Sport und Gedankenkreisel in der spanischen Ausgangssperre

Der Anti-Corona-"Haustreppenlauf"

Korrespondenten schreiben in Zeiten der Corona-Krise an die Zentrale: Persönliches und Politisches, Trauriges und Tröstliches von den Mitarbeitern der Katholischen Nachrichten-Agentur. Diesmal: Eine E-Mail aus Pamplona.

Schuhe anziehen / © Peter Leee (shutterstock)

Wer als Journalist daheim am Schreibtisch den Rücken am Computer buckelt, braucht Bewegung als Ausgleich. Joggen ist meine liebste Übung nach Feierabend. Dann gehen Fitness- und Gewichtsverlustgründe eine bewährte Symbiose ein. Die Natur schafft einen klaren Kopf. Manchmal sprießen im Rhythmus der Schritte neue Ideen. All dem schieben die Politiker hier in Spanien mit der Ausgangssperre bis mindestens Ostersonntag den Riegel vor.

Erster missglückter Ansatz

Was macht ein Jogger, der in Corona-Krisenzeiten nicht draußen joggen darf? Er pfeift auf die Kosten und den daheim freizuschlagenden Platz und bestellt ein Laufband; oder zumindest einen Heimtrainer. Dumm nur, wenn viele Leute dieselbe Idee haben und die Lager leer sind.

"Ausverkauft" hieß es auf den entsprechenden Websites in Spanien - oder "Lieferverzögerungen auf unbestimmte Zeit". Bis dahin kann ich meine Füße nur noch im Spiegel sehen, nicht mehr von oben.

Illegaler Versuch

Der Bewegungsmangel ist kaum zu ertragen. Vor ein paar Tagen beichtete mir ein Laufkamerad einen unerlaubten Versuch. Dies ist seine Geschichte: "Mein Plan war, spät abends bei Regen allein in einem stockdunklen Parkstück einen Weg immer hin- oder herzujoggen.

Jedes Ende hat man vom Dunkel her im Blick - für den Fall, dass man vor Polizisten flüchten muss, die einen festnehmen oder mit Geldbußen belegen können. Der Plan ging kaum zehn Minuten gut, denn an eines hatte ich nicht gedacht: Gefahr von oben!

Plötzlich näherte sich eine Drohne, zweifellos von den Sicherheitsbehörden mit Nachtsichtfunktion gesteuert. Sie kam immer näher. Die Positionslichter funkelten in der Finsternis wie rote Augen. Verstört brach ich ab, versteckte mich zunächst hinter Bäumen, sprintete dann nach Hause. Die Drohne ließ nicht ab. Doch in den engen Altstadtgassen gelang es mir, sie mit Haken auszutricksen und im Haus zu verschwinden. Ich dachte, ich wäre im falschen Film: einem Klassiker von Hitchcock, als Cary Grant in 'Der unsichtbare Dritte' am hellen Tag von einem Kleinflugzeug verfolgt wurde und Schutz in einem Maisfeld fand."

Das Wagnis hielt mich davon ab, dem Kollegen nachzueifern. Es hat mich aber in den Fundamenten des Glaubens an eine liberale Gesellschaft tief erschüttert. So müssen sich Diktaturen und Überwachungsstaaten anfühlen. Traurig, was aus Spanien geworden ist, das man eigentlich immer mit der lockeren Leichtigkeit des Seins assoziiert. Nun trägt das Sonnenland schwere Schatten.

Not macht erfinderisch - der Durchbruch

Die zündende Idee: der "Haustreppenlauf"! Die abgeschmackte Weisheit "Not macht erfinderisch" hat ihr Revival gefeiert. Wir wohnen in einem Altstadthaus; fünf Stockwerke im Power-Jogging vom Eingang hoch bis zur Dachterrasse. Exakt 90 Stufen. Wendemarke ist oben die Wäscheleine. Bis unten sind es zwei Minuten.

Das Treppenhaus ist kühl, und wegen des Aufzugs als Alternative ist nie jemand unterwegs. Kulissen und Erleben sind anders als in freier Wildbahn. Statt Wiesen und Bäumen: Landschaften aus Türen, Fußmatten, aufgehängten Feuerlöschern. Statt in die Sonne zu blinzeln leuchtende Lichtschalter auf den Etagen. Statt über Waldboden zu federn, klatschen die Sohlen auf Stein.

Unterwegs bei den Aufs und Abs kreisen die Gedanken. Was, wenn man aus der Corona-Krise in Spanien etwas Positives filtrieren müsste? Da wäre die saubere Luft in den Städten. Die Regeneration der Natur. Die Erholung vom "Overtourism". Keine Stierkämpfe mehr, keine Taschendiebstähle, quasi keine Verkehrsunfälle.

Und in weitgehend leeren Supermärkten endlich mal kein Gedränge vor den Regalen, um die Angebote in Ruhe zu studieren. Zwei Literflaschen bestes Olivenöl, das kaltgepresste, sechs Euro. Und für knapp drei Euro ein Kilo Erdbeeren aus Andalusien - wobei ich dort schon ekelhaft dampfende Schlote direkt neben den Plantagen gesehen habe.

Egal, ab damit in den Einkaufskorb.

Heute hab ich eine neue persönliche Bestmarke aufgestellt. 22,5 mal hoch und runter. 4.050 Stufen. "Haustreppenlauf" hätte glatt das Zeug zur neuen Olympiadisziplin. Tokio 2021 ...

Andreas Drouve / © Andreas Drouve (KNA)
Andreas Drouve / © Andreas Drouve ( KNA )
Autor/in:
Andreas Drouve
Quelle:
KNA