Bild von Oscar Romero
Historiker Huhn: "Für die Menschen in Lateinamerika ist Romero schon lange ein Heiliger."

10.10.2018

Adveniat zur Heiligsprechung Oscar Romeros Eine Ermutigung für die "Kleinen"

38 Jahre nach seiner Ermordung wird Oscar Romero am Sonntag heiliggesprochen. Für Adveniat-Referent Michael Huhn eine Verpflichtung, Romeros Kampf gegen soziale Ungleichheit weiterzuführen.

DOMRADIO.DE: Romero war Erzbischof von San Salvador und galt als "Bischof der Armen": Offen kritisierte er Ende der 70er-Jahre die Gewalt und die Ungleichheit in seiner Heimat El Salvador – damit machte er sich die Mächtigen des Landes zum Feind: Am 24. März 1980 wurde er am Altar erschossen, während er die heilige Messe feierte. Was war das Besondere an diesem Mann?

Michael Huhn (Historiker und Referent beim katholischen Lateinamerikahilfswerk Adveniat): Das Besondere an ihm war die lebensgeschichtliche Entwicklung, die er genommen hat. Er war ein eher ängstlicher Mensch, der sich mutig gemacht hat, als er merkte: Jetzt geht es nur noch mit Mut weiter. Und er war jemand, der aus der Kraft seines Gottvertrauens lebte. Sonst hätte er nicht mutig sein können.

Er war auch ein Beter. Gerade in den Stunden der Anfechtung, als ihm die Mächtigen und auch einige seiner Mitbrüder an den Kragen wollten, hat er im Gebet durchgehalten. Und er war jemand, der das Matthäus-Evangelium gelesen hatte und der es lebte: Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan. Das heißt, der Glaube wird praktisch. Er muss zur Tat werden.

DOMRADIO.DE: Obwohl Romero ja am Altar gestorben ist, war im Vatikan lange umstritten, ob er nun einem politischen Mord zum Opfer gefallen oder für seinen Glauben gestorben ist. Das war entscheidend für die Heiligsprechung. Aber lässt sich so etwas im Fall eines Oscar Romero überhaupt voneinander trennen?

Huhn: Nein, das lässt sich überhaupt nicht trennen – weder im Fall eines Oscar Romero noch grundsätzlich. Denn wir wissen ja aus dem Jakobusbrief des Neuen Testaments, dass wir, wenn wir Christen sind, nicht über das Unrecht hinwegsehen können, das den Armen widerfährt.

Im Übrigen ist diese Unterscheidung zwischen dem "Kampf für Gerechtigkeit" einerseits und "für den Glauben gestorben" andererseits eine Scheinalternative bei einigen Mitarbeitern der römischen Kurie gewesen. Für die Menschen in Lateinamerika war er immer schon der Heilige - San Romero.

DOMRADIO.DE: Der Seligsprechungsprozess hat sehr lange gedauert, ungefähr ein Vierteljahrhundert. Die Heiligsprechung war jetzt innerhalb weniger Jahre möglich. Warum hat das erst so lange gedauert? Gab es da Kräfte, die die Seligsprechung um jeden Preis verhindern wollten?

Huhn: Ja. Um jeden Preis. Und die haben auch ihre Strippen gezogen. Das waren diejenigen, die gesagt haben: Die Kirche muss für alle da sein. Mit anderen Worten: Wir dürfen nicht parteiisch sein. Denn Romero ist parteiisch geworden. Deswegen haben sie ihren Einfluss geltend gemacht, um dem Heilig- und Seligsprechungsprozess ein Beinchen zu stellen.

DOMRADIO.DE: Musste da erst ein lateinamerikanischer Papst kommen, damit diese Heiligsprechung jetzt möglich wird?

Huhn: Das hat es in der letzten Phase beschleunigt. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch Benedikt XVI. schon die entscheidenden Schritte getan hat und einfach nicht denjenigen das Ohr geliehen hat, die gesagt haben: Nee, da kommt Politik rein und deswegen ist die Heiligkeit angekratzt.

DOMRADIO.DE: Romero hat damals die Gewalt und die soziale Ungleichheit in El Salvador angeprangert. De facto hat sich bis heute nichts daran geändert: Viele Menschen leben weiter in bitterer Armut. Die Mord- und Gewaltraten zählen zu den höchsten weltweit. Ist Romeros Botschaft nicht gehört worden?

Huhn: Seine Botschaft ist gehört worden und sie hat vieles ausgelöst und verändert. Aber sie hat nicht gestern und auch nicht heute die Strukturen von Unrecht überwinden können.

Was die Botschaft Romeros geschafft hat, ist, dass sie Menschen ermutigt hat, zu sagen: Wir lassen uns das nicht bieten. Wir organisieren uns. Wir stehen zusammen. Was sich geändert hat, ist, dass es damals einen Bürgerkrieg gab und heute ganz viel diffuse Gewalt auf der Straße herrscht.

DOMRADIO.DE: Romero war zu Lebzeiten bei Ihnen in der Adveniat-Geschäftsstelle in Essen zu Besuch. Inwieweit ist Ihre Arbeit bei Adveniat auch von Oscar Romero inspiriert oder beeinflusst?

Huhn: Oscar Romero ist für viele Mitarbeiter ein Vorbild in seinem Mut, in seinem Gottvertrauen, in der Kraft seines Betens. Wir haben ihm ein Heft unserer Reihe "Blickpunkt Lateinamerika" gewidmet, einer unserer Räume hier ist nach ihm benannt. Sein Bild hängt in der Geschäftsstelle. Und ich glaube, es hilft auch den Referenten vor ihren Projektentscheidungen, wenn sie sich einen Moment zurücklehnen und sich fragen: Was hätte Oscar Romero in dieser Situation getan?

DOMRADIO.DE: Jetzt schauen wir mal auf die Menschen in El Salvador. Was bedeutet diese Heiligsprechung ihres Oscar Romeros für sie?

Huhn: Pater Michael Heinz, unser Hauptgeschäftsführer, hat das schön formuliert. Er sagte: Es ist Balsam für die verwundete Seele El Salvadors. Es ist eine Ermutigung für dieses kleine Volk und für die sogenannten "Kleinen" in dem kleinen Volk, die nie viel gezählt haben, angesichts der Mächtigen. Es ist eine Erinnerung, die nachwirkt. Das merkt man auch an der großen Verehrung, die Oscar Romero bis heute genießt, an den vielen Pilgern, die zu seinem Grab kommen.

Und es bleibt die offene Frage: Was hätte Oscar Romero heute gemacht? Denn die großen sozialen Probleme sind nicht einfach behoben. Insofern sind die Erinnerung an Romero und die Heiligsprechung eine Verpflichtung weiterzumachen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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