Rainer Maria Kardinal Woelki
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Erzbistum Köln in der Kritik
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Papst Franziskus am Schreibtisch

11.02.2021

Krise im Erzbistum Köln in Rom nicht wichtigstes Thema Am Ende liegt die Entscheidung bei Franziskus

Kardinal Woelki hat dem Papst einen Brief geschrieben und ihn gebeten zu klären, ob er in Sachen Missbrauch kirchenrechtlich alles richtig gemacht habe. Korrespondent Lucas Wiegelmann spricht über die Mechanismen im Vatikan.

DOMRADIO.DE: Können Sie für uns den vermutlichen Weg eines Briefes von Kardinal Woelki nach Rom kurz skizzieren?

Lucas Wiegelmann (Journalist und Ressortleiter Meinung "Welt"-Gruppe): Wenn Kardinäle von irgendeiner Form von Aufregung betroffen sind, bei der Rom ins Spiel kommen soll, wenden die sich üblicherweise direkt an den Papst, weil Kardinäle von Päpsten kreiert werden und in besonderer Weise dem Papst zugeordnet sind.

Das heißt, formal hat sich Kardinal Woelki an den Papst gewandt und der Papst als Angesprochener kann das natürlich weder zeitlich noch fachlich selbst bearbeiten, sondern er beauftragt seine Behörden mit der Bearbeitung dieser Angelegenheit. In diesem Fall hat der Papst zunächst die Bischofskongregation angesprochen und ihr diese Angelegenheit übertragen, weil die Bischofskongregation für den Erzbischof von Köln zuständig ist.

Am Ende muss dann eine Expertise stehen, die an den Papst zurück übermittelt wird, damit der Papst entscheiden kann.

DOMRADIO.DE: Und welche Rolle spielt da die Glaubenskongregation?

Wiegelmann: In diesem Fall war es so, dass die Bischofskongregation während dieser Prüfung auch die Expertise der Glaubenskongregation erbeten hat und den Kollegen der Glaubenskongregation diesen Fall gezeigt hat mit der Bitte, sie möchten doch die Frage beantworten, ob sich Kardinal Woelki in diesem einen Fall, dem "Fall O.", der immer wieder durch die Medien gegangen ist, rechtlich korrekt verhalten hat.

Hat also Kardinal Woelki persönlich diesen Missbrauchsfall gedeckt und nicht vernünftig behandelt? Das ist ja die Angelegenheit, die in Rom geprüft wird. Es geht eben nicht um die Frage, ob es klug war, ein Missbrauchsgutachten lange unter dem Tisch zu halten, sondern Rom hat sich den "Fall O." angeschaut und die Bischofskongregation hat die Glaubenskongregation um Amtshilfe gebeten und gefragt, ob das rechtlich korrekt gelaufen ist.

DOMRADIO.DE: Und Sie berichten, dass die Glaubenskongregation jetzt entschieden habe, dass Kardinal Woelki kirchenrechtlich keine Schuld treffe. Ist das eine sichere Information?

Wiegelmann: Das berichten jedenfalls sehr glaubwürdige Quellen, die es wirklich auch beurteilen können. Ich habe jedenfalls keinen Grund, daran zu zweifeln. Die Katholische Nachrichten-Agentur KNA ist in ihren Recherchen am Tag darauf übrigens auch zu diesem Ergebnis gekommen.

Damit ist allerdings noch nicht gesagt, ob Rom im "Fall O." Woelki entlastet oder nicht. Denn wie wir es gerade schon bei dem Werdegang dieser ganzen Sache besprochen haben, hat der Papst ja erst einmal nur seine Behörden damit beauftragt. Die Behörden melden dann irgendwann dem Papst den Vollzug.

Aber dann ist der Papst natürlich immer noch frei, zu tun und zu lassen, was er will. Er kann diese Expertise natürlich auch in den Wind schlagen. Franziskus hat am Anfang seines Pontifikats sehr stark dazu tendiert, tatsächlich seine Behörden und die Expertise seiner Behörden eher im Hintergrund zu lassen und beiseite zu schieben.

Leute, die mit der Glaubenskongregation zu tun haben, berichteten aus den Anfangsjahren, dass sie oft gar nicht erst einbezogen wurden, wenn große Papiere zu schreiben oder wenn große Fragen zu erörtern waren. Das hat der Papst dann einfach ohne den Instanzenweg gemacht, ein bisschen freihändiger.

In den letzten Jahren scheint sich Franziskus aber doch wieder stärker auf die Arbeit seiner Behörden zu stützen. Jedenfalls habe ich in den letzten Monaten weniger von aktuellen Fällen gehört, wo er seine Behörden umgangen hat, sondern da war es eigentlich häufiger so, dass er tatsächlich seine Experten um Rat gefragt hat.

