Pater Nikodemus Schnabel
Pater Nikodemus Schnabel

23.01.2017

Pater Nikodemus über die Lage im Heiligen Land "Man lebt wie auf einem Vulkan, der bald ausbricht"

Donald Trump will die US-Botschaft in Israel nach Jerusalem verlegen. Im Interview spricht der Prior-Administrator der Dormitio-Abtei in Jerusalem, Pater Nikodemus Schnabel, über Lösungen, Probleme von Christen und darüber, was sich durch Trump ändern könnte.

domradio.de: Wie wichtig sind die Besuche der Bischöfe für die Christen im Heiligen Land?

Pater Nikodemus Schnabel (Prior-Administrator der Dormitio-Abtei in Jerusalem): Ich denke, sie sind enorm wichtig. Zunächst einmal gibt es ohnehin nur zwei Prozent Christen im Heiligen Land und diese sind dann auch noch aufgeteilt in 50 Konfessionen. Es ist also ein sehr buntes christliches Bild. Es gibt die alteingesessene, die Arabisch-sprechenden Christen und daneben die vielen Neuchristen, Arbeitsmigranten und Flüchtlinge. Das heißt, da tut sich sehr viel. Das Christentum hat schließlich im Heiligen Land begonnen. Da ist es einfach wichtig, zu Beginn des Jahres der Weltchristenheit klar zu machen - so sehr auch alle Rom lieben -, dass Jesus Christus im Heiligen Land geboren, gestorben und auferstanden ist. Immer wieder den Blick auf die Wurzel unseres Glaubens, auf die Ursprungsregion zu lenken, tut erst einmal der Weltchristenheit gut und die kleine Minderheit der Christen bekommt dadurch eine Art Seelenmassage und spürt, dass sie nicht vergessen sind.

domradio.de: Was sind die Themen, die dieses Jahr den Christen besonders auf den Nägel brennen?

Pater Nikodemus: Es gibt unglaublich viele Themen. Man muss unterscheiden, von welchen Christen wir sprechen. Es gibt einerseits die Herausforderung für die palästinensischen Christen, die seit Jahrhunderten dort leben, die wahrnehmen, dass sie immer weniger werden. Das ist natürlich durch Auswanderung begründet. Sie sind oft hochqualifiziert und können auswandern. Sie bekommen aber auch am wenigsten Kinder. Das ist ein ganz großer Faktor der demografischen Entwicklung der Christen. Das Gefühl der zwei riesigen Mehrheitsreligionen, das große, starke Judentum und der große, starke Islam, vermitteln den Christen, zwischen den Stühlen zu sitzen. Wir als ausländische Christen, als "Profi-Christen", die dort leben, haben die Aufgabe, zu vermitteln, dass sie keine Angst zu haben brauchen und in keine "Ghetto-Falle" tappen, sich als kleine Minderheit einkuscheln und gegenüber den Mehrheitsreligionen abschotten. Vielmehr ermuntern wir dazu, raus zu gehen. Das ist eine große psychologische Arbeit, aus dieser Angstspirale auszubrechen und gegen die Ängste des Weniger-Werdens und des Desinteresses für das Christentum anzusteuern. Die Ermutigung und Stärkung ist die eine Herausforderung.

Dazu kommt dann die ganz spannende Herausforderung gegenüber den neuen Christen. Das Christentum wächst in der gesamten Region, sowohl in Israel wie auch in Palästina und den arabischen Nachbarstaaten. Das ist aber nicht unbedingt auf Freiwilligkeit begründet. Wir haben einerseits ein Flüchtlingsphänomen. In Israel sind das viele christliche Flüchtlinge aus Eritrea, aus Äthiopien und dem Südsudan. Dazu kommen unzählige Arbeitsmigranten. Israels Sozialsystem würde ohne die vielen Philippinas, Inderinnen und Frauen aus Sri Lanka nicht funktionieren, die in der Regel alle Christen sind. Das sind aber Christen, die am Rande der Legalität, halblegal oder völlig illegal leben und oft auch Opfer von sexueller, häuslicher Gewalt werden. Das heißt, es sind sehr verschiedene Herausforderungen vor denen wir und die Christen im Heiligen Land stehen. Das Bündel ist enorm.

domradio.de: Bischof Ackermann war mit auf der Bischofsreise und hat gesagt, es werde von Jahr zu Jahr schwieriger, im Heiligen Land einen Dialog zu führen. Erleben Sie das auch so?

Pater Nikodemus: Es ist immer die Frage, welche Brille man aufhat. Ich würde zunächst Bischof Ackermann zustimmen, der ein wirklich guter Kenner der Region ist und jedes Jahr mitfährt und unsere Abtei gut kennt. Seine Expertise ist durchaus sehr ernst zu nehmen. Er ist ja auch der Vorsitzende der "Justitia-Et-Pax-Kommission" in Deutschland. Ich stimme ihm zu, dass man wahrnimmt, dass viel zu viele die Bereitschaft und Energie zum Dialog verloren haben. Es gibt einen gewissen Fatalismus. Man hat das Gefühl, man lebt wie auf einem Vulkan, der bald ausbricht. Aber irgendwie geht es doch immer weiter. Dialog ist ja anstrengend. Das bedeutet auch, sich selbst infrage zu stellen, neugierig auf den anderen zu sein, über sich selbst hinaus zu sehen und auf den anderen zuzugehen. Diesbezüglich stimme ich Bischof Ackermann zu. Das schwindet insgesamt. Ich nehme aber auch wahr, dass es auf allen Seiten immer die Heldinnen und Helden des Alltags gibt, die sich trotz allem hoffnungsvoll bemühen, weiterhin im Dialog zu bleiben. Ich gebe zu, dass ich jemand bin, der gerade diese zarten Pflänzchen, die Mut geben, auch gerne sieht.

domradio.de: Bischof Ackermann hat auch gesagt, dass  man sich im Heiligen Land auch eine politische Haltung erarbeiten muss. Denn der Vatikan  unterstützt ganz klar eine Zwei-Staaten-Lösung. Was bedeutet das für Christen im Heiligen Land?

Pater Nikodemus: Diese Zwei-Staaten-Lösung ist tatsächlich auf der Agenda des Heiligen Stuhls und auch der europäischen Union und auch Deutschlands. Es ist eine international gängige Lösung, die man anstrebt. Das soll eben eine positive Lösung für beide Beteiligten sein.

domradio.de: Was wäre denn daran positiv für Israel und Palästina?

Pater Nikodemus: Israel hat ein großes Sicherheitsbedürfnis, was mehr als verständlich ist nach der historischen Erfahrung. Stichwort "Nie mehr Auschwitz". Israel sagt sich, wir möchten in einem Staat leben, dem wir nie wieder zum Opfer werden. Sie wollen gesicherte Grenzen.

Auf der anderen Seite haben wir das nicht weniger legitime und berechtigte Bedürfnis der Palästinenser nach einem eigenen Staat, in dem sie in Freiheit leben können.

domradio.de: Diese Vorstellungen sind ja sehr entgegengesetzt…

Pater Nikodemus:  Deshalb glaube ich, diese beiden großen Bedürfnisse, einmal das Sicherheitsbedürfnis von Israel auf der einen Seite und das palästinensische Freiheitsbedürfnis werden in einer Zwei-Staaten-Lösung am besten untergebracht. Damit gäbe es zwei Staaten in gesicherten Grenzen, in denen sich zwei Völker frei entfalten können. Gerade auch aus der israelischen Perspektive bliebe der Charakter eines jüdischen und demokratischen Staates erhalten. Für die Palästinenser würde im Sinne des Selbstbestimmungsrechtes der Völker ein eigenes Staatsgebiet entstehen. Im Übrigen ist ja auch der Heilige Stuhl schon immer ein Verfechter dafür gewesen, dass jeder Staat und Volk ein Recht auf ein eigenes Staatsgebiet hat.

domradio.de: Der neue gewählte US-Präsident Donald Trump hat vor, den amerikanischen Botschafter für Israel in Jerusalem zu stationieren. Damit unterstützt er den Alleinanspruch Israels auf das ganze Land. Gibt es dazu schon Reaktionen?

Pater Nikodemus: Der Punkt ist, es ist alles sehr kompliziert im Heiligen Land. Beide Seiten - also Israelis und Palästinenser - reklamieren Jerusalem als ihre Hauptstadt. Der Deal ist ja, dass international die anderen Staaten so reagieren, dass sie für Israel die Diplomatische Vertretungen in Tel Aviv haben und für Palästina in Ramallah. Man spart bewusst Jerusalem aus. Es gibt einige wenige Staaten, die haben ihr Generalkonsulat in Jerusalem - so wie Frankreich oder Belgien. Das gilt dann aber für Jerusalem und Palästina. Es gibt einige sehr wenige Staaten, die ihre Botschaft in Jerusalem haben - das sind aber Ministaaten, die eher unbedeutend sind. Jerusalem ist wie ein zerbrechlicher Porzellanladen. Die ganze Region ist so hoch sensibel. Jeder Quadratzentimeter ist voller historisch aufgeladener Gedächtnisse, wo vieles erinnert, aber auch verdrängt wird. Es ist ein kompliziertes Spinnengewebe und die Verlegung der US Botschaft nach Jerusalem wäre natürlich ein sehr massives Eingreifen in das fein ziselierte Gefüge.

domradio.de: Israels Staatschef ist ja einer der ersten, der bei US-Präsident eingeladen ist, wie werten Sie das?

Pater Nikodemus: Ganz ungewöhnlich ist das nicht. Die Verbindung zu Israel und den Vereinigten Staaten war schon immer eng. Und wenn man Israelis fragt, wer ist euer wichtigster Verbündeter, würde jeder sagen: Die USA. Es gibt eigentlich ja auch drei wichtige außenpolitische Prinzipien Israels: erstens "gute Verhältnisse zu den USA", zweitens "gute Verhältnisse zu den USA" und nicht weniger wichtig "gute Verhältnisse zu den USA". Das heißt, das ist jetzt nichts Außergewöhnliches. Natürlich hat man jetzt das Gefühl, dass jetzt mit dem neuen Präsidenten gewisse Kreise mit einer neuen Erwartungshaltung auf ihn blicken.

domradio.de: Glauben Sie Ihr Leben in der Dormitio-Abtei wird schwieriger?

Pater Nikodemus: Ich habe schon so viel erlebt. Was soll da also noch passieren. Mein Kloster in Jerusalem hat gebrannt. Mein Kloster in Tabgha am See Genezareth hat gebrannt. Ich werde so oft angespuckt, ich hatte schon so oft Graffiti mit den Worten "Tod den Christen" auf den Mauern stehen. Was soll denn da noch Schlimmeres kommen?

Man ist schon auch abgehärtet. Auf der anderen Seite habe ich so viele Einladungen von Rabbinern zum Schabbat-Essen gehabt, so viele wunderbare Begegnungen mit Muslimen, Juden und Atheisten. Jerusalem ist ein intensiver Ort - wie eine Achterbahnfahrt. Meine schönsten und schlimmsten Erlebnisse verbinde ich mit Jerusalem. Die letzten vierzehn Jahre waren alles andere als langweilig. Und ich glaube, es geht so weiter. Ich schaue hoffnungsvoll und mit Gottvertrauen in die Zukunft.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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