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Mancher Katholik hat Angst vor Fremdem
Andreas Lob-Hüdepohl
Andreas Lob-Hüdepohl

19.09.2018 - 00:00

Interreligiöse Konferenz zu "Fremdenfeindlichkeit und Populismus" Rechtspopulisten auch unter Katholiken?

Rechtspopulistische Kräfte im Kontext weltweiter Migration lautete das Thema einer interreligiösen Konferenz im Vatikan. Gibt es also auch Fremdenfeindlichkeit bei Katholiken? Die Antwort darauf fällt eindeutig aus und ist doch widersprüchlich.

DOMRADIO.DE: Der Präsident der Evangelischen Kirche hat, wie Sie, auch am Kongress teilgenommen und betont, Kirche müsse sich zu Migration politisch äußern. Warum muss die Kirche das tun?

Andreas Lob-Hüdepohl (Mitglied der deutschen Sektion Justitia et Pax): Weil das Evangelium auch eine politische Dimension hat und uns dazu aufruft, Menschen, die in Not geraten sind, mit Barmherzigkeit entgegen zu kommen. Das bedeutet, ihnen Schutz und Heimat zu geben. Das ist nicht loszulösen von der Öffentlichkeit – das nennt man Politik. Insofern: Kirche muss das tun, weil das Evangelium eine politische Dimension hat.

DOMRADIO.DE: Sie selbst haben auf dem Kongress einen Vortrag zum Thema Angst innerhalb von Kirche und Gesellschaft gehalten. Was ist das für eine Angst, die viele Menschen haben – und die auch zu Fremdenfeindlichkeit führt?

Lob-Hüdepohl: Zunächst ist festzustellen, dass die Angst einen beträchtlichen Teil der Gesellschaften erfasst hat – ich betone die Gesellschaften, nicht nur in Deutschland. Die Kirche ist Teil der Gesellschaft; sie teilt auch die Sorgen, die in der Gesellschaft präsent sind.

Im Grunde sind es drei verschiedene Ängste: die Angst vor dem eigenen Abstieg, die Angst konkurrieren zu müssen und die Angst vor einer kulturellen Überfremