Domkapitular Hans-Josef Radermacher stellte in seiner Predigt am fünften Sonntag im Jahreskreis die Aussage Jesu "Ihr seid das Salz der Erde – Ihr seid das Licht der Welt" in den Mittelpunkt. Er nahm dabei die aktuelle Lage der Kirche in Deutschland in den Blick: Viele hielten sie für eine Institution, die nur noch nach innen wirken dürfe – nicht mehr in die Öffentlichkeit. Mit Verweis auf den Mitgliederschwund werde ihr oft die gesellschaftliche Relevanz abgesprochen.
Dem stellte Radermacher die Aussage Jesu entgegen: Sie sei nicht an Bedingungen geknüpft, sondern eine Zusage – nicht "Ihr werdet", sondern "Ihr seid". Die Kirche sei für die Welt da, nicht für sich selbst. Sie dürfe sich nicht zurückziehen, sondern müsse hinausgehen. Das Licht solle nicht verborgen, das Salz nicht im Fass gelassen werden.
Wirken trotz Fehler
Radermacher griff die berechtigten Einwände auf, die Kirche habe durch Schuld – etwa durch Missbrauch und Vertuschung – selbst ihre Strahlkraft beschädigt. Doch auch in diese Realität hinein spreche Jesus seine Zusage. Das Licht und das Salz seien keine Leistung der Kirche, sondern Geschenk Gottes. Er selbst wirke in seiner Kirche, trotz ihrer Fehler.
Am Beispiel der kleinen Anfänge der Urkirche zeigte Radermacher, wie wenige "Körner Salz" ausreichen können, um Wirkung zu entfalten. Auch heute brauche die Welt dieses Salz und dieses Licht – nicht für die Tagespolitik, sondern als Grundlage und Orientierung. Er zitierte Friedrich Nietzsche, der beklagte: "Wir haben unsere Gründe vergessen", und verwies auf die zunehmende Orientierungslosigkeit von Politik und Wissenschaft angesichts globaler Krisen.
Sündiger Heilsdienst
Das Evangelium sei ein Leuchtturm in dieser Lage. Radermacher zitierte Immanuel Kant, der die Bibel den "edelsten Schatz" nannte. Die Botschaft Gottes habe die Welt geprägt – in Humanität, Frieden und sozialer Verantwortung. Selbst wenn es Gräuel in der Geschichte der Kirche gab, habe sie große Heilige hervorgebracht und bleibende Werte gestiftet. Mit Verweis auf Heinrich Bölls Wort, dass er die schlechteste christliche Welt der besten heidnischen vorziehe, betonte Radermacher: Auch die sündige Kirche sei fähig zum Heilsdienst.
Zum Schluss griff er das Bild des Tabernakels auf. Die Kirche dürfe die Botschaft Gottes nicht hinter verschlossenen Türen einschließen. Auch wenn sie schwach sei, könne sie brennen und heilen – weil Gott in ihr lebt. Der Auftrag Jesu gelte weiter: "Ihr seid das Salz, Ihr seid das Licht." Jeder Einzelne sei eingeladen, daran mitzuwirken.
DOMRADIO.DE hat das Kapitelsamt am fünften Sonntag im Jahreskreis mit Domkapitular Hans-Josef Radermacher übertragen. In der Eucharistiefeier wurden zwanzig neue Knaben des Kölner Domchores, 27 neue Mädchen des Mädchenchores am Kölner Dom und vier neue Messdiener für den Kölner Dom aufgenommen. Der Kölner Domchor und der Mädchenchor am Kölner Dom sangen unter der Leitung von Alexander Niehues und Oliver Sperling. Die Chöre sangen von zwei Standorten im Kölner Dom u. a. von Louis Vierne die berühmte "Messe solennelle in cis". Matthias Wand (Querhausorgel) und Franziskus Baum (Langhausorgel) gestalteten zudem musikalisch den Gottesdienst an den Orgeln des Kölner Domes.
Im Sonntagsevangelium spricht Jesus über das "Salz der Erde“:
Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden.
Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus.
So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen. Mt 5, 13–16
Auslegung zum Sonntagsevangelium von Peter Köster
In diesem Abschnitt geht es um die unentbehrliche Rolle der Jüngergemeinschaft in der Welt. Der Text ist auf dem Hintergrund der Seligpreisungen zu lesen und verdeutlicht die exponierte Aufgabe, die sie in der Welt haben. Sie dürfen weder durch Anpassung (schal gewordenes Salz) noch durch Rückzug (Lampe unter dem Scheffel) sich dem Zeugnis für die Welt entziehen. So kann denen, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, ein Licht aufscheinen, damit auch sie fähig werden, „ihren Vater im Himmel zu preisen“.
Peter Köster SJ (Theologe, geistlicher Lehrer, * 1936), aus: Ders., Das Matthäus-Evangelium. Eine geistliche Auslegung auf fachexegetischer Grundlage, 60–61, © EOS Verlag, St. Ottilien 2022