Wenn Resturlaub zum Arresturlaub wird

In der römischen Corona-Falle

Korrespondenten schreiben in Zeiten der Corona-Krise an die Zentrale: Persönliches und Politisches, Trauriges und Tröstliches von den Mitarbeitern der KNA. Heute: Eine E-Mail aus der Ewigen Stadt.

Menschenleere Straße in Rom / © Stefano Dal Pozzolo (KNA)
Menschenleere Straße in Rom / © Stefano Dal Pozzolo ( KNA )

Geplant war der Resturlaub von 2019 schon lange. Letzte Märzwoche ist bekanntlich letzte Gelegenheit. Flüge und Züge für ein paar Tage in Deutschland gebucht: Familie sehen, Vater im Heim besuchen, das Grab der Mutter, mit Freunden schnacken und heimische Gartenarbeit. All das war einmal - jetzt ist Ausgangssperre.

In Italien schon länger, inzwischen zum weiß ich wievielten Male verschärft. Alle drei Tage ein neues Formular, mit dem man bei einer Kontrolle unterschriftlich bestätigen muss, berechtigterweise draußen zu sein. Bis zu 3.000 Euro soll jetzt zahlen, wer gegen die Auflagen verstößt. Polizei, Militär kontrollieren - seit Montag auch mit Drohnen.

Saubere Luft, beängstigend still

So gerät der Resturlaub zum Arresturlaub - und bietet plötzlich neue Möglichkeiten. Eine Großstadt wie Rom hat sauberere Luft, ist faszinierend, ja beängstigend still. Alles verlangsamt sich. Gewonnene Zeit für lange Vernachlässigtes.

Nachrichten aus Deutschland und andernorts werden zum "Deja-Vu". (Die Sache mit dem Klopapier indes lässt dort eher an Diarrhoe als an Corona denken.) Freunde und Bekannte melden sich, verunsichert durch die Nachrichten aus Italien, die zumeist aus dem Norden stammen - aus Brescia, Bergamo, Mailand, Cremona. Allen kann ich sagen: Die Lage im Land ist schlimm, mir persönlich geht es gut.

90 Minuten Wartezeit im Supermarkt

Als Journalist kann ich noch raus, kann arbeiten, bekomme Gehalt. Für viele Italiener gilt das nicht mehr. "Der wirtschaftliche Schaden ist sehr groß", schrieb mir Enza, die Besitzerin meiner Kultur-Stammkneipe, bereits in der ersten Woche. Und Davide, frei schaffender Weinhändler und Musikveranstalter, der herumgekommen ist in der Welt, auch länger in Deutschland war, schrieb frustriert: "Das war's dann wohl mit der Europäischen Union."

Mein Haus-Arrest-Urlaub ist erträglich, weil ich seit Anfang März eine neue Wohnung habe: Neubau, 7. Stock, großer Balkon und - in diesen Zeiten Gold wert - mit Supermarkt direkt nebenan. Ein- und Ausgang sauber getrennt, stehen die Menschen dort Schlange: Mit jeweils drei Metern Abstand, die meisten mit Mundschutz, nutzen etliche die Wartezeit (15 bis 90 Minuten) zum Telefonieren oder Chatten. Faszinierend, wie diszipliniert die vermeintlich anarchischen Italiener sich den Maßnahmen fügen. Und wie viele Freundlichkeit wahren.

Einkauf mit Plastikhandschuhen

Die Bettlerin, die neben den Wartenden auf der Erde sitzt, hat tatsächlich ein paar Münzen im Becher. Drinnen weist die einlassende Verkäuferin auf Einmal-Plastikhandschuhe hin; etwaige Virusträger sollen auf Obst, Gemüse und Verpackungen keine ansteckenden Spuren hinterlassen.

Als ich die Handschuhe aus dünnem Plastik nicht aufbekomme, nimmt die Verkäuferin sie, öffnet und hält sie mir so hin, dass ich bequem hineinschlüpfen kann.

Fitness-Einheiten auf die eigenen vier Wände verlegt

Im Innenhof meines Wohnhauses sieht man nachmittags Mutter und Vater mit einem Kind Ball spielen. Später ist Teamwechsel, ein anderer Vater kickt mit seinem Filius, weiter entfernt eine Jugendliche beim Seilspringen. Hin und wieder vibrieren Decke und Wände, wenn Nachbarn ihre tägliche Fitness-Einheit einlegen.

In dem Haus, in dem unsere Redaktion ihr Büro hat, war dieser Tage auch Gebrüll zu hören und Lärm von umherfliegenden Gegenständen. Nicht ohne Grund ruft der Papst in diesen Tagen zum Gebet nicht nur für Pflegerinnen, Ärzte, Ordnungskräfte und Regierung auf, sondern auch für eingesperrte Familien.

#tutto andra bene

Abends um 18 Uhr verkündet Angelo Borrelli, der Leiter des Zivilschutzes in Italien, die Zahlen des Tages: Infizierte, Tote, Geheilte (wie genau und valide die Angaben sind, diskutieren anderntags die Zeitungen). Wie hoch Italiens soziale und wirtschaftliche Verluste und Schäden sein werden, kann derzeit niemand sagen.

Eine "notwendige halbe Lüge" nannte Cremonas von Corona geheilter Bischof Antonio Napolioni (62) den Durchhalten-Slogan "#tutto andra bene" (alles wird gut). Schulkinder, eingepfercht ins Home-Schooling durch oft überforderte Eltern, waren aufgefordert worden, den Spruch auf Laken zu malen und an Fenster zu hängen.

Genug Zeit für Bücher und lange Filme

Der Abend senkt sich auf Rom, ein paar Vögel zwitschern, alles wird noch stiller. Ein weiterer Urlaubstag im Hausarrest. Zeit für ausführliche Telefonate mit Familie und Freunden, für dicke Bücher oder lange Filme.

Zum Beispiel für Federico Fellinis knapp dreistündiges "La dolce vita" - falls Giuseppe Conte spät abends nicht neue Maßnahmen verfügt und daran erinnert, dass in Italien eher "la vita amara" herrscht - bitteres Leben. Widersprüchliche Zeiten.

Roland Juchem, Korrespondent und Büroleiter der KNA in Rom, auf dem Balkon seiner Wohnung in Rom. / © Roland Juchem (KNA)
Roland Juchem, Korrespondent und Büroleiter der KNA in Rom, auf dem Balkon seiner Wohnung in Rom. / © Roland Juchem ( KNA )
Menschenleerer Petersplatz / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Menschenleerer Petersplatz / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )
Menschenleere Straßen vor der Piazza Venezia in Rom / © Roberto Monaldo.Lapre (dpa)
Menschenleere Straßen vor der Piazza Venezia in Rom / © Roberto Monaldo.Lapre ( dpa )
Autor/in:
Roland Juchem
Quelle:
KNA