzdem" aus dem Glauben im Blick auf die Hoffnung setzen.
DOMRADIO.DE: Am Freitagabend überträgt DOMRADIO.DE das Friedensgebet der internationalen Gemeinschaft Sant'Egidio aus der Marienkapelle in Würzburg. Ein Moment der Stille inmitten unserer oft düsteren Nachrichtenwelt. Was kann Beten da überhaupt bewirken?
Reder: Was Beten bewirkt, legen wir letztlich in Gottes Hände, wie bei jedem Gebet. Aber wir folgen der Gebetseinladung von Jesus, der uns immer wieder ans Herz legt, dass wir, wenn wir mit dem Eigenen nicht zu Rande kommen, immer noch einen über uns haben, der ein liebender Vater für uns ist und dem wir uns zuwenden dürfen.
Auch mit dem, was uns im eigenen Leben und in unserer Welt größte Sorgen bereitet. Das ist letztlich der Ansatz, wir geben es aus den eigenen Händen ab und bitten denjenigen, der sich uns zugewandt hat in Jesus Christus.
DOMRADIO.DE: Die Gemeinschaft Sant'Egidio ist international für Friedensvermittlungen bekannt. Was haben Sie aus den Erfahrungen mit der Gemeinschaft gelernt? Was braucht Frieden wirklich und was steht ihm am meisten im Weg?
Reder: Ich bin Gast bei der Gemeinschaft Sant'Egidio, das heißt, ich nehme ihr Wirken sozusagen im Gaststatus wahr, besonders auch bei uns im Bistum Würzburg. Ich bin verwundert und sehr angetan, dass auch so eine kleine Flamme der Friedensbewegung, wie sie über die Gemeinschaft Sant'Egidio in die Welt kommt, dennoch ein helles Licht verbreitet.
Die internationalen Friedenstreffen, die jährlich in wechselnden Städten stattfinden, sind ja ein Symbol dafür, dass sich die Gemeinschaft nicht vom Kurs abbringen lässt, egal wie die Weltsituation gerade ist. Ich habe auch den Eindruck, dass die friedensvermittelnden Aktionen, die sich die Gemeinschaft im Grunde genommen seit ihrer Gründung auf die Fahnen geschrieben hat, doch immer wieder gute Früchte bringen und dafür sorgen, dass unbefriedete Regionen und auch unbefriedete Konflikte einem guten Ende zugeführt werden können. Das ist für mich ein Hoffnungszeichen ganz konkreter Art.
DOMRADIO.DE: Ihre Predigt heute Abend steht im Zentrum des Friedensgebetes. Welchen Gedanken möchten Sie den Menschen mitgeben, damit Angst, Wut und Ohnmacht nicht das letzte Wort behalten?
Reder: Die Predigt basiert auf einem Schrifttext des Propheten Jesaja im 26. Kapitel, der diese ganze Spannung aufmacht, dass wir auf der einen Seite zu unserem Heil Mauern und Wälle brauchen und zum anderen doch auch offene Tore. In der Spannung stehen wir ja auch alle irgendwie. Wenn wir unsere Welt nicht zu einer Festung machen wollen, ist auch die Frage: Wo sind Tore, wo sind Türen, durch die wir eintreten können und vor allem durch die auch Gott eintreten kann in unsere unbefriedete Welt und auch in jedes menschliche Herz? Darum wird es im Kern gehen.
DOMRADIO.DE: Kirche ist ja ein großer globaler Player. Welche Rolle kann Kirche da spielen?
Reder: Das ist auf verschiedenen Ebenen anzusetzen. Kirche in ihrer katholischen Prägung ist ja tatsächlich ein globaler Player. Da kann auch der Heilige Vater mit seiner eigenen Diplomatie noch mal Wege beschreiten, die den politischen Parteien so nicht jederzeit offenstehen. Das ist sicher eine Ebene, auf der sich auch der Heilige Vater intensiv bemüht.
Dann gibt es aber auch die Frage, wie sie z.B. bei Sant'Egidio aufgegriffen wird: Was können einzelne Gemeinschaften an den konkreten Orten tun, an die sie gesetzt werden, um friedensstiftende Missionen einzugehen und auch mit Konfliktparteien anzugehen?
Das betrifft natürlich auch die Ebene der Diözesen, die in der ganzen Welt verteilt sind als globales kirchliches Netz, die ja oft auch in Konfliktregionen ihren kirchlichen Glauben miteinander leben und den Friedensauftrag von Jesus mit in ihre Genetik hineinbekommen haben.
Nicht nur die kirchlichen Verantwortungsträger – Bischöfe, Priester und Diakone, also diejenigen, die zum Klerus zählen –, sondern auch die Vielen, die als pastorale Kräfte oder in den caritativen Werken bis hin zu den Laien sich der Frage stellen, was es heißt, friedfertig miteinander umzugehen und eine Kultur des Friedens auszuprägen und zu leben.
DOMRADIO.DE: Herr Weihbischof, bei all den Krisen, bei all den schlechten Nachrichten, was macht Sie zuversichtlich?
Reder: Zuversichtlich macht mich letztlich der Glaube, dass uns Jesus an die Seite gegeben ist als derjenige, der für uns den Frieden stiftet und zwar immer wieder neu stiftet. Dass wir nicht allein und verloren und gottverlassen sind in dieser Welt, sondern dass wir Impulse bekommen für unser eigenes Herz, aber auch Impulse für die Weltgemeinschaft, die es aufzunehmen gilt, damit sich unsere Welt in einer Kultur des Dialogs entwickelt und nicht die Dominanz des Stärkeren oder dessen, der sich als stärker wähnt, alles zunichte macht, was wir als Zivilisation immer wieder mühsam aufbauen.
Das Interview führte Johannes Schröer.
DOMRADIO.DE überträgt das Friedensgebet der internationalen Gemeinschaft Sant'Egidio am Freitag, 9.1.2026 ab 19.30 Uhr aus der Marienkapelle in Würzburg.