Das zeige sich etwa in Nordrhein-Westfalen, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag am Donnerstag bei einer Veranstaltung des "Centre Marc Bloch", einem deutsch-französischen Forschungszentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität. Allerdings gebe es auch westdeutsche Arbeiterstädte, wo sich viele von den aktuellen politischen Debatten nicht mehr angesprochen fühlten.
Ein gesellschaftlicher Bruch sei auf die Corona-Pandemie zurückzuführen, führte der Ex-Kanzlerkandidat und frühere NRW-Ministerpräsident weiter aus. Damals sei unter anderem zu scharf gegen Kritik der Maßnahmen vorgegangen worden. Das habe der Diskussionskultur massiv geschadet. Eine stabile Gesellschaft brauche aber eine gute Diskussionskultur. "Über Krieg und Frieden ist schon immer gestritten worden", so Laschet. Er warnte jedoch davor, rechtsextreme Positionen aufzugreifen, weil davon nur die falschen Kräfte profitierten.
Fehlende Zukunftsperspektive
Der ehemalige französische Präsident François Hollande führte das schwindende Vertrauen in die Politik auf fehlende Zukunftsperspektiven zurück. Die politischen Ergebnisse enttäuschten viele, der Sozialstaat werde infrage gestellt. Zugleich nehme die Fragmentierung der Gesellschaft zu. Es drehe sich für jeden immer stärker um individuelle, nicht um gesellschaftliche Interessen. Wenn dann ein Gefühl der Einsamkeit und Isolation hinzukomme, gebe es eine Tendenz nach rechts.
Der Berliner Soziologe Steffen Mau wies bei der Veranstaltung darauf hin, dass bei vielen Themen die Gesellschaft gar nicht so gespalten sei, sondern die Polarisierung und Spaltung eher von oben, also aus der Politik, in die Gesellschaft hineingetragen werde. Mau beklagte eine Vertrauensstörung zwischen der in Parteien organisierten Politik und der Bevölkerung. In Ostdeutschland etwa sei die Bindung an Parteien in der Bevölkerung minimal. Auch unter den Kommunalpolitikern seien viele parteilos.