DOMRADIO.DE: Am 8. Mai 2025 wurde mit Papst Leo der erste US-Amerikaner gewählt. Wie überraschend war seine Wahl – ähnlich überraschend wie die von Franziskus?
Christine Seuss (Redakteurin bei Radio Vatikan): Tatsächlich hatten ihn nicht viele auf dem Schirm, ebenso wie Franziskus – auch wenn Franziskus, wie man heute weiß, schon beim Konklave 2005 viele Stimmen erhalten hatte. Viele Menschen hielten es schlicht für undenkbar, dass ein US-Amerikaner zum Papst gewählt werden könnte.
Allerdings haben Vatikanbeobachter natürlich auch im Vorfeld wahrgenommen, dass Robert Prevost viele Eigenschaften mitbrachte, die ihn für das Amt geeignet erscheinen ließen – unter anderem die Tatsache, dass er eine große Affinität zu Peru und generell Lateinamerika hat. Außerdem verfügte er über Kurienerfahrung in gehobener Position – wenn auch nicht so lange, dass er zu sehr mit der Kurie verwachsen wäre. Seine Führungsqualitäten hat er in zwei Amtszeiten als Generalprior der Augustiner unter Beweis gestellt.
Er war also vielleicht nicht der Kandidat, den die meisten auf dem Schirm hatten, aber sicher auch kein Kandidat, der den "Vaticanisti" völlig unbekannt gewesen wäre.
DOMRADIO.DE: Als 2013 Papst Franziskus gewählt wurde, gab es mehrere Überraschungen: Er blieb im Gästehaus wohnen, trug fast immer eine weiße Soutane, betonte Barmherzigkeit und sprach von einer verbeulten Kirche, die an die Ränder gehen soll. Wie extrem war der damalige Wechsel von Benedikt, der ja emeritiert war, zu Franziskus?
Seuss: Das war in der Tat für uns alle ein extremer Wechsel. Die spontanen Ausflüge von Papst Franziskus und der Umzug in die Casa Santa Marta waren auch vom Sicherheitsaspekt her natürlich eine Herausforderung! In seiner frühen Zeit war Franziskus natürlich auch viel aktiver, als es Benedikt in den letzten Jahren war, und generell viel unkonventioneller, was es für uns in der Redaktion sehr spannend und auch anstrengend gemacht hat.
DOMRADIO.DE: Wie haben Sie als Mitarbeiterin im Vatikan die ersten Wochen mit Leo erlebt? War es etwas "ruhiger" beim Übergang von Franziskus zu Leo als bei der Papstwahl 2013?
Seuss: Ruhiger ist relativ, nachdem der Tod von Papst Franziskus nach längerer Krankheit mitten in der Osterzeit und mitten in einem Heiligen Jahr kam – es war sehr anstrengend, immer punktgenau und schnell die ärztlichen Mitteilungen zum Gesundheitszustand von Franziskus wiederzugeben, auch spät abends, und das neben der Berichterstattung zum Heiligen Jahr, das ja weiterlief.
Dann das Konklave, der Moment der Papstwahl, die ersten Wochen – das war insgesamt eine sehr intensive Zeit. Denn nach der Wahl ging es dann natürlich direkt weiter mit dem vollen päpstlichen Terminkalender und den vielen Gruppen, die für das Heilige Jahr weiterhin nach Rom geströmt sind. Allerdings haben wir den Eindruck, und das machen wir an vielen kleinen Zeichen fest, dass Papst Leo zumindest vorhat, das Kirchenschiff wieder in ruhigere Gewässer zu steuern.
DOMRADIO.DE: Man hat den Eindruck, dass Papst Leo sich wieder etwas mehr an der Tradition orientiert. Er trägt wieder die Mozetta, singt bei Gottesdiensten oder Gebeten, zieht in den Apostolischen Palast, war oft in Castel Gandolfo und hat sich Zeit gelassen mit seinen ersten Reisen. Wie wirkt sich diese Art auf die tägliche Arbeit im Vatikan aus?
Seuss: Es war für uns alle in der Tat ein schönes Erlebnis, als er das erste Regina Coeli anstimmte. Papst Franziskus hatte ja ernste Lungenprobleme und deshalb auch nie gesungen. Insgesamt sehen wir an Leos Wohnsitzwahl und auch an seiner Kleiderwahl, dass er sich stärker an der Tradition orientiert.
Die Tatsache, dass er sich mit seinen Reisen ein wenig Zeit gelassen hat, ist auch dadurch begründet, dass er durch die Termine des Heiligen Jahres sehr in Anspruch genommen war. Die allererste Reise in die Türkei und den Libanon war eine Reise, die eigentlich noch für Papst Franziskus geplant worden war… Seine eigene erste wirkliche Reise hätte seiner eigenen Aussage nach die Reise nach Afrika werden sollen, von der er gerade jüngst zurückgekehrt ist.
Und was die Ausflüge des Papstes nach Castel Gandolfo betrifft: Die tun letztlich allen gut… Denn so kann man in der Regel auch ein wenig nacharbeiten, was an anderen Tagen liegengeblieben ist. Auch wenn er mit Castel Gandolfo selbst noch einen gewissen Überraschungseffekt eingebaut hat, nämlich mit seinen spontanen Pressekonferenzen dort.
DOMRADIO.DE: Ein beliebtes Thema dabei ist das Verhältnis von US-Präsident Trump zum ersten Papst aus den USA. Inwieweit könnte man sogar sagen, dass Leo sich zum Anti-Trump gemausert hat?
Seuss: Es ist natürlich verlockend, einen Papst zum Gegenpol zu einer Persönlichkeit zu machen, die derart polarisiert, wie Trump es tut – und der noch dazu ein Landsmann des Papstes ist. Aber Papst Leo hat selbst klargemacht, dass er seinen Diskurs nicht auf politischer Ebene verstanden haben will. Er predigt das Evangelium, er predigt Menschenwürde, und er predigt den Frieden – und wenn das im Gegensatz zu der politischen Linie eines Staatsführers steht, dann ist das wohl vor einem größeren Hintergrund zu sehen, nicht als direkte Mahnung an einen Staatschef, sondern eben auch an ihn.
Ebenso klar ist es, dass Papst Leo die Verhältnisse in den USA sehr gut kennt und sich auch schon in bislang ungewohnter Weise direkt zu den Anschuldigungen Trumps geäußert hat. Erst diese Woche in Castel Gandolfo bezog er sich direkt auf Trumps Aussage, dass der Papst Atomwaffen für den Iran wolle und damit viele Katholiken in Gefahr bringe.
Wer ihn kritisiere, solle das mit der Wahrheit tun, sagte Papst Leo. Kurz: Es würde der weltumspannenden Rolle des Papstes nicht gerecht, wenn man ihn auf einen "Anti-Trump" reduzieren wollte – aber ganz sicher hat Papst Leo nicht die Absicht, allzu eklatante Unkorrektheiten hinzunehmen – und er wird weiterhin die Dinge beim Namen nennen.
DOMRADIO.DE: Ein Jahr Papst Leo. Wie fällt Ihre Bilanz als Vatikan-Mitarbeiterin aus? Tut sein eher ruhiger Stil in einer aufgeregten Welt dem Ganzen gut oder sollte er vielleicht noch klarer seine Stimme erheben?
Seuss: Grundsätzlich muss man wohl einfach akzeptieren, dass sein Stil ein anderer ist als der des Vorgängers Franziskus – und diese Ruhe tut der derzeitigen aufgeputschten Welt vielleicht auch gut. Aber gerade zu Beginn seines Pontifikates gab es unter den Medienleuten viele Stimmen, die meinten, er würde zu leise auftreten, keine "Schlagzeilen" liefern.
Das hat sich – und das muss man ehrlich sagen – auch wegen der Trump-Polemik geändert. Doch wenn man genau hinschaut, dann hat Papst Leo sehr wohl von Anfang an sehr pointiert für Frieden, für das Gemeinwohl, für die Menschenwürde gesprochen – alles Dinge, die jetzt während dieses Schlagabtausches noch einmal ganz anders wahrgenommen wurden. Und es sind Mahnrufe, die die Welt heute wohl ganz besonders dringend braucht….
DOMRADIO.DE: Papst Franziskus stand für das Thema Barmherzigkeit – wenn man jetzt mal ein ganzes Pontifikat auf ein Wort herunterbrechen will. Wofür steht Leo? Gibt es da nach einem Jahr schon so ein Wort, das ihn kennzeichnet?
Seuss: Ja – und wir haben es auch schon genannt: Friede. Das war schon sein erstes öffentliches Wort nach seiner Wahl vor einem Jahr, und das bringt er jetzt in all seinen Schattierungen auf der Weltbühne ein, sobald sich ihm die Gelegenheit bietet. Übrigens gilt das Thema "Friede" auch innerkirchlich. Leo liegt daran, dass in der großen, weiten Weltkirche, die doch aufregende Zeiten durchmacht, ein gewisser Friede einzieht. Und zwar einen Frieden, den er mit seinem Wahlspruch ("In dem Einen sind wir eins") als "Einheit" genauer kennzeichnet.
Wie genau es mit einem weiteren Thema weitergeht, das mit seinem Pontifikat ebenfalls schon eng verbunden wird, nämlich der Künstlichen Intelligenz, die er als Herausforderung für die Menschheit heute identifiziert hat, werden wir natürlich auch weiterhin scharf beobachten.
Das Interview führte Mathias Peter.