Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII.
Nuntius Pacelli, später Papst Pius XII., in einem italienischen Kriegsgefangenenlager
Hubert Wolf, deutscher Historiker, in der Diözesanbibliothek Münster.
Hubert Wolf, deutscher Historiker, in der Diözesanbibliothek Münster.

15.09.2020

Historiker Wolf zur Idee der Umbenennung der Berliner Pacelliallee "Überhastete Forderung"

Eine Initiative fordert die Umbenennung der Berliner Pacelliallee, weil der spätere Papst Pius XII. die Deportation von Juden unkommentiert habe stehen lassen. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf forscht zu Pius XII. Wie bewertet er diese Debatte?

DOMRADIO.DE: Die Pacelliallee in Berlin erinnert an den ehemaligen Apostolischen Nuntius in Deutschland, Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII. Dessen Rolle als Papst war zur Zeit des Holocaust umstritten und deshalb setzt sich eine Initiative jetzt für die Umbenennung der Pacelliallee ein. Unterstützung kommt vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein. Sollte man denn Ihrer Meinung nach die Pacelliallee umbenennen?

Prof. Dr. Hubert Wolf (Kirchenhistoriker): Im Moment dezidiert nicht. Und zwar aus folgendem Grund: Historiker haben 20, 30 Jahre lang gefordert, dass der Vatikan endlich die Quellen aus dem Pontifikat Pius’ XII. zugänglich macht. Jetzt haben wir seit März Zugang. Endlich kann man all die Fragen stellen, die man an diesen Papst hat. Jetzt sollte man aber auch die Geduld aufbringen, zu sagen, lasst uns doch erst einmal die Themen historisch mit den Quellen sauber klären. Wenn das geschehen ist, dann kann man die Frage noch einmal neu stellen.

Ich habe ja verlangt, dass der Seligsprechungsprozess dieses Papstes so lange auf Eis gelegt wird, bis man die Quellen gesichtet hat. Wenn das aber gilt, dann muss auch andersherum gelten, dass wir jetzt nicht mit irgendwelchen überhasteten Forderungen nach Umbenennung kommen. Lassen wir doch den Historikern die Zeit, die kritischen Fragen in Ruhe anhand der neuen, unbekannten Quellen zu prüfen.

DOMRADIO.DE: Die Initiative wirft Papst Pius XII. vor, er habe die Deportation von Juden in Italien unkommentiert geschehen lassen. Wie klar lässt sich seine Rolle zur Zeit des Dritten Reiches denn historisch überhaupt noch bewerten?

Wolf: Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Vorwürfen gegenüber diesem Papst, wie das Schweigen zum Holocaust. Er hat sich möglicherweise in dieser ganzen Debatte in Italien stärker zurückgehalten. Zu der Frage, ob er die römischen Klöster und den Vatikan für verfolgte Juden geöffnet hat oder nicht, gibt es eine ganze Reihe von kritischen Anfragen.

Diese Anfragen kann man jetzt wirklich beantworten. Ich möchte wirklich wissen, ob es diese Anweisung des Papstes gab, die römischen Klöster und den Vatikan für verfolgte Juden zu öffnen oder nicht. Solange wir das nicht wissen, sollten wir uns nicht an Spekulationen beteiligen. Natürlich wird man offene Fragen an die Quellen stellen. Der Papst kann viel dunkler rauskommen als erwartet – er kann aber auch heller rauskommen. Aber wir sollten das jetzt sine ira et studio (lat.: ohne Zorn und Eifer, Anm. d. Redaktion), ohne diese Hektik machen.

Ich halte ohnehin wenig davon zu sagen, alles, was uns irgendwie stört, benennen wir um. Vielleicht ist es sogar gut, wenn wir immer wieder über einen kritischen Namen stolpern und dadurch eine Debatte entfacht wird. Ich bin ganz auf der Seite von Felix Klein (Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, Anm. d. Red.), dass wir dringend über Antisemitismus reden müssen, auch dringend offen über die Rolle der katholischen Kirche und anderer gesellschaftlicher Gruppen. Das ist keine Frage.

Aber bitte lasst uns darüber reden und nicht glauben, man könnte Debatten beenden, indem man Straßen umbenennt, bevor man die Quellen gesehen hat.

DOMRADIO.DE: Ist das Verbannen bestimmter Personen aus dem öffentlichen Raum dann überhaupt die richtige Art, Geschichtsaufarbeitung zu betreiben?

Wolf: Ich bin sehr zwiespältig, weil ich nicht weiß, was die Kriterien sein sollen. Nehmen wir mal ein Beispiel: Lassen Sie uns doch künftig keinen "Karlspreis" mehr verleihen. Karl der Große, der für die europäische Einigung steht, war zugleich der "Sachsenschlächter", der das europäische Reich, das er gegründet hat, mit Gewalt zusammenhielt. Wenn wir damit anfangen, wo ist dann das Ende?

Ich glaube, dass es ganz gut ist, wenn man immer wieder – auch in der Öffentlichkeit – über bestimmte Personen, über bestimmte Ereignisse stolpert. Denn das Schlimmste, was uns passieren kann, ist doch, dass wir solche Dinge schlicht verdrängen. Wenn die Kirche und wenn der Papst beim Holocaust versagt haben, dann haben sie versagt. Dann muss man zu dieser Schuld stehen. Es kann doch nichts Besseres geben, wenn man immer wieder gezwungen ist, darüber zu debattieren und ganz offen zu sprechen.

Insofern bin ich, was diesen Umbenennungswahn im Moment angeht, ein bisschen skeptisch. Erinnerung hat auch damit zu tun, sich unangenehmen Erinnerungen zu stellen. Alles nur weichspülen zu wollen, finde ich schwierig.

Vielleicht noch eine Nebenbemerkung zu der Idee, die Straße nach Golda Meir (frühere israelische Ministerpräsidentin, Anm. d. Red.) umzubenennen: Golda Meir ist natürlich eine respektable israelische Politikerin. Aber ausgerechnet Golda Meir hat 1958 beim Tod Pius’ XII. gesagt: "Er war einer der bedeutendsten Wohltäter unseres jüdischen Volkes." Gerade diese Frau, die diesen Papst so lobt, anstelle von Pacelli jetzt mit dem Straßennamen zu schmücken – da weiß ich nicht, wie glücklich oder unglücklich das ist.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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