Sein Tod wurde zum medialen Ereignis: Papst Pius XII.
Papst Pius XII.
Hubert Wolf
Historiker Hubert Wolf

02.03.2019

Kirchenhistoriker Wolf fordert Aussetzen des Seligsprechungsverfahrens von Papst Pius XII. "Historiker brauchen die Quellen"

Vor 80 Jahren wurde Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli zum Papst gewählt und nannte sich Pius XII. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf sieht viele Fragen zur Bewertung dieses Pontifikats als nicht geklärt und fordert Zugang zu den Akten.

DOMRADIO.DE: Die Wahl Pacellis zum Papst wurde ja international begrüßt. Nur der "Völkische Beobachter" titelte am Tag darauf: "Wir in Deutschland haben von diesem Papst nichts zu erwarten!" Welche Haltung spiegelte sich denn in dieser Überschrift in Deutschland wieder?

Prof. Dr. Hubert Wolf (Direktor des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster): Den Nationalsozialisten war Pacelli gut bekannt, nicht nur, weil er von 1917 bis 1929 zwölf Jahre als Nuntius in Deutschland war, sondern weil er eben auch als Kardinalstaatssekretär von 1930 bis 1939 mit den Nationalsozialisten unmittelbar zu tun hatte.

Er hat ja die Verhandlungen über das Reichskonkordat geführt, das dann auch 1933 bereits abgeschlossen wurde. Er war aber auch derjenige, der ständig gegen die Verletzungen des Konkordats bei den Nazis protestiert hat. Und insofern konnten sie sich schon in etwa vorstellen, dass Papst Pius XII. als Deutschlandkenner sehr genau wusste, was in Deutschland passiert und dass er natürlich ein politisches Schwergewicht sein würde.

DOMRADIO.DE: War denn die Kirchenpolitik unter Pius XII. wirklich "feiner, diskreter und steiler" als unter seinem Vorgänger, wie es der "Völkische Beobachter" geschrieben hatte?

Wolf: Die beiden Päpste Pius XI. und Pius XII. sind in der Tat kaum zu vergleichen. Pater Robert Leiber SJ, der Privatsekretär von Pius XII., hat gesagt, dass man Pius XI. eigentlich nicht bremsen konnte. Der war ein Vulkan. Wenn der was sagen wollte, dann sagte er es, während Pius XII. genau das Gegenteil war: ein Politiker, total abgewogen, zu öffentlichen Äußerungen eigentlich fast gar nicht zu bewegen.

Pius XI. hat am Ende seines Pontifikats sehr klar erkannt, was die Nazis sind, und er hat es auch öffentlich gesagt. Die Enzyklika "Mit brennender Sorge" ist eine Sache von Pius XI., auch wenn Pacelli wesentliche Passagen davon geschrieben hat. Und in einer Audienz zu sagen "Geistlich sind wir alles Semiten", wie es Pius XI. macht, das ist von Pius XII. überhaupt nicht zu erwarten. Ein ruhiger, abgeklärter, mit allen Wassern gewaschener Diplomat, der - wie gesagt - öffentlich fast gar nichts sagt.

Das kann für so ein Regime schwieriger sein. Es kann aber auch einfacher sein, weil man natürlich weiß, der wird sich nicht öffentlich hinstellen und draufhauen wie Pius XI. Der wird nicht öffentlich die Nazis verurteilen. In diesem Spannungsfeld muss man diese Äußerung wahrscheinlich interpretieren.

DOMRADIO.DE: Wie kommt es denn, dass Pius XII. sich zumindest von seiner Namensgebung her in die Nachfolge stellt? Ist aus dieser Wahl des Namens auch etwas ersichtlich?

Wolf: Er wollte sich natürlich schon in eine Kontinuität stellen. Die Frage ist aber, in welche. Er hat Karriere gemacht unter Pius X. Dieser ist natürlich ein sehr integralistischer Papst gewesen. Pacelli hat dann seine weitere Laufbahn unter Pius XI. vollzogen. Und sich dann Pius XII. zu nennen, das soll ja schon eine Kontinuität signalisieren: In dieser schwierigen Situation von 1939 nicht zu sagen "Wir machen jetzt was ganz Neues", sondern "Die Kirche bleibt auf der Linie der Pius-Päpste", das steckt wahrscheinlich dahinter.

