Arche-Gründer Bernd Siggelkow im Jahr 2010
Arche-Gründer Bernd Siggelkow im Jahr 2010
Kinder lauschen gespannt der Märchenerzählerin
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24.11.2020

"Arche"-Gründer kämpft seit 25 Jahren für arme Kinder "Der Erfolg der Arche ist der Misserfolg der Gesellschaft"

Seit 25 Jahren gibt es das christliche Kinder- und Jugendwerk "Arche". Für Pastor Bernd Siggelkow hat sich seit Gründung seiner Initiative gesellschaftlich und politisch "gar nichts verändert". Er sagt der Kinderarmut weiter den Kampf an.

DOMRADIO.DE: Was hat Sie denn 1995 dazu bewogen, das christliche Kinder- und Jugendwerk zu gründen?

Bernd Siggelkow (Pastor und "Arche"-Gründer): Auf der einen Seite meine eigene Kindheit, die von Armut und emotionaler Lieblosigkeit geprägt war. Und dann mein Glaube an Gott, der mich dann irgendwann bewogen hat, Theologie zu studieren, etwas für Kinder und Jugendliche zu tun. Dann bin ich irgendwann nach Berlin-Hellersdorf, dem östlichsten Berliner Bezirk, gekommen und habe da massenweise Kinder kennengelernt, die eigentlich so aufgewachsen sind wie ich. Und das wollte ich nicht. Und deswegen habe ich vor 25 Jahren die "Arche" gegründet.

DOMRADIO.DE: Mittlerweile gibt es 27 "Arche"-Anlaufstellen in ganz Deutschland. Wie viele Kinder und Jugendliche erreichen Sie denn an diesen verschiedenen Standorten?

Siggelkow: Wenn die Pandemie nicht gerade da ist, erreichen wir am Tag 4.500 Kinder aus den unterschiedlichsten Hintergründen.

DOMRADIO.DE: Und was machen Sie mit denen? Was bieten Sie denn an?

Siggelkow: Auf der einen Seite kriegen die Kinder bei uns ein kostenloses Mittagessen, wenn sie es brauchen. Sie bekommen Hausaufgaben- und Nachhilfe. Wir versuchen, ihre Potenziale zu erkennen, sie in ihren Potenzialen zu fördern. Wir haben ein ganz breites Angebot von Sport, Spiel und Spaß. Wir wollen, dass die Kinder wieder die Chance haben, Kinder zu sein und Kindheit zu erleben.

Aber auf jeden Fall wollen wir sie gesellschaftsfähig machen, ihr Selbstwertgefühl stärken. Wir sind keine programmorientierte Organisation, sondern wir sind eher beziehungsorientiert. Der Schlüssel zum Herzen ist nämlich nicht Programm, sondern Liebe und Beziehung. Es ist das, was wir jeden Tag leben.

DOMRADIO.DE: Von den Kindern, denen Sie geholfen haben, sind viele mittlerweile Erwachsene. Was kommt da zurück?

Siggelkow: 25 Jahre sind schon fast zwei Generationen. Teilweise kommen jetzt mittlerweile Eltern, die sagen, ich will auch, dass meine Kinder in die "Arche" gehen, weil ich in der "Arche" als Kind war. Ich habe mittlerweile auch schon angestellte Mitarbeiterinnen, die Erzieherinnen geworden sind, die selber aus einer sehr schwierigen Situation kamen, denen wir geholfen haben. Wir haben ganz viele ehemalige Kinder, die es heute tatsächlich in der Gesellschaft geschafft haben.

Aber wir haben leider auch erfahren, dass Jugendliche jetzt im Gefängnis sitzen oder es eben nicht geschafft haben. Das sind immer diese zwei Seiten, die man sehen muss.

DOMRADIO.DE: Und trotzdem: Von außen betrachtet können Sie ja unheimlich stolz auf diese Zeit sein. Mit was für einem Gefühl gucken Sie auf die letzten 25 Jahre?

Siggelkow: Stolz ist immer so eine Sache. Ich sage immer, der Erfolg der Arche ist der Misserfolg der Gesellschaft. Wir kämpfen seit 25 Jahren gegen Kinderarmut und gesellschaftlich und politisch hat sich gar nichts verändert. Im Gegenteil, die Armutszahlen sind nur gewachsen und ich habe mich entschieden, für die nächsten 25 Jahre der Kinderarmut den Krieg zu erklären, weil ich einfach möchte, dass mehr passiert, dass man noch aufmerksamer wird.

Kinder gehören nicht an den Rand, sondern in die Mitte der Gesellschaft. Wir haben viel erreicht: Wir haben Tausende von Kindern erreicht. Wir haben Kinder satt gemacht. Wir waren jetzt während der Pandemie bei ganz vielen Familien zu Hause, während des Lockdowns waren wir jeden Tag bei 1.630 Familien in Deutschland. Wir sind immer noch dabei, Menschen zu motivieren.

