Bischof Overbeck wirbt für Weitung des Familienbegriffs

"Familie ist da, wo mit Kindern gelebt wird"

Weihnachtszeit ist Familienzeit. Das Modell "Vater, Mutter, Kinder, Ehe" entspricht aber nicht mehr der Lebenswirklichkeit vieler Menschen. Die katholische Kirche sollte ihr Bild von Familie weiten, meint Bischof Franz-Josef Overbeck.

Zwei Frauen mit Kind vor einem Weihnachtsbaum / © Pixel-Shot (shutterstock)
Zwei Frauen mit Kind vor einem Weihnachtsbaum / © Pixel-Shot ( shutterstock )

KNA: An Weihnachten haben Sie als Leiter eines Bistums viel zu tun. Können Sie sich auch ein bisschen Zeit für Ihre Familie nehmen?

Bischof Franz-Josef Overbeck (Bischof von Essen): Ja, am zweiten Feiertag bin ich in meiner Heimat, feiere dort den Gottesdienst und bin mit meiner Familie zusammen.

KNA: Viele Menschen verbringen die Feiertage mit ihrer Familie. Die entspricht oft nicht dem traditionellen Bild "verheiratetes Paar mit leiblichen Kindern". Hat dieses Modell ausgedient?

Overbeck: Das Modell hat nicht ausgedient, ist aber viel weiter geworden. Die allermeisten Familienbezüge sind noch von Vater, Mutter und Kindern bestimmt. Aber ich brauche nur das städtisch geprägte Bistum Essen anzuschauen, um zu wissen, dass es vielfältige Konstellationen gibt, in denen Familie gelebt wird.

KNA: Was bedeutet Familie im katholischen Sinn? Vater, Mutter, Kind und Ehe?

Overbeck: Im klassischen Sinn ist das so. Diese Familienstruktur ist bis in die 1960-er und 1970-er Jahre hinein vollkommen leitend gewesen. Alles andere waren damals Ausnahmen, die im katholischen Kosmos wenig wertgeschätzt wurden. In den letzten 50 Jahren hat es dann eine Weitung gegeben, die viele nicht so erwartet haben.

KNA: Muss die katholische Kirche ihr Verständnis von Familie ebenfalls weiten?

Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

19. Juni 1964  

geboren in Marl

1983

Abitur am Geschwister-Scholl-Gymnasium Marl

1983

Theologiestudium an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Borromäum

1984 – 1990

Studium der Theologie und Philosophie in Rom,Germanicum/Gregoriana

10. Oktober 1989

Priesterweihe in Rom durch Joseph Kardinal Ratzinger

1990

Kaplan in Haltern, St. Sixtus

1994

Bischof Franz-Josef Overbeck / © Andre Zelck (KNA)
Bischof Franz-Josef Overbeck / © Andre Zelck ( KNA )

Overbeck: Es ist angesagt, dass sie das tut. Familie ist da, wo mit Kindern gelebt wird. Jede Form der Familie bietet keine Garantie für Stabilität und Geborgenheit. Deshalb ist es auch schwierig, völlig unkritisch an nur einer Idealform von Familie festzuhalten.

Ich denke, es ist in unserer Welt das Klügste, vom Wohl der Kinder auszugehen, wenn man von Familie spricht. Von diesem Standpunkt aus können auch andere Konstellationen beschrieben werden. Die Allermeisten leben und erleben Familie als eine Beziehung von Vater, Mutter und Kindern. Damit ist aber nicht ausgesagt, dass Familie ausschließlich so gelingen kann.

KNA: Die deutschen Bischöfe haben das kirchliche Arbeitsrecht reformiert: Jetzt müssen Mitarbeitende keine Kündigung mehr wegen ihrer sexuellen Orientierung fürchten. Ihren Worten nach hat die Kirche hier Leid verursacht. Gilt das nicht auch für homosexuelle Paare mit Kindern - eine Familienform, die von der Kirche abgelehnt wird?

