"Er war kein dramatischer Mensch." Konrad Adenauer – der Enkel des ersten bundesrepublikanischen Kanzlers – zeichnet ein eher nüchternes Bild seines Großvaters, der am 5. Januar 1876 in Köln geboren wurde.
Bei einer Abendveranstaltung der Kölner Hochschule für Katholische Theologie in der Vorweihnachtszeit 2025 sprach Konrad Adenauer über die religiösen und politischen Überzeugungen des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters und späteren Bundeskanzlers.
1945 wird Konrad Adenauer – der Enkel – in Köln geboren. Er ist das zweite Kind und ältester Sohn von Konrad Adenauer (1906–1993), der wiederum der älteste Sohn des ersten deutschen Bundeskanzlers war. Der Enkel Konrad Adenauer wird, wie viele in seiner Familie, Jurist, arbeitete jahrelang als Notar, seinen Großvater erlebte er als Kind und junger Erwachsener bei Familientreffen.
Für den Vortrag in der KHKT kam der 80-Jährige zu Fuß, er lebt wie schon sein Großvater in Köln-Lindenthal. Denn auch wenn Konrad Adenauer – der Bundeskanzler – in Rhöndorf über viele Jahre wohnte und dort starb, waren die Adenauers schon immer sehr mit Köln verbunden. Lange lebte der spätere Bundeskanzler beispielsweise in der Max-Bruch-Straße 8 in Köln-Lindenthal.
Typisch für Köln wuchs Konrad Adenauer in einer katholisch geprägten Familie auf und zeigte sich zeitlebens fest verwurzelt in diesem Glauben. Konrads Bruder Johannes wurde Priester und Domkapitular am Kölner Dom. Der sonntägliche Messbesuch sei für die Familie selbstverständlich gewesen, sicher habe sein Großvater auch regelmäßig gebetet. Dennoch sei sein Großvater eher ein diskreter, "bescheidener" Christ gewesen, der zwar fest in der kirchlichen Praxis gestanden habe, aber es vermied, große Worte über seinen Glauben zu verlieren.
Aufstieg aus kleinen Verhältnissen
Sein Gottvertrauen habe ihm dabei geholfen, durch die vielen Krisen zu kommen, die Konrad Adenauer erleben musste. Denn auch wenn Adenauer schon mit 41 Jahren Oberbürgermeister von Köln wurde, ist er in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, erklärt sein Enkel. Konrad sei ein guter, aber kein alle überragender Schüler und Student gewesen. Jura studierte Adenauer in München, Bonn und Freiburg.
Seine erste Ehefrau stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen, Adenauer gelang nach seinem Studium bald der Aufstieg in der Kölner Lokalpolitik und wurde so rasch zum Oberbürgermeister gewählt. Doch schon vorher starb seine Ehefrau, einer von den Schicksalsschlägen, die Adenauer immer wieder trafen.
Auch seine zweite Ehefrau starb lange vor ihm. Während der Nazi-Zeit tauchte er nach seiner Absetzung als Oberbürgermeister als "Bruder Konrad" für ein Jahr in der Benediktiner-Abtei Maria Laach in der Eifel unter, wurde dennoch mehrmals verhaftet, landete im Gefängnis der Gestapo und überlebte nur knapp.
Während der Weimarer Republik war Adenauer in der Zentrums-Partei aktiv gewesen, doch die habe, mit Blick auf die Nationalsozialisten, versagt, erzählt Enkel Adenauer, deswegen sei sein Großvater nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes in die CDU eingetreten.
Auch als Bundeskanzler sei er regelmäßig in die Messe gegangen. Zeit seines Lebens hätten ihn Kirche und Glaube sehr beschäftigt, erzählt Konrad Adenauer. So habe sein Großvater schon mal Briefe an Priester geschrieben, wenn er mit einer Predigt unzufrieden war oder auch, wenn ihm die Kleidung eines Klerikers zu nachlässig und unangemessen erschien.
Standfester Katholik, aber nicht papsthörig
Vorbehalte, der Politiker Adenauer sei als Katholik den Bischöfen und dem Papst hörig gewesen, weist Konrad Adenauer in seinem Vortrag zurück. Er sei ein "kritischer" Christ gewesen, 1922 war er Präsident des 62. Deutschen Katholikentages in München. Rückblickend habe Adenauer seiner Kirche vorgeworfen, zu leise gegen die Nazis gewesen zu sein.
Die Päpste Paul VI., Johannes XXIII. und Pius XII. traf er persönlich, wobei ihm Letzterer am ehesten mit seiner klaren Haltung in vielen Fragen zugesagt habe, vermutet Adenauer.
Konrad Adenauer beschreibt seinen berühmten Großvater nicht als strahlenden Helden, sondern zeichnet möglichst nüchtern seine Lebens- und Glaubenseinstellung nach. Mehrmals betont er, dass sein Großvater ein Macher gewesen sei. Er habe als Politiker Lust gehabt, zu gestalten, konkret: das Leben der Menschen zu verbessern. Ein "Volkserzieher" sei er nicht gewesen. Adenauer stand der christlichen Sozialethik sehr nahe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte er unbedingt Deutschland in Europa verankern, sah in der europäischen Einigung den besten Weg, um einen Rückfall in den Nationalismus zu verhindern. Der Westen war für Adenauer mehr als nur ein politisches oder wirtschaftliches Bündnis gewesen, sondern sei in seinen Augen vor allem eine Wertegemeinschaft, die auf dem Christentum basiert.
An dieser Stelle schlug Adenauer einen Bogen in die Jetzt-Zeit und der zunehmenden Entfremdung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika. "Wir müssen zusammenhalten“, mahnte der Enkel mit Blick auf die Europäische Union und den permanenten Drohungen von US-Präsident Donald Trump gegen Europa. Die EU dürfe sich nicht auseinanderdividieren lassen.
Eher nüchterne Glaubenspraxis
Und wie fromm oder unfromm war denn nun der erste Bundeskanzler? Bis heute halten sich Gerüchte, dass Adenauer bei seiner Reise nach Moskau vor der entscheidenden Verhandlung zur Befreiung der letzten deutschen Kriegsgefangenen 1955 eine Nacht durchgebetet habe oder Mitglied der Gebetsgemeinschaft Niklaus von Flüe war oder dem Wallfahrtsort Fatima nahestand.
Sein Enkel ist da zurückhaltend, vieles sei nicht beweisbar. Sicher sei beispielsweise nur, dass sein Großvater in Moskau eine Messe besucht habe. Das sei für ihn als Katholik allerdings selbstverständlich gewesen. Schriftlich habe sich sein Großvater nie über seinen Glauben geäußert, er sammelte privat Bilder mit meist religiösen Motiven, zudem mochte Konrad Adenauer den Gregorianischen Choral.
Am Ende des unterhaltsamen Vortrags über den ersten deutschen Bundeskanzler blieb der Eindruck, dass für Konrad Adenauer der persönliche Glaube wichtig, die katholische Glaubenspraxis mit Gebet und Messbesuch selbstverständlich war und auch sein politisches Denken mit Blick auf Westbindung, Europa und Sozialethik prägte. Doch offensiv über seinen Glauben sprechen oder öffentliche Glaubensäußerungen waren ihm wohl fremd. Oder, wie es sein Enkel so treffend formulierte: "Er war kein dramatischer Mensch.“