Und in so einem delikaten Fall wie bei einem Kardinal in Köln, der sich großen Vorwürfen gegenübersieht, ist der Papst sicher gut beraten, sich auf die Expertise zu verlassen, die seine Fachleute ihm vorlegen, weil er einfach auch weder die Zeit noch die Expertise hat, selber zu prüfen.

DOMRADIO.DE: Nun hat das Kölner Erzbistum ja allein wegen seiner Größe auch als gemeinsam mit München führendes Bistum in Deutschland sicherlich auch einiges Gewicht in Rom. Da wird man gewiss nicht übereilt handeln, sondern ganz genau überlegen, was man tut. Oder ist das jetzt wieder eine allzu deutschlandzentrierte Wahrnehmung in der riesengroßen Weltkirche?

Wiegelmann: Das kann ich schwer beurteilen. Ich habe mich bei der Recherche gewundert, wie entspannt viele Ansprechpartner in Rom noch waren und immer gesagt haben, dass das dort gar nicht so ein großes Thema sei. Ich hätte gedacht, wenn ein Kardinal der Weltkirche - so viele Kardinäle haben wir ja nicht - in dieser Form öffentlich unter Druck steht, wird das auch "Talk of the Town" im Vatikan sein.

Ich habe nur gestaunt, dass mir viele Ansprechpartner gesagt haben, in Rom sei das Thema Woelki eines von vielen und nicht das wichtigste.

DOMRADIO.DE: Nun hat es laut Kölner Erzbistum noch keine Rückmeldung aus Rom nach Köln gegeben. Die lassen sich also noch Zeit oder was kann das heißen?

Wiegelmann: Darüber kann man nur spekulieren, wann da was kommt. Es kann natürlich auch sein, dass der Vatikan noch warten will bis zu dem großen Showdown am 18. März, wenn wirklich alles auf den Tisch kommt in Köln.

Vielleicht hält Rom es für strategisch klug, das abzuwarten, damit Kardinal Woelki selbst erst einmal alles vorlegen kann. Aber das ist Spekulation. Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt auch eine Antwort mittlerweile längst vor. Das kann ich nicht beurteilen.

DOMRADIO.DE: Da ist auch rauszuhören, dass Rom ein ganz komplizierter Apparat ist, der Vatikan, also Kurie, Glaubenskongregation, Bischofskongregation. Da geht natürlich auch viel hin und her. Das ist ja nicht nur in Romanen so, dass es auch unterschiedliche Meinungen gibt und wahrscheinlich auch Machtkämpfe.

Wiegelmann: Das auf jeden Fall! Es gibt natürlich Eifersüchteleien und Machtkämpfe, üble Nachrede, aber auch Solidarität. Es gibt da alles, was es gibt, wenn Menschen mit viel Macht miteinander zu tun haben. Was es aber vor allem gibt, sind viele Missverständnisse und Parallelkommunikationen.

Papst Franziskus will ja die Kurie reformieren, und eine Idee soll dabei ja sein, dass die Behörden besser miteinander kommunizieren und sich in so einer Art Kabinettssitzung besser miteinander vernetzen. Das gibt es erstaunlicherweise bisher nicht.

DOMRADIO.DE: Abschließende Frage: "Hirte ohne Herde", so ist Ihr Artikel in der "Welt am Sonntag" betitelt. Sie sind ja nah dran, haben viel recherchiert für die Kirchenberichterstattung. Wie sehen Sie die Situation? Wie wird es weitergehen?

Wiegelmann: Ich glaube, es kommt wirklich auf den Showdown am 18. März an. Kardinal Woelki hat eine gewaltige Opposition gegen sich, und ich glaube, man kann nicht leugnen, dass da auch viele kirchenpolitische Aversionen gegen Kardinal Woelkis Positionen mitspielen. Davon bin ich überzeugt.

Die Aversionen haben sich so verstärkt und so aufgestaut, dass es für ihn sehr schwer werden wird, wieder einen Vertrauensvorschuss der Gläubigen zu bekommen. Aber die, die ihn jetzt fallen sehen wollen, denen läuft - glaube ich - tatsächlich die Zeit weg. Denn am 18. März werden wir die Wahrheit sehen, so oder so.

Wir werden die Gutachten vorgelegt bekommen und dann wird man es ja sehen: Hat sich Kardinal Woelki an die Regeln gehalten und hält er Wort? Wird er wirklich am 18. März diese Dinge vorlegen? Darauf kommt es dann eben an.

Wenn sich das, was er im Moment beteuert, dann als wahr herausstellt, finde ich, hat er es verdient, dass die Gläubigen ihm auch wieder einen Vertrauensvorschuss geben und Versöhnung gelingen kann.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)