Historiker Wolf über Archivsichtung im Vatikan

Schlüsseltexte zu Pius XII. wurden vertuscht

Der Vatikan hat nach Worten des Kirchenhistorikers Hubert Wolf nach dem Zweiten Weltkrieg Dokumente zum Pontifikat von Papst Pius XII. verheimlicht. Neueste Aktenfunde zeigten, dass Dokumente unvollständig seien.

Papst Pius XII. / © CNS photo (KNA)
Papst Pius XII. / © CNS photo ( KNA )

So sei das elfbändige Werk mit zentralen Dokumenten von Pius XII. während des Zweiten Weltkrieges, die "Actes et Documents", nicht vollständig, sagte Wolf dem katholischen Internet-Portal "Kirche-und-Leben.de" (Freitag).

Nun gefundene Zeitzeugenaussagen zum Holocaust seien darin "unterschlagen" worden, so der Vorwurf des Historikers. Er gehört mit zu den 30 Wissenschaftlern, die in den seit März geöffneten Vatikan-Akten über Papst Pius XII. forschen können.

Entscheidendes Dokument fehlt

In den "Actes et Documents" taucht laut Wolf ein entscheidendes Dokumentenstück über den Holocaust nicht auf. "In dem wird belegt, dass der Heilige Stuhl die Informationen einer jüdischen Organisation über die Ermordung einer halben Million Juden innerhalb eines halben Jahrs in der Ukraine durch eigene Quellen - nämlich Äußerungen des damaligen katholischen Erzbischofs Andrej Szeptyzkyj in der Ukraine - bestätigen kann."

Ein hochrangiger Mitarbeiter von Papst Pius XII. (1939-1958), der spätere Kardinal Angelo Dell'Acqua, habe später versucht, die übereinstimmenden und voneinander unabhängigen Zeugnisse der Juden und von Erzbischof Szeptyzkyj als unglaubwürdig hinzustellen.

Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Sascha Hinkel habe das bislang unbekannte Dokument in einer Materialserie des vatikanischen Staatssekretariats von 1942 entdeckt, erzählte Wolf. Er nannte den mehrfach geprüften Fund ein "Schlüsseldokument". "Das uns bislang vorenthalten wurde, weil es eindeutig antisemitisch ist und Hintergründe offenlegt, warum Pius XII. nicht aufschreit gegen den Holocaust", erläuterte der Historiker.

Ergebnisse akzeptieren

Die elfbändige Edition "Actes et Documents" müsse im Archiv Blatt für Blatt überprüft werden. "Wenn Pius XII. aus diesem Quellenstudium heller herauskommt, wunderbar. Wenn er dunkler herauskommt, muss man auch das akzeptieren", sagte Wolf.

Papst Franziskus hatte die Vatikanarchive mit Dokumenten aus dem Pontifikat von Papst Pius XII., mit bürgerlichem Namen Eugenio Pacelli, Anfang März öffnen lassen. Historiker hatten in der Vergangenheit wiederholt die Öffnung der Archive gefordert, um das umstrittene Verhalten des Pacelli-Papstes im Umgang mit den Nationalsozialisten erforschen zu können. Der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth löste 1963 mit der Veröffentlichung seines Theaterstücks "Der Stellvertreter" über Pius XII. eine anhaltende Kontroverse über den Papst aus.

Historiker Hubert Wolf / © Andreas Kühlken (KNA)
Historiker Hubert Wolf / © Andreas Kühlken ( KNA )
Quelle:
KNA