Die anhaltende Abwanderung der Christen aus Syrien hinterlässt eine "schwere Wunde" in der Gesellschaft des Landes. Darauf hat Kardinal Mario Zenari hingewiesen. 80 Prozent der vor dem Bürgerkrieg in Syrien dort lebenden 1,5 Millionen Christen hätten in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten das Land verlassen, sagte Zenari in einem Interview der katholischen Nachrichtenagentur SIR am Freitag.
"Leider bereiten sich weitere auf ihre Ausreise vor", so der Kardinal weiter. Dies sei umso schmerzlicher, als die Christen als Vermittler zwischen den verschiedenen Gruppen in der syrischen Gesellschaft dienen könnten.
Aufruf zum Zusammenhalt
Syrien sei nach wie vor ein verwüstetes Land, das um nationale Einheit ringe. "Die wichtigsten Gruppen – Sunniten, Kurden, Alawiten, Drusen, Christen – müssen wieder zu einem Zusammenhalt finden. Hier gibt es noch viele Unbekannte", sagte Zenari.
Die politische und teilweise auch wirtschaftliche Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft mache Hoffnung. Nach dem Sturz des Assad-Regimes ist in Damaskus eine islamistische Übergangsregierung an der Macht. "Der neue Kurs wird auch deshalb unterstützt, weil die Alternative Chaos wäre", erklärte Zenari.
Der Kardinal zeigte sich überzeugt, dass für Stabilität und Frieden im Land vor allem Entwicklung nötig ist. "Syrien braucht dringend Strom, Krankenhäuser, Schulen und Fabriken. Entwicklung bleibt der sicherste Weg zum Frieden", betonte der langjährige Vatikandiplomat.
Kardinal betont Verbundenheit mit Syrien
Der mittlerweile 80-jährige Zenari war seit Ende 2008 Papstbotschafter in Damaskus und harrte auch über die Bürgerkriegsjahre hinweg in Syrien aus. Im Dezember 2024 beobachtete der Italiener, den Papst Franziskus 2016 ins Kardinalskollegium aufgenommen hat, auch den Sturz der Regierung von Bashar al-Assad und die neue Führung unter Ahmad al-Shara. Anfang Februar gab der Vatikan bekannt, dass Papst Leo XIV. Zenaris altersbedingtes Rücktrittsgesuch als Nuntius angenommen habe.
Er trage aus den Jahren in Damaskus die Namen und Gesichter vieler Menschen im Herzen, schilderte Zenari. "Die Gesichter leidender Kinder, deren Gliedmaßen durch Granatsplitter amputiert wurden; die Namen der Verschwundenen wie die beiden orthodoxen Metropoliten von Aleppo, Yohanna Ibrahim und Boulos Yazigi, unseres lieben Pater Paolo Dall'Oglio und anderer Priester; und viele Menschen, mit deren Familien ich noch immer in Kontakt stehe."
Er habe bisher als Botschafter in Syrien agiert, wolle aber auch künftig ein Botschafter für Syrien sein, sagte der Kardinal. "Ich werde mich weiterhin für Syrien einsetzen: Entwicklung, Frieden, Einheit." Am meisten liege ihm Syrien als Mosaik des friedlichen Zusammenlebens am Herzen, als Ort des Respekts und der Toleranz gegenüber ethnischen und religiösen Gruppen, so Zenari: "Der Krieg hat dieses Mosaik zerbrochen. Ich wünsche mir, dass Syrien wieder zu diesem Mosaik zurückfindet."