Overbeck: Der Ehebegriff ist im kirchenrechtlichen und im dogmatischen Sinn auf die Verbindung von Mann und Frau ausgelegt. Familie, wie wir sie heute erleben, gibt es aber auch darüber hinaus.

Mir ist wichtig, dass das Kindeswohl an erster Stelle steht. Das ist der Horizont, von dem aus ich den Familienbegriff bestimme. Und diese Art der Verantwortung - für das Kind, aber natürlich ebenso für die Partnerin oder den Partner - wird heute in vielen Familienformen übernommen. Die Form allein aber kann niemals ein gutes und achtsames Miteinander garantieren.

KNA: Und was ist mit den Erwachsenen? Homosexuelle Paare leben laut katholischer Lehre in Sünde. Können sie trotzdem gute Eltern sein?

Overbeck: Warum sollten sie es nicht sein? Es geht nicht darum, das an dieser Stelle zu moralisieren, sondern gemeinsam Perspektiven für eine gute Seelsorge aller Familienmodelle mit allen darin lebenden Menschen zu entwickeln.

KNA: Studien zeigen, dass sich viele Menschen einsam fühlen. Vor allem in der Corona-Krise sind die Zahlen nach oben geschnellt. Sind die Bindungskräfte, die es früher in Familien gab, zerbrochen?

Overbeck: Wir leben in einer postmodernen Welt, die sich in ihren Familienbezügen vollkommen neu aufstellt. Aber in früheren Jahrzehnten oder Jahrhunderten wurde auch nicht nur vom puren Glück gesprochen, wenn es um das Familienleben ging.

Familien waren häufig in erster Linie Versorgungsgemeinschaften und haben so zur Stabilität des Sozialsystems beigetragen. Wir sollten nicht das verklärte, bürgerliche Ideal des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts über die gesamte Ehe- und Familiengeschichte stülpen.

KNA: Trotzdem: Warum fühlen sich heute so viele Menschen einsam?

Overbeck: Einsamkeit ist stets eine Frage von Persönlichkeit und Eingebundenheit in wie auch immer geartete soziale Zusammenhänge. Im Zuge der Verstädterung leben Menschen heute weniger in großen Gemeinschaften. Man kann sich aber auch in einer Ehe und einer Familie sehr einsam fühlen.

KNA: Die Ampelkoalition will "Verantwortungsgemeinschaften" einführen. Dann könnten Freunde Auskunfts- und Vertretungsrechte füreinander wahrnehmen, etwa im Alter oder bei Krankheit. Sind solche Gemeinschaften ein Ersatz für Familien?

Overbeck: Ergänzung ist das richtige Wort. Familiäre Strukturen spielen immer noch die wichtigste Rolle - auch im Blick auf Verlässlichkeit. Aber Großfamilien lösen sich auf und mit ihnen die damit einhergehenden Sorgemöglichkeiten. Vor diesem Hintergrund kann es sinnvoll sein, nach solchen ergänzenden Möglichkeiten zu suchen.

KNA: Was wünschen Sie Familien zu Weihnachten?

Overbeck: Ich wünsche allen einfach Glück, Gottes Segen und ein schönes Fest.

Das Interview führte Anita Hirschbeck.

Weihnachten

Weihnachten ist das Fest der Geburt Jesu Christi. Wann genau vor etwa 2.000 Jahren Jesus geboren wurde, ist nicht bekannt. Die Feier des 25. Dezember als Geburtsfest Jesu ist erstmals für das Jahr 336 in Rom bezeugt.

Weihnachten heißt so viel wie heilige, geweihte Nächte. Die Geburt Jesu bedeutet nach christlichem Verständnis die Menschwerdung Gottes; in Jesus hat sich Gott den Menschen mitgeteilt, sich in ihre Geschichte hinein begeben, sich ihrer erbarmt und ihnen Heil geschenkt. Deshalb gilt Weihnachten als Fest der Liebe.

Weihnachtsbaum / © Bernd Weissbrod (dpa)
Weihnachtsbaum / © Bernd Weissbrod ( dpa )

Quelle:
KNA