Harald Lesch
Harald Lesch

24.01.2021

Physiker Harald Lesch über Leben, Corona und Religion "Mein Verhältnis zur Welt entscheidet mein Christsein"

Die Wissenschaft kann vieles berechnen. Aber in Wirklichkeit sind es natürlich die Lebensqualitäten, die unser Leben ausmachen, meint TV-Moderator und Astrophysiker Harald Lesch. In der Corona-Krise ist jedoch beides wichtig.

DOMRADIO.DE: Nichts ist berechenbar. Zahlen und Gleichungen sollen nicht die Herrschaft über unser Leben übernehmen. Das ist die zentrale These in dem Buch "Unberechenbar". Ist das ein Eingeständnis, dass auch die Wissenschaft am Ende fehlbar ist?

Prof. Dr. Harald Lesch (Astrophysiker, TV-Moderator und Autor): In dem Buch steht nicht drin, dass nichts berechenbar ist. Vieles ist berechenbar, aber vor allen Dingen ist nicht alles berechenbar. Und wenn wir dann eben die Hoffnung in den Zahlen suchen, dann wird es schwierig. Unsere These lässt sich eigentlich auch so zusammenschreiben: Die Qualitäten sind wichtiger als die Quantitäten.

Und wir haben uns in den letzten 200 Jahren im Rahmen der Durchökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche immer mehr und mehr auf die Zahlen verstanden und versucht, aus den Zahlen alles abzulesen. Aber in Wirklichkeit sind es natürlich die Lebensqualitäten, die unser Leben ausmachen. Und da haben wir doch vieles den Maschinen, der Technologie und auch der Ökonomie so unterworfen, dass wir uns dann wundern, wenn die Dinge dann nicht mehr so funktionieren, wie wir uns das berechenbar vorgestellt haben. Und das Corona-Virus zeigt uns ja gerade ziemlich deutlich, wo es langgeht.

DOMRADIO.DE: Und tatsächlich sind Wissenschaftler jetzt in der Krise gefragter denn je. Sie analysieren, sie prognostizieren, sie forschen. Sie liefern letzten Endes auch die Grundlagen für politische Entscheidungen. Ist das jetzt alles am Ende auch nicht viel mehr als der berühmte Blick in die Kristallkugel?

Lesch: Nein, nein. Es gibt ja durchaus Teile, wo man ziemlich gute Prognosen machen kann. Aber wir sehen ja auch hier, an allererster und vorderster Stelle steht unser Verhalten, also unsere Qualität, Masken aufzuziehen, Hygienemaßnahmen zu beachten, Abstand zu halten. Wenn wir das von Anfang an qualitativ hochwertig durchgezogen hätten, dann wären die Empfehlungen der Wissenschaft natürlich immer gewesen: Haltet das solange durch, bis wir einen Impfstoff haben.

Bei der Impfstoffentwicklung geht es tatsächlich um das Berechenbare: Wie können wir unser Immunsystem vor den Erregern schützen beziehungsweise so aktivieren und trainieren, dass es bei Erregern gut reagiert? Bei unserem Verhalten ist das anders. Da geht es um das, was wir aus den Werten unseres Lebens ableiten. Warum sollen wir uns denn überhaupt so verhalten? Natürlich um uns und die anderen zu schützen. In diesem Sinne ist das alles ein Zusammenspiel.

Die Wissenschaft kann es alleine nicht machen, aber ohne Wissenschaft wären diese Entscheidungen auch wirklich grundlos. Und dank der Wissenschaften, in diesem Fall den medizinischen Wissenschaften, wissen wir ja auch eine ganze Menge und können die Entscheidungen gut begründen.

DOMRADIO.DE: Wenn die Berechenbarkeit in Frage gezogen wird, spielt das nicht auch Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern in die Karten, die ja alles, was wir derzeit als Grundlage der Wissenschaft gegen Corona unternehmen, sowieso für Quatsch halten?

Lesch: Tja, was soll ich dazu sagen? Ich meine, diejenigen, die jetzt der Meinung sind, Corona wäre immer noch sowas wie eine kleine Grippe, während die gesamte Welt darunter leidet, wenn unsere Kanzlerin sagt, das ist eine Jahrhundertkatastrophe, wenn in Großbritannien, in den USA, überall auf der Welt wirklich katastrophale Bedingungen herrschen, dann weiß ich nicht mehr, mit welchem Argument man diesen Corona-Leugnern überhaupt noch beikommen will. Dann nutzen auch die ganzen Zahlen nichts mehr.