Er selbst interpretiert diese Wahl an seinem Geburtstag als eine Art Wiedergeburt. Jetzt fängt etwas Neues an, also der Pacelli hört auf und Pius XII. betritt die Bühne. Das heißt, man hat manchmal den Eindruck, als ob dieser Mann ganz hinter dem Amt, wie er es versteht, ganz hinter dem Pontifikat, ganz hinter Pius XII., verschwindet.

DOMRADIO.DE: Was war denn Pius XII. nun? Ein Papst, der alles Menschenmögliche gegen das Unrecht seiner Zeit unternommen hat oder doch der unterkühlte Diplomat, der wichtige Gelegenheiten hat verstreichen lassen?

Wolf: Ich würde ihnen als Historiker die Frage wirklich gerne beantworten. Aber dazu müsste man - wirklich dezidiert gesagt - erst einmal die Quellen sehen. Die Quellen zum Pontifikat Pius' XII. sind nach wie vor der Forschung nicht zugänglich. Sie liegen in den vatikanischen Archiven. Benedikt XVI. hatte bereits angeordnet, dass man sie sortieren und der Forschung sobald als möglich zugänglich machen soll. Es ist nichts passiert.

Und solange man diese Quellen nicht sieht, kann man zum Teil nur spekulieren, ob er jetzt ein zögerlicher Papst war, ob er zu viel oder zu wenig gemacht hat. Wir können die Frage nicht beantworten, ob er tatsächlich einen lauten Protest gegen die Deportation der Juden vorbereitet hat, dies aber unterlassen haben soll, weil die Zahlen der Deportationen hochgegangen und sogar getaufte Juden vermehrt getroffen worden sind, nachdem die holländischen Bischöfe ihren Protest veröffentlicht hatten. Es steht ja bei der Haushälterin des Papstes, Schwester Pascalina Lehnert, in den Erinnerungen, aber wir können es nicht wissen.

Das heißt, all diese Spekulationen, all diese unterschiedlichen Einordnungen sind so lange nichts wert, wie wir nicht mit hartem Quellenmaterial sagen können, es war so oder so. Ehrlich: Ich weiß nicht, wann der Papst genau von was wusste. Wer hat ihn über Auschwitz informiert? Wann wusste er von der sogenannten "Endlösung" der Judenfrage? Wann hat er was genau überlegt? Mit wem hat er sich in der Kurie beraten? War es wirklich so, dass die Amerikaner ihn über manches ins Bild gesetzt haben?

All dies wissen wir nicht. Und solange wir dies nicht wissen, kann ein Historiker diese Frage nicht seriös beantworten.

DOMRADIO.DE: Das heißt, auch aufgrund der aktuellen Quellenlage lässt sich da jetzt auch keine Richtung feststellen.

Wolf: Es gibt beide Interpretationen. Und für beide gibt es relativ plausible Gründe. Man kann sagen, er hat geschwiegen, um noch Schlimmeres zu vermeiden. Das ist die eine Lesart - die holländischen Bischöfe als Beispiel. Die andere ist, er hätte reden müssen, er hätte unbedingt reden müssen, hat aber nicht geredet - Beispiel Galen. Wenn Galen gegen das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten predigt und es bringt was, um wieviel mehr hätte es gebracht, wenn der Papst redet?

Das sind die beiden Lesarten. Aber man kann sich auf keine festlegen, weil wir die genannten Fragen, die ich gestellt habe, immer noch nicht präzise beantworten können. Die können wir nur beantworten, wenn wir sein eigenes Quellenmaterial sehen, wenn der Pontifikat endlich der Forschung zugänglich gemacht wird. Es ist höchste Zeit, dass Franziskus das tut.

DOMRADIO.DE: Ist denn zum Beispiel auch belegt, dass Pius im Falle einer Verhaftung durch die deutschen Besatzer einen schriftlichen Amtsverzicht vorbereitet hat?

