Der vierte Sonntag der Osterzeit hat in der katholischen Kirche einen besonderen Klang. Jahr für Jahr wird an diesem Tag das Evangelium vom Guten Hirten verkündet – jenem Bild, das Jesus selbst für seine Sendung verwendet. Zugleich begeht die Weltkirche den Weltgebetstag um geistliche Berufungen. Beides gehört eng zusammen: Das Bild vom Hirten verweist auf Verantwortung, Hingabe und Führung – und auf die Frage, wer diesen Dienst heute übernehmen kann.
Doch diese Frage ist drängender geworden. In vielen Ländern Europas, auch in Deutschland, spitzt sich der Priestermangel weiter zu. Pfarreien werden zusammengelegt, pastorale Räume wachsen, und immer weniger Priester stehen für die Seelsorge zur Verfügung. Der Sonntag vom Guten Hirten ist daher längst nicht nur ein geistlicher Impuls, sondern auch ein Anlass zur Selbstprüfung.
Symptom einer tieferliegenden Krise
Der Regens des Kölner Priesterseminars, Regamy Thillainathan, hat sich kürzlich in der theologischen Zeitschrift "Communio" mit dieser Situation auseinandergesetzt. In seinem Beitrag beschreibt er den Priestermangel nicht nur als organisatorisches Problem, sondern als Symptom einer tieferliegenden Krise. Die Kirche habe in gewisser Weise "die Mitte verloren", so seine Diagnose. Gemeint ist damit eine schwindende Klarheit darüber, was das Priestertum im Kern ausmacht und warum es für die Kirche unverzichtbar ist.
Thillainathan warnt davor, die Krise allein mit strukturellen Reformen beantworten zu wollen. Es gehe nicht zuerst um neue Modelle oder Zuständigkeiten, sondern um eine geistliche Erneuerung. Berufungen entstünden dort, wo Menschen die Faszination des Glaubens erleben und wo das Priestertum als glaubwürdiger Lebensentwurf sichtbar wird. Wer den Ruf Gottes höre, brauche Orte, an denen dieser Ruf wachsen könne – in Liturgie, Gemeinschaft und persönlicher Begleitung.
In aufgeklärter Gesellschaft kaum noch anschlussfähig
Demgegenüber steht eine deutlich kritischere Perspektive, wie sie etwa Thomas Frings einnimmt. Der seit 2022 im Ruhestand lebende Priester, der in der Kölner Innenstadt wirkt, stellt das traditionelle Bild vom Guten Hirten selbst infrage. Es sei in einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft kaum noch anschlussfähig, wie er vor vier Jahren im DOMRADIO.DE-Interview erklärte. Die Vorstellung einer Herde, die einem einzelnen Hirten folgt, wirke auf viele Menschen fremd oder sogar problematisch. Sie könne leicht mit autoritären Strukturen assoziiert werden, die nicht mehr in die Zeit passten.
Frings plädiert dafür, neue Bilder und Sprachformen zu finden, um kirchliche Leitungsdienste zu beschreiben. Statt auf ein hierarchisches Modell zu setzen, müsse stärker die gemeinsame Verantwortung aller Gläubigen betont werden. Kirche sei kein Gefüge von oben nach unten, sondern eine Gemeinschaft, in der viele unterschiedliche Charismen zusammenwirken.
Zwischen diesen Positionen spannt sich eine grundlegende Debatte auf: Wie lässt sich das Priestertum heute verstehen und leben? Ist das Bild vom Guten Hirten noch tragfähig – oder bedarf es einer Neuinterpretation?
Räume für die Entdeckung der eigenen Berufung
Ein Blick in das Johannesevangelium zeigt, dass das Bild ursprünglich weniger von Macht als von Beziehung geprägt ist. Der Gute Hirte kennt seine Schafe, und die Schafe kennen ihn. Es geht um Nähe, Vertrauen und die Bereitschaft, das eigene Leben hinzugeben. Gerade diese Dimension könnte auch heute eine neue Aktualität gewinnen. In einer Zeit, in der viele Menschen nach Orientierung suchen, kann ein glaubwürdiges Zeugnis von Hingabe und Verlässlichkeit anziehend wirken.
Der Weltgebetstag um geistliche Berufungen lädt daher nicht nur dazu ein, um mehr Priester zu bitten. Er fordert auch dazu heraus, über die Qualität von Berufung nachzudenken. Was bedeutet es, sich in den Dienst Gottes und der Menschen zu stellen? Welche Formen kann dieser Dienst annehmen? Und wie kann die Kirche Räume schaffen, in denen junge Menschen ihre eigene Berufung entdecken?
Dabei rückt zunehmend auch die Rolle der Laien in den Blick. Viele Aufgaben, die früher selbstverständlich von Priestern übernommen wurden, werden heute von engagierten Frauen und Männern getragen – in der Katechese, in der Caritas, in der Liturgie. Diese Entwicklung verändert das Gesicht der Kirche nachhaltig. Sie kann als Mangelerscheinung gedeutet werden – oder als Chance, die Vielfalt der Charismen neu zu entdecken.
Schnittstelle zwischen Tradition und Aufbruch
Der Gute-Hirten-Sonntag steht somit an einer Schnittstelle: zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen Krise und Hoffnung. Das Bild vom Hirten mag erklärungsbedürftig geworden sein. Doch die dahinterstehende Sehnsucht bleibt: nach Menschen, die Orientierung geben, die zuhören, die begleiten – und die aus ihrem Glauben heraus leben.
Ob diese Sehnsucht auch künftig in der Gestalt des Priesters eine Antwort findet, wird entscheidend davon abhängen, wie überzeugend die Kirche diesen Dienst neu zur Sprache bringt. Der Weltgebetstag um geistliche Berufungen erinnert daran, dass Berufung letztlich Geschenk ist. Aber er macht auch deutlich: Dieses Geschenk braucht offene Herzen – und eine Kirche, die den Mut hat, sich immer wieder neu auszurichten.