Wir haben immer noch das Problem, dass Kinder in Quarantäne sind, die unsere Unterstützung brauchen. Wir haben jetzt viel auf digital umgestellt und all diese Dinge. Wir haben immer zu tun.

DOMRADIO.DE: Sie haben den 24. November zum Aktionstag gegen Kinderarmut und Ausgrenzung erklärt und fünf Forderungen für Kinderförderung aufgestellt. Unter anderem geht es um Chancengleichheit für alle Kinder, unabhängig vom Bildungsgrad der Eltern. Wie soll man das denn hinkriegen?

Siggelkow: Es kann nicht sein, dass es in einer Wohlstandsgesellschaft zwei Klassen gibt. Kinder, die schulische Förderung brauchen, müssen dafür Geld bezahlen. Das Geld steht ihnen aber gar nicht zur Verfügung. Deswegen denke ich, dass Bildung kostenlos sein sollte in unserer Gesellschaft. Das Bildungssystem sollte sich am Kind orientieren und nicht das Kind am Bildungssystem. Deswegen gehört eigentlich das föderale Bildungssystem abgeschafft.

DOMRADIO.DE: Sie fordern eine Grundsicherung von 600 Euro im Monat. Wie soll das denn gehen? Wie soll das Geld verteilt werden, damit es auch wirklich den Kindern zugute kommt?

Siggelkow: Wir würden gerne, dass die Hälfte des Geldes zur Förderung des Kindes in die Familie geht. Wir geben jetzt auch Kindergeld in die Familie. Das muss auf 300 Euro erhöht werden. Und auch die Hartz-IV-Empfänger sollten Kindergeld bekommen, denn die bekommen ja nur einen Betrag für Kinder, das auf das Kindergeld angerechnet wird. Dann sind das ungefähr 50 Euro mehr, die sie im Monat zur Verfügung haben. Das reicht ja hinten und vorne nicht.

Und die anderen 300 Euro sollten direkt ins Bildungssystem gehen, damit die Kinder dort von mehr Lehrern, von besserem Unterricht profitieren. Wir haben ja heute auch das Problem, dass unsere Kinder, die in die "Arche" kommen, überhaupt nicht über die digitalen Mittel verfügen, damit sie überhaupt am Homeschooling teilnehmen können.

DOMRADIO.DE: Inwieweit sind denn die Kinder aus armen Familien jetzt in der Corona-Krise besonders betroffen? Kommen da auch Dinge in der öffentlichen Debatte zu kurz?

Siggelkow: Natürlich kommen die Sachen zu kurz in der öffentlichen Debatte, weil wir das Problem haben, dass natürlich eine alleinerziehende Mutter, die selbst einen schwierigen Bildungsgrad hat, drei bis vier Kinder im Homeschooling unterrichten soll. Die Kinder sind natürlich völlig abgehängt, wenn sie wieder in die Schule kommen, weil sie gar keine Unterstützung haben.

Wir haben auch das Problem, dass die Isolation dazu geführt hat, dass die häusliche Gewalt zugenommen hat. Man lebt auf engstem Raum, 70 Quadratmeter mit sechs Personen. Da kann man sich eigentlich gar nicht aus dem Weg gehen. Die sozialen Kontakte sollten auch nicht sein. Es ist alles eingeschränkt und wir als "Arche" haben auch das Problem, dass wir gar nicht alle Kinder jeden Tag in die "Arche" nehmen können, weil wir auch diese Hygienevorschriften einhalten müssen.

Allein in Berlin dürfen die Kinder maximal einmal pro Woche zu uns kommen. Das reicht natürlich auch nicht aus, damit sie sich vernünftig entfalten können.

DOMRADIO.DE: Am Mittwoch treffen sich die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten bei der Bundeskanzlerin, um wieder neue Corona-Maßnahmen zu beschließen. Was würden Sie sich denn gerade für Kinder und Jugendliche von den Politikern wünschen?

Siggelkow: Die Maßnahmen sind alle richtig, weil wir dieses Virus ja eindämmen müssen. Auf der anderen Seite müssen wir aber ganz schnell Sachen umsetzen, wie zum Beispiel die Digitalisierung in Ballungsgebieten voranbringen. Es heißt, es gibt Laptops für alle Kinder. Das klappt auch in der Mittelschicht und in der Oberschicht, aber in den Schulen, die keinen Förderverein haben, gibt es kaum Unterstützung.

Eine Schule hat mich jetzt angefragt, ob wir nicht helfen können, dass die Eltern zuhause diese Geräte angeschlossen bekommen. Diese Eltern wissen gar nicht, wie das funktioniert. Also, es hängt manchmal schon an Kleinigkeiten, die man nicht genug überlegt, um dann Dinge umzusetzen. Ich denke, da muss man nochmal mehr darüber nachdenken, dass über vier Millionen Kinder, die in Armut aufwachsen, viel mehr Unterstützung brauchen.

Das Interview führte Heike Sicconi

(DR)

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