Wolf: Es gibt diese Überlieferung und es gibt natürlich auch einen Seligsprechungsprozess und es gibt Seligsprechungsakten, die allerdings der Forschung auch nicht zugänglich sind. Wie gesagt, es kann da ganz viele Plausibilitäten geben. Ich halte das sogar für relativ plausibel. Aber ich habe dieses Schreiben noch nie gesehen. Ich würde es gern sehen, wie er genau das mit eigener Unterschrift in einem Dekret macht. Das würde ich gerne mal im Original sehen.

DOMRADIO.DE: Fällt denn auch in dieses zu wünschende Aktenstudium, was Pius über die "Rattenlinien" wusste, über die Bischof Alois Hudal und andere Kirchenleute Nationalsozialisten nach dem Krieg zur Flucht verholfen haben?

Wolf: Sie merken, das ist ja eine ganz zentrale Frage. Worum geht es bei diesen "Rattenlinien"? Es geht darum, dass Naziverbrecher Pässe bekommen, um zum Beispiel nach Lateinamerika auszureisen. Aber die Sache fängt ja ganz anders an. Die fängt so an, dass einfach "displaced persons"-Leute durch den Krieg nach Rom gespült werden. Die haben keinen Pass, sie sind Katholiken. Das sagen sie zumindest. Und die Kirche hilft ihnen.

Jetzt ist die Frage: Wissen die vatikanischen Behörden, weiß der Papst, wem Pässe gegeben werden? Oder weiß er das gar nicht, weil sich die Nazis einfach geschickt unter die Bittsteller einreihen? Eine Lesart wäre: Die Amerikaner haben den Papst gebeten, mit diesen Pässen national gesinnte Leute in lateinamerikanische Länder zu schicken, um zu verhindern, dass die Kommunisten dort an die Macht kommen, was ja in Kuba tatsächlich passiert ist. Das wäre eine hochinteressante Lesart, die Amis stecken dahinter, um den Kommunismus zu verhindern, und Pius spielt mit.

Es kann aber auch sein, dass der Papst davon gar nichts weiß. Das heißt, er weiß nicht bewusst, wer in seinem Auftrag einen Pass bekommt. Auch das möchte man anhand der Quellen endlich nachvollziehen. Man möchte es sehen, damit die Spekulationen aufhören. Und solange man das nicht sieht, sollte man in Rom endlich auch das Seligsprechungsverfahren sistieren. Man sollte es so lange aussetzen, bis man die Quellen alle gesehen hat und bis man dann zu einem sicheren Urteil kommt. Alles andere ist irgendwie nicht wirklich seriös.

DOMRADIO.DE: Wie kann man denn Pius XII. theologisch einschätzen? Einmal hat das Zweite Vatikanische Konzil an seiner Enzyklika "Mystici Corporis" angeknüpft. Er förderte historisch-kritische Bibelwissenschaft und die liturgische Bewegung. Gegen die "Nouvelle Théologie" grenzte er sich hingegen ab und verkündete 1950 das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. War Pius XII. für seine Zeit nun ein moderner oder ein eher konservativer Papst?

Wolf: Auch ich würde hier nicht schwarz-weiß malen. Er hat natürlich eine ganze Reihe von Beratern und ich meine, man müsste ganz genau untersuchen, warum er gerade 1943 nun plötzlich historisch-kritische Exegese zulässt. Das überrascht ja mitten im Krieg. Man weiß es noch nicht genau.

Und das andere ist natürlich das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Das war ja hoch umstritten, höchst umstritten auch unter den Theologen. Er setzt es aber trotzdem durch und es ist übrigens das einzige Mal seit dem Unfehlbarkeitsdogma von 1870, dass ein Papst das im Unfehlbarkeitsdogma genannte Recht, ein Dogma zu verkünden - selber, ohne dass er dazu ein Konzil braucht - in Anspruch nimmt. Auch da würde ich gerne die Akten studieren, was dieses Dogma und die Hintergründe angeht. Was ist da genau passiert? Wen hat er konsultiert? Das würde man doch wirklich gerne einmal wissen.

Insofern: Vorsicht mit irgendwelchen vorschnellen Urteilen! Da können Dogmatiker oder andere vielleicht leichter urteilen. Aber Historiker brauchen die Quellen.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

(DR)

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