Theologe: Technik macht unser Leben weniger frei

Die Unberechenbarkeit des Lebens

Die Corona-Krise zeigt, dass das Leben unberechenbar ist. Der Theologe Thomas Schwartz hat mit dem Naturwissenschaftler Harald Lesch darüber nachgedacht und die Gedanken in einem Buch zusammengefasst. Gott kommt darin bewusst nicht vor.

Das Leben lässt sich nicht berechnen / © Rawpixel.com (shutterstock)
Das Leben lässt sich nicht berechnen / © Rawpixel.com ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: "Unberechenbar - Das Leben ist mehr als eine Gleichung", so heißt Ihr Buch. Wie sind Sie als Theologe auf die Idee gekommen, mit dem Naturwissenschaftler Harald Lesch über die Unberechenbarkeit des Lebens nachzudenken?

Thomas Schwartz (Katholischer Moraltheologe und Priester): Harald Lesch und ich: Das ist die Geschichte einer langen Freundschaft, die auch schon einige Fernsehauftritte miteinander erlebt hat. Wir haben eine eigene Fernsehserie namens "Alpha bis Omega" gehabt, die vor 20 Jahren im Bayerischen Fernsehen entstanden ist.

Wir treffen uns regelmäßig und tauschen uns aus, weil für uns klar ist, dass Theologie und Naturwissenschaften, dass Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften sich immer etwas zu sagen haben.

So kam es, dass wir angesichts eines Buches, das wir beide gemeinsam begeistert gelesen hatten, auf den Gedanken gekommen sind, als Vertreter unterschiedlicher Disziplinen ein Buch zu schreiben.

Dann ist "Weimar" herausgekommen, weil sowohl Harald Lesch als auch ich Goethe-Fans sind. Wir wollten miteinander in dieser in dieser Stadt über dieses Buch reden und dieses Buch entwerfen. Dann kam der Einschlag des Lockdowns immer näher, sodass wir in der Situation waren, plötzlich etwas ganz Unberechenbares am eigenen Leib gespürt zu haben. Und dann war das Buch schon fast geboren.

DOMRADIO.DE: In dem Buch stellen Sie erst einmal klar, dass Sie beide technischen Fortschritt grundsätzlich schätzen. Aber dann warnen Sie doch ausdrücklich vor einem Technik-Wahnsinn und attestieren diesem Technikwahn die Grundgleichung "berechenbarer = beherrschbarer = besser". Können Sie das ganz kurz erklären?

Schwartz: Uns wird seit Jahrzehnten, eigentlich schon seit anderthalb Jahrhunderten, immer deutlich gemacht, dass jeder Fortschritt der Technik auch ein Fortschritt der Lebensqualität bedeutet. Und Lebensqualität ist natürlich auch Lebensverlängerung, was bedeutet, uns geht es besser.

Das ist die Formel, die die moderne Gesellschaft quasi aufstellt. Deswegen gieren wir nach Fortschritt. Fortschritt ist nur durch einen Fortschritt der Technologien erreichbar. Bei aller Technikfreudigkeit und -notwendigkeit, die wir beide auch gut finden und die uns in der Tat ja auch eine lebensverlängernde Möglichkeit gegeben hat, übersehen wir häufig, dass damit auch Gefahren verbunden sind, die unser Leben weniger frei, weniger gelassen, weniger geruhsam und weniger sinnerfüllt machen.

Wir werden wie in ein Hamsterrad hinein gedrängt, indem wir immer mehr beschleunigen, immer mehr rasen müssen und überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen und nach den wesentlichen Fragen unseres Lebens fragen können.

DOMRADIO.DE: Die Corona-Krise zeigt geradezu sinnbildlich die Unberechenbarkeit des Lebens. Sehen Sie darin auch eine Chance?

Schwartz: An der Corona-Krise sehen wir erstmal, wo das hinführt. Ich sehe die Chance eigentlich darin, dass wir gezwungenermaßen dazu hingeführt werden, wieder auf wesentliche Dinge zu hören.

Im März und April habe ich in meiner Pfarrei zum Beispiel wahrgenommen, wie viel Solidarität plötzlich wieder zwischen den Generationen, zwischen Nachbarn, die sich sonst teilweise gar nicht gesehen und nebeneinanderher gelebt haben, entstanden ist. Plötzlich wurde Rücksicht genommen. Plötzlich hat man an der Kasse im Supermarkt gesagt: "Gehen Sie doch vor" - wenn man nicht gerade Toilettenpapier hatte. Das ist etwas, was ich als sehr wohltuend wahrgenommen habe - wenigstens vier Wochen lang. Danach war es relativ schnell wieder weg.

Ich glaube das Zweite, was wir gesehen haben, ist, wie gut wir es eigentlich bei uns in unserem eigenen Land haben.

Das ist eine Chance, doch mal wieder drauf zu schauen, wie wirklich vorausschauend, wie sorgend unser Gemeinwesen, unsere staatliches Zusammenleben, geordnet ist. Wenn man nach Mexiko oder in die USA und in andere Länder schaut, wie dramatisch dort die Situation ist, weil Politik und Gesellschaft nicht so geordnet sind, dann wird einem wieder mal sehr bewusst, wie gut es uns eigentlich in unserem eigenen Land geht.

Das ist etwas, was sowohl Harald Lesch als auch ich gerade jetzt in den letzten Tagen, wo ja wieder ein "Lockdown light" auf uns zugekommen ist, im Gespräch wahrgenommen haben.

DOMRADIO.DE: Das Wort "Gott" taucht in ihren gemeinsamen Überlegungen gar nicht auf.

Schwartz: Das haben wir ganz bewusst gemacht. Nicht, weil wir beide nicht an Gott glauben. Das tun wir nämlich beide, sowohl Harald Lesch als auch ich. Bei mir ist es ja schon beruflich klar, weil ich als Priester jeden Tag von Gott spreche und auch im Glauben verwurzelt bin. Auch Harald Lesch ist ein bekennender evangelischer Christ, ich sage immer "Krypto-Katholik", aber sei es drum.

Aber wir wollten eigentlich deutlich machen, dass man mit dem gesunden Menschenverstand, den der Herrgott eigentlich jedem von uns gegeben hat, und, wenn man nicht immer gleich auf verschwörungstheoretische Hintergründe geht, auch zu solchen Fragen und Antworten kommt, die im Grunde letztlich immer auch ein bisschen was vom Glauben durchstrahlen lassen - wenn man diesen Blick nicht ausschaltet.

Aber wir wollen uns einfach auch an Menschen richten, die vielleicht nicht direkt kirchlich gebunden sind, aber dennoch die Fragen stellen, die sich auch ein guter Christ und eine gute Christin jeden Tag angesichts dieser Krisen unseres Lebens stellt.

Das Interview führte Hilde Regeniter. 

Quelle:
DR