Homosexueller Theologe bewertet Papstaussagen

"Ein kleines Erdbeben"

Papst Franziskus hat sich für eine zivilrechtliche Lebenspartnerschaft homosexueller Menschen ausgesprochen. Brian Müschenborn zeigt sich überrascht. Der Theologe lebt mit seinem Mann und Kindern in Köln. Wie erlebt er die Entwicklungen?

Ein homosexuelles Paar im Regen / © Twinsterphoto (shutterstock)
Ein homosexuelles Paar im Regen / © Twinsterphoto ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Wie sehr hat Sie die Aussage des Papstes überrascht?

Brian Müschenborn (Katholischer Theologe): Man könnte schon sagen, es war ein kleines Erdbeben. Es war eine totale Überraschung für mich. Ich habe erst gedacht, vielleicht ist das ein kleiner Strohhalm, den man irgendwo gesehen hat und aus dem man jetzt eine große Geschichte gemacht hat, weil irgendetwas Positives in diese Richtung gekommen ist.

Als sich das dann immer mehr durch die Medien zog und jede große deutsche Zeitung sowie das Fernsehen darüber berichtete, war mir klar, dass er diese Aussage ganz eindeutig getroffen hat. Das hat mich schon persönlich sehr überrascht. Und es hat mich auch sehr gefreut. Denn irgendwann gibt es einen Punkt im Leben eines schwulen Mannes, der eigentlich mit der katholischen Kirche in enger Verbindung steht, an dem er sagt, ich glaube nicht mehr, dass sich was in meinem Leben ändern wird.

Umso schöner ist es dann, wenn so eine Aussage fällt und man dann irgendwie eine Aussicht hat, dass sich doch noch etwas tut.

DOMRADIO.DE: Mit Ihrem Partner haben Sie zwei Pflegekinder. Das heißt, Sie leben in einer Familie zusammen. Papst Franziskus hat jetzt gesagt: "Homosexuelle haben das Recht, in einer Familie zu leben". Kam Ihnen ihr Lebensentwurf als Katholik denn jemals falsch vor?

Müschenborn: Nein. Ich hatte nie das Gefühl, in meinem eigenen Gottesbild und in meinem Gottesverhältnis, dass das, was ich da tue, etwas Falsches ist. Für mich war in meinem Studium immer ein Punkt ganz wichtig, nämlich was Romano Guardini formuliert hat: Die Annahme seiner selbst. Damit war ich mit mir persönlich total im Reinen. Deshalb hatte ich immer den Eindruck, dass das, was ich hier tue, von Gott aus gesehen vollkommen in Ordnung ist und für mich erst recht auch.

Danach haben sich die Dinge einfach so in meinem Leben von der Zeit im Priesterseminar, dem Ende des Studiums bis hin zu den weiteren Schritten in meinem persönlichen Leben gefügt. Irgendwann ist dann dieser Mensch in mein Leben hinein getreten, der zu mir gehörte und Gott sei Dank auch immer noch zu mir gehört. Schließlich kamen wir irgendwann zu der Entscheidung, Kinder zu bekommen oder Kinder in die Familie mit hinein zu nehmen. Das war immer vom Gefühl her richtig. Und de facto war es auch eine sehr gute Entscheidung.

DOMRADIO.DE: Ihre beiden Kinder sind auch katholisch getauft. Ist das für die Kirche ein Problem?

Müschenborn: Sagen wir mal so: Die Taufe hat über einen befreundeten Priester stattgefunden. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich auf eine x-beliebige Gemeinde zugegangen wäre. Ob man dann die Nase gerümpft hätte, ob man dann genauer hingeguckt hätte. So ist einfach aus der persönlichen Beziehung heraus die Taufe zustande gekommen.

Von daher könnte ich jetzt nicht sagen, dass das der normale Weg gewesen ist. Das ist auch meine Erfahrung insgesamt gewesen, dass uns eigentlich nie Steine in den Weg gelegt wurden. Das muss ich bei aller Kritik, die ich auch habe, positiv hervorheben.

Das heißt, es war grundsätzlich immer eine negative Richtung vorhanden. Also, schwule Beziehungen sind nicht erlaubt und über Familie und Kinder nachzudenken, erst recht nicht. Aber auf der anderen Seite, an der Basis, haben wir eigentlich immer Unterstützung und vollkommenes Wohlwollen erlebt.

Unsere Kinder sind in einer katholischen Kindertagesstätte gewesen. Die Erzieherinnen dort waren die ersten, die immer von "Ihrem Mann" sprachen. Das war für mich dann damals noch eine vollkommen fremde Begegnung, die ich dort gar nicht erwartet hätte. Dann kam die Entscheidung, die Kinder taufen zu lassen, und das hat eigentlich in diesem Milieu immer vollkommen gestimmt. Man merkt schon, dass es mal den einen oder anderen gibt, der ein bisschen guckt und genauer nachfragt. Aber im Großen und Ganzen hat es da nie Ecken oder Momente gegeben, wo uns Steine in den Weg gelegt wurden.

DOMRADIO.DE: Der Papst spricht sich jetzt ausschließlich für eine zivilrechtliche Ehe aus. Also eine kirchliche Ehe ist überhaupt nicht im Gespräch. Selbst über eine Segnung homosexueller Paare gibt es in der Kirche ja noch ganz große Diskussionen. Würden Sie sich denn da jetzt nicht auch noch mehr wünschen?

Müschenborn: Das Fass, was er damit aufgemacht hat, um das mal so zu sagen, wundert mich im Grunde genommen. Denn damit hat er sich im Grunde genommen ein Ei ins eigene Nest gelegt, weil er etwas legitimiert, was in der eigenen Institution, was in seinen eigenen Reihen eben noch gar nicht so ausdiskutiert und durch die Reihen hin legitimiert ist.

Das heißt also, auf der politischen Seite ist das natürlich eine ganz wunderbare Geschichte, dass er das bestätigt, was bei uns in Deutschland vollkommen normal ist und in den meisten europäischen Ländern eingefordert beziehungsweise befürwortet wird. Das setzt dann aber konservative Länder wie Polen zum Beispiel total unter Druck. Denn dort sieht man die zivile Möglichkeit einer Ehe oder einer eingetragenen Lebenspartnerschaft überhaupt nicht. Dort hört man Bischöfe von der Kanzel dagegen predigen und sieht Landkreise, die schwul-lesbisches Leben sogar vollkommen verbieten. Das heißt, hier hat die katholische Kirche in Polen richtig zu arbeiten, wenn das jetzt eingefordert wird.

Auf der anderen Seite sehe ich aber auch die Aufgabe, innerkirchlich zu schauen, was so eine Legitimation nun bedeutet. Geht der Papst noch weiter? Gehen die Bischofskonferenzen weiter? Wird es eine Segnung als nächsten Schritt geben? Ich bin da sehr vorsichtig, denn ich habe erlebt, dass Bischöfe wie Bischof Bode, so etwas auch in öffentlichen Papieren befürwortet haben.

In dieser Frage erlebe ich die Kölner Kirche eher zurückhaltend. Nicht nur damals unter Kardinal Meisner, sondern auch heute. Und im Grunde genommen müssen diese zwei Richtungen in dieser Frage einen gemeinsamen Weg finden. Da bin ich etwas skeptisch. Aber, wenn man von dieser Aussage des Papstes schon überrascht wurde, kann es ja auch sein, dass man in den nächsten Jahren nochmal überrascht wird.

Das Interview führte Verena Tröster.


Quelle:
DR