Diakonie fordert Soforthilfen für ärmere Familien und Kinder

"Es fehlt vorne und hinten"

Die Heizkosten in Deutschland steigen, Lebensmittel könnten bald teurer werden. Für arme Familien ist das ein Problem. Wohlfahrtsverbände haben einen offenen Brief an die Bundesregierung geschrieben und fordern finanzielle Hilfen.

Armut in Familien bedeutet Kinderarmut / © Ira Shpiller (shutterstock)
Armut in Familien bedeutet Kinderarmut / © Ira Shpiller ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: In dem offenen Brief ist von "coronabedingten Mehrausgaben" die Rede. Was ist damit gemeint?

Maria Loheide (Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland): Die Familien haben natürlich viel mehr Ausgaben. Überhaupt schon durch die allgemeinen Preissteigerungen. Aber wir haben immer noch die Situation, dass zum Beispiel Kinder und Jugendliche nicht wie andere digital ausgestattet sind und für den Distanzunterricht oder private Beschäftigungen auch in ihrer Freizeit über digitale Medien verfügen. Wenn Kinder mehr zu Hause sind, brauchen sie mehr Beschäftigung, brauchen sie mehr Lebensmittel. Auch das ist teurer. Oftmals fällt das Mittagessen weg, das sie in Kitas oder Schulen hatten. Auch das kommt bei den Familien unmittelbar an. Das sind alles Kosten, die coronabedingt enorm gestiegen sind. Wir von der Diakonie sagen mit anderen Bündnispartnern seit Jahren, dass wir unbedingt etwas gegen die Kinderarmut in Deutschland tun müssen. Und nun kommt Corona dazu.

Maria Loheide, Diakonie Deutschland / © Jens Büttner (dpa)
Maria Loheide, Diakonie Deutschland / © Jens Büttner ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wie kann denn gegengesteuert werden, gegen die Kinderarmut?

Loheide: Das eine ist, dass die Grundsicherung für Kinder erhöht wird und zwar sehr schnell und sofort, das ist unsere Forderung jetzt. Das Problem ist, dass wir nicht so lange warten können, bis es eine neue Kindergrundsicherung in Deutschland gibt, sondern die Familien brauchen jetzt die Unterstützung und die Hilfen. Und das ist unser Mahnbrief, den wir jetzt geschrieben haben, dass damit nicht mehr gewartet werden kann.

DOMRADIO.DE: Sie stehen in Kontakt mit ärmeren Familien. Was kriegen Sie da mit? Wie ist da die Stimmung und Verunsicherung?

Loheide: Es fehlt vorne und hinten. Mitte des Monats wird es vielfach schon nicht mehr möglich sein, sich bestimmte Dinge zu leisten. Der Stromkosten schießen in die Höhe, die Gas- und Heizkosten schießen in die Höhe. Die Familien geraten in eine eklatant schwierige Situation. Und was wir erleben, ist, dass vor allen Dingen auch die Eltern versuchen, für die Kinder so weit wie möglich das Leben noch normal zu gestalten. Aber es wird immer schwieriger.

Diakonie Deutschland

Die Diakonie ist der soziale Dienst der evangelischen Kirchen. Sie versteht ihren Auftrag als gelebte Nächstenliebe und setzt sich für Menschen ein, die am Rande der Gesellschaft stehen, die auf Hilfe angewiesen oder benachteiligt sind. Neben dieser Hilfe versteht sie sich als Anwältin der Schwachen und benennt öffentlich die Ursachen von sozialer Not gegenüber Politik und Gesellschaft. Diese Aufgabe nimmt sie gemeinsam mit anderen Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege wahr.

Diakonie (Symbolbild) / © Tobias Arhelger (shutterstock)
Diakonie (Symbolbild) / © Tobias Arhelger ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Was tut denn die Diakonie schon, um ärmere Familien zu unterstützen?

Loheide: Wir haben natürlich ganz vielfach Angebote, die wir für die Familien machen, kostenlose Freizeitgestaltung zum Beispiel, aber wir geben auch Unterstützung durch so etwas wie Tafeln, Kleiderkammern, Schulausstattungsspenden und so weiter. Das wird alles über die Diakonie schon vielfach zur Verfügung gestellt. Aber Sie müssen ja immer bedenken, dass mit diesen Unterstützungen immer deutlich wird, dass es hier um arme Kinder und arme Familien geht. Und das dürfen wir den Kindern auch eigentlich nicht weiter zumuten, dass die Armut ihre Biografie weitgehend bestimmt.

DOMRADIO.DE: Welche konkreten Forderungen stellen Sie an die Bundesregierung?

Loheide: Erst mal, das Existenzminimum jetzt auch sofort auszugleichen. Und das, was mit dem Sofortzuschlag der Bundesregierung vorgesehen ist, das ist ja noch unklar, ob es 10 oder 25 Euro sein werden, das reicht auch vorne und hinten nicht aus, sodass unsere Forderung ist, dass es einen höheren Sofortzuschlag gibt. Wir haben von Beginn der Pandemie an gesagt, sie brauchen mindestens 100 Euro mehr. Und dann muss es grundsätzlich eine Kindergrundsicherung geben, die wirklich das Existenzminimum aller Kinder absichert.

Das Interview führte Julia Reck.

Quelle:
DR