Hier geht es um ein grundlegendes Missverständnis, dass diese Menschen offenbar nicht verstehen, warum sich die ganze Restwelt so anders verhält, als sie denken. Das hat dann nichts mehr mit Zahlen in der Wissenschaft zu tun, sondern hat eigentlich eher was mit einer grundlegenden Ablehnung von wissenschaftlicher Erkenntnis zu tun.

DOMRADIO.DE: Sie selbst sind bekennender Christ. Sie haben mal von sich gesagt: "Ich bin vom Scheitel bis zur Sohle Protestant." Wie passen denn Glaube und Wissenschaft zusammen, wenn Sie einerseits Dinge vermessen und beweisen, aber andererseits können Sie das bei Gott natürlich nicht tun.

Lesch: Wie oft ich das schon gefragt worden bin, kann ich gar nicht mehr erzählen. Es ist interessant, dass diese Frage immer gestellt wird. Wissen Sie, die Art und Weise, wie ich Physik betreibe, hat nichts mit meinem Bekenntnis als Christ zu tun. Aber die Art und Weise, wie ich mit mir, mit meinen Nächsten und der Welt umgehe, sehr wohl. Ich bin doch keine Maschine. Ich lebe doch. Ich lebe mit anderen zusammen und die leben mit mir zusammen.

Und die Art und Weise, wie ich mit denen umgehe und wie auch mein Verhältnis zu der Welt ist - empfinde ich das als Schöpfung oder kann ich damit machen, was ich will - das entscheidet doch mein Christsein. Ich hatte noch nie eine Sekunde lang irgendein Problem, Physiker und Christ zu sein. Ich weiß gar nicht, warum das irgendwie immer wieder hinterfragt wird.

Im Übrigen sage ich immer gerne: Fragen Sie doch mal auch Ihren Tankwart oder jemanden im Supermarkt, wie die es mit Gott halten. Wenn es Gott nur für die theoretischen Astrophysiker gäbe, wäre das eine sehr kleine Gemeinde. Das wäre gewissermaßen eine Bonsai-Variante. Also wenn religio, dann bitteschön für alle und keiner sei ausgeschlossen.

DOMRADIO.DE: Ihr Buch stellt ja auch die Frage, wie wir angesichts so einer Krise leben wollen. Glauben Sie, dass Corona die Menschen nachhaltig verändert? Oder machen wir, wenn das Virus irgendwann hoffentlich dann doch mal weg ist, genauso weiter wie bisher?

Lesch: Die tollste Erkenntnis an Corona ist, dass wir viel besser sind als Gesellschaft, als wir vielleicht bis jetzt gedacht haben. Dass wir nämlich solche starken Einschränkungen hinnehmen, hat vor allen Dingen damit zu tun, dass wir wirklich verwundbare Gruppen - die älteren Menschen, die Schwachen, die Kranken - schützen wollen. Und das macht mich sehr optimistisch, dass wir das als Gesellschaft so für so wichtig nehmen, dass wir dafür bereit sind, ganz erhebliche Einschränkungen hinzunehmen.

In den 60er Jahren gab es eine Grippe-Epidemie, eigentlich eine Pandemie, die Hongkong-Grippe, da sind viele Leute in Deutschland dran gestorben, aber man war nicht bereit, so einen starken Lockdown durchzuführen. Insofern muss ich sagen: Hut ab. Ich hoffe nur, dass das auch so bleibt, dass wir uns weiterhin der Tatsache bewusst sind, dass jedem von uns so etwas passieren kann und dass wir alle aufeinander angewiesen sind.

Solidarität ist jetzt auch bei der Frage, ob ich mich impfen lasse, ein weiterer wichtiger Schritt. Das ist gelebte Solidarität und das weiter durchzuhalten, das macht mich sehr optimistisch. Ich denke, wir sind gar nicht so schlecht bis jetzt da durchgekommen. Und wenn wir Geduld haben und dieser Jahrhundertkatastrophe zusammen gegenüberstehen, dann können wir das ziemlich gut hinkriegen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Information zum Buch:

"Unberechenbar - Das Leben ist mehr als eine Gleichung" von Harald Lesch und Thomas Schwartz ist im Herder Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18,00 Euro.

(DR)

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