Vatikan-Beraterin hält mehr Frauen in Führungspositionen für nötig
Vatikan-Beraterin hält mehr Frauen in Führungspositionen für nötig
Alessandra Smerilli
Alessandra Smerilli

21.08.2020

Vatikan-Beraterin Alessandra Smerilli zur Corona-Krise "Ich glaube, dass Veränderung möglich ist"

Derzeit koordiniert Alessandra Smerilli die Impulse des Vatikan für eine nachhaltigere Wirtschaft nach der Corona-Pandemie. Im Interview erläutert sie, warum für eine bessere Welt nach der Krise auch mehr Frauen in Führungspositionen nötig seien.

KNA: Schwester Alessandra, Sie gehören der vatikanischen Covid-Kommission an, die sich mit Folgen der Pandemie befasst. Über Chancen eines wirtschaftlichen und sozialen Neustarts nach dem Lockdown wurde früh gesprochen. Gibt es dafür Anzeichen oder ist das nur ein Wunsch?

Schwester ​Alessandra Smerilli (Ordensfrau, promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Vatikan-Beraterin): Ich glaube schon, dass Veränderung möglich ist. Aber die geschieht nicht von allein. Wir tendieren dazu, zum gewohnten Lebensstil zurückzukehren. Dabei hat die Pandemie bereits Veränderungen verstärkt. Studien zufolge hat in den acht Wochen des Lockdown die Digitalisierung der Arbeitswelt Fortschritte gemacht, für die es sonst fünf Jahre gebraucht hätte. Für andere Veränderungen, die sich alle wünschen - saubere Umwelt, mehr soziale Gerechtigkeit - brauchen Regierungen, Unternehmen Impulse und Hilfen, Entwicklungen entsprechend zu kanalisieren.

KNA: Die geben Sie?

Smerilli: Ja, wir versuchen, solche Prozesse anzustoßen und zu unterstützen. Dazu arbeiten wir international mit Wirtschaftswissenschaftlern, Unternehmern, Beratungsfirmen, um die wichtigsten Entscheider zu erreichen. Es geht darum, vor allem den Armen und den in der Pandemie Vergessenen eine Stimme zu geben. So hat etwa der Papst in dieser Woche gemahnt, öffentliche Gelder sollten nicht an Unternehmen vergeben werden, die nicht inklusiv und nachhaltig arbeiten.

KNA: Versucht derzeit nicht jede Regierung, jedes Unternehmen, aufkommenden Unmut mit Maßnahmen zu besänftigen, die oft alles andere als nachhaltig sind?

Smerilli: Ja, das stimmt. Daher braucht es weise Entscheider; die wollen wir unterstützen. Europa etwa hat mit dem "New Green Deal" eine klare Strategie. Es gibt derzeit allerdings viele Lobbygruppen, die nachhaltige Entwicklungen behindern; sie drohen damit, dass Unternehmen dann Mitarbeiter entlassen müssten. Es gibt aber Studien, die genau vorhersagen, wo welche Arbeitsplätze verloren gehen und wie man Leute schulen und unterstützen muss, damit sie anderswo Arbeit finden. Dazu gilt es deutlich zu sagen, was dem Gemeinwohl dient und welche Schritte dafür zu tun sind.

KNA: Sie wurden von Italiens Gleichstellungs- und Familienministerin Elena Bonetti in eine Beratungskommission berufen, die nur aus Frauen besteht. Wie ist die Situation für Frauen nach sechs Monaten Pandemie?

Smerilli: Unsere Daten zeigen: Frauen sind sozial wie wirtschaftlich stärker betroffen. Während des Lockdown, als alle zu Hause bleiben mussten, haben nur 55 Prozent der Männer zu Hause mehr Aufgaben übernommen als sonst. In knapp der Hälfte aller Familien blieben Hausarbeit sowie die Betreuung der Kinder bei Onlineunterricht an den Frauen hängen - neben der eigenen beruflichen Arbeit. Sollten im Herbst die Schulen nicht wieder normal beginnen, werden sehr viele Frauen nicht wieder arbeiten. In Italien ist dies ein besonderes kulturelles Problem.

KNA: Ist es in Italien größer als in anderen Staaten?

Smerilli: Ja. Im Index des Gender-Pay-Gap, der unterschiedlichen Entlohnung von Frauen und Männern bei gleicher Tätigkeit für 144 Staaten weltweit, liegt Italien weit hinten: 120 Staaten sind da besser aufgestellt als wir.

KNA: Mehr Nachhaltigkeit, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Gender-Gerechtigkeit - das sind schöne, wichtige Forderungen, aber kommen die zum Zuge?

Smerilli: (lacht) Es ist eine Hoffnung. Die Staaten, in denen Frauen stärker an Entscheidungen zum Umgang mit der Pandemie beteiligt waren, bewältigen die Krise bisher besser. Dort wurden Maßnahmen zügiger entschieden und organisiert sowie klarer und empathischer kommuniziert. Bis dahin, Maßnahmen eigens auch Kindern und Jugendlichen zu erklären, wie es Neuseelands Regierungschefin Jacinda Ardern getan hat. Sich an die künftige Generation zu wenden, ist ein typisch weiblicher Zug und im Fall der Pandemie extrem wichtig.

KNA: In der katholischen Kirche ist die Männer-Dominanz besonders groß. Wie sind Ihre Erfahrungen in dieser Männer-Monokultur?

Smerilli: Wir sind auf dem richtigen Weg. Nicht nur im Vatikan, sondern auch in der Italienischen Bischofskonferenz. Es ist in einer männerdominierten Welt wie dem Vatikan nicht unbedingt nur fehlender Wille, Frauen einzustellen. Man kennt auch viel weniger Frauen, weiß nicht um ihre Kompetenzen.

KNA: Sie sagen, die Richtung stimmt. Auch die Geschwindigkeit?

Smerilli: Papst Franziskus setzt wichtige Zeichen. Aber es darf nicht allein an ihm liegen. Es ist ein Prozess, der in den Bistümern, den Pfarreien, den Bewegungen ebenso nötig ist. Zudem braucht es ein spezielles Empowerment: Wir Frauen müssen uns selber ins Spiel bringen ohne Schüchternheit und Minderwertigkeitsgefühle. Ich erinnere mich an die Jugendsynode 2018, als Kardinal Reinhard Marx von deutschen Erfahrungen berichtete, wie Frauen, die in kirchlichen Einrichtungen Verantwortung übernehmen sollten, gezielt gefördert und vorbereitet wurden. So etwas brauchen wir noch mehr.

KNA: Mit der Leitung des Wirtschaftssekretariats hat der Papst einen Jesuiten beauftragt, ein anderer Mann wurde jüngst neuer Generalsekretär der Behörde. Dabei sagte der Papst selbst einmal, es habe zwei Kandidatinnen gegeben. Eine verpasste Chance?

Smerilli: Vielleicht ja. Aber diese Aufgabe ist derzeit sehr delikat. Es gab großen, vor allem medialen Erwartungsdruck, eine Frau zu ernennen. Der hätte es erschwert, die mit dem Posten verbundenen Aufgaben in der gebotenen Diskretion zu erledigen. Oft entmutigt solch mediale Aufmerksamkeit, einen Posten anzustreben und behindert bei der Arbeit.

KNA: Wären Sie eine gute Wahl für einen dieser Posten gewesen?

Smerilli: Ich glaube nicht, weil ich Akademikerin bin.

KNA: Wenn Sie mit Mädchen und jungen Frauen zu tun haben: Was stört oder entmutigt diese besonders?

Smerilli: An der Hochschule erlebe ich großen Enthusiasmus und klare Vorstellungen, was diese jungen Frauen vorhaben. Die Enttäuschung kommt, wenn sie später in Firmen oder Organisationen zu spüren bekommen, dass es für sie weniger Chancen gibt.

KNA: Sind Sie für jüngere Frauen ein Vorbild?

Smerilli: Ich versuche, Klischees etwas aufzubrechen und Wege für andere zu öffnen: als Ordensfrau, als Wirtschaftswissenschaftlerin, als Beraterin für die Politik. Deswegen etwa gehe ich auch in TV-Diskussionen. Und wenn mir, wie schon geschehen, jemand sagt: Geh zurück ins Kloster zum Beten, sage ich: Gott ist Mensch geworden, um sich der Welt und ihrer Probleme anzunehmen. Das zu tun, bin auch ich berufen. Vor allem junge Menschen sagen mir: Mach weiter, du zeigst uns, was möglich ist.

Das Interview führte Roland Juchem.

(KNA)

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