Senioren im Fokus einer Tagung im Vatikan

Die "spezifische Berufung" des Alters erkennen

"Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren", heißt es als Weisung Gottes im Buch Levitikus. Nicht allein deswegen rückt der Vatikan mit einer Tagung diese Woche die Senioren in den Fokus.

Senioren in einer Kirchenbank / © Harald Oppitz (KNA)
Senioren in einer Kirchenbank / © Harald Oppitz ( KNA )

Nach UN-Angaben sind derzeit 703 Millionen Menschen älter als 65 Jahre. Bis 2050 wird sich ihre Zahl mit 1,55 Milliarden mehr als verdoppeln. Gegenwärtig ist jeder 11. Erdenbürger älter als 65 Jahre; in drei Jahrzehnten wird es im globalen Schnitt jeder sechste sein, in Europa und Nordamerika jeder vierte.

Von Altenpastoral profitieren

Grund genug für den Vatikan, diese Bevölkerungsgruppe stärker zu beachten. Unter dem Titel "Der Reichtum der Jahre" beraten 550 Experten und Praktiker aus 60 Ländern über eine Altenpastoral, von der ebenso die Institution Kirche profitieren soll wie die betagte Zielgruppe.

Das Engagement kommt nicht plötzlich: Bei vielen Gelegenheiten kritisierte Papst Franziskus die Ausgrenzung alter Menschen. Eine "Wegwerfkultur", die vermeintlich unproduktive Mitglieder aussortiere, müsse bekämpft werden; der Stand einer Zivilisation zeige sich auch im Umgang mit alten Menschen, betonte er.

Angesichts steigender Lebenserwartung mahnte der Papst aber auch die ältere Generation, die Ruder nicht voreilig ins Boot zu ziehen.

Aktiv für die Gemeinschaft

Sprich: Auch 70- und 80-Jährige können, je nach Möglichkeit, einen aktiven Dienst für die Gemeinschaft leisten, Beispiel könnte das Kardinalskollegium sein: Von den 223 Purpurträgern sind 192 älter als 70 Jahre. Nicht zuletzt sind die Betagten diejenigen, die mit ihrer Lebenserfahrung den identitären Kitt der Gesellschaft liefern.

"Ihr jungen Menschen habt die Kraft – die Alten haben das Gedächtnis und die Weisheit", sagte Franziskus 2017 in einer Videobotschaft an Jugendliche.

Wertschätzung alter Menschen

Mit der jetzigen Tagung will die federführende Kurienbehörde für Laien, Familie und Leben nach eigenem Bekunden Wege gegen eine gesellschaftliche Geringschätzung alter Menschen suchen und zugleich das Potenzial dieser Generation für die Kirche ausloten.

So soll die Konferenz die Frage einer "spezifischen Berufung" des Alters erörtern. Dass das durchaus auch im Sinn geistlicher Berufungen gemeint sein kann, zeigt die Wiederbelebung des geweihten Witwenstandes. Allein in Italien leben seit einigen Jahren Hunderte verwitwete Frauen nach den evangelischen Räten und im Dienst für ihre Gemeinden.

Eine eigene Berufung der Älteren sieht der Papst aber auch im Dialog mit der Jugend und – besonders etwa in den Naturvölkern Amazoniens – im Hüten des kulturellen Gedächtnisses. Ein dritter Punkt ist die Glaubensweitergabe; er fügt sich in den päpstlichen Generalplan einer Neuevangelisierung, die alle kirchlichen Gruppen mit einspannen soll.

Glaubensweitergabe der Älteren

Strategien zu entwerfen, um Senioren fruchtbar am Gemeindeleben und Verkündigungsdienst zu beteiligen, sind vor allem dort sinnvoll, wo die ältere Bevölkerung stark wächst, aber noch keine institutionell ausgeprägte Altenpastoral besteht. Dies trifft auf die katholischen Wachstumsregionen Asien und Afrika zu.

Auf beiden Kontinenten erreichen dank verbesserter Lebensbedingungen immer mehr Menschen ein höheres Alter. UN-Prognosen gehen davon aus, dass sich die Zahl der Über-65-Jährigen in Afrika und Westasien bis 2050 mehr als verdreifacht, von jetzt 61 Millionen auf 197 Millionen.

Den (mit Ausnahme der ozeanischen Kleinstaaten) zweithöchsten Anstieg sehen die UN für Zentral- und Südasien voraus, von 119 Millionen auf 328 Millionen.

Ressource für die Zukunft der Kirche

Am schwächsten fällt die Zunahme der Senioren in Europa und Nordamerika aus – was mit der bereits bestehenden Überalterung zu tun hat. Dennoch hat die Kirche auch hier guten Grund, diese Altersklasse für sich zu mobilisieren: "Die Generationen der heute 30-, 40- und teils sogar 50-Jährigen wissen nicht viel vom Glauben", erklärte der irische Kardinal Kevin Farrell, Präfekt des Laien-Dikasteriums und Gastgeber der Tagung, in einer Pressemitteilung.

Es bestehe daher eine "Notwendigkeit", bei der religiösen Erziehung der Kinder auf die Großeltern zurückzugreifen.

"Wir müssen sie zu Protagonisten im Schoß der Kirche machen", sagt Farrell von jenen Pensionären, die dem katholischen Glauben irgendwie treu geblieben sind. Fern davon, nur ein Publikum für Altennachmittage zu sein, scheinen sie dem Vatikan eine Ressource für die Zukunft.


Papst Franziskus auf dem Petersplatz (shutterstock)
Quelle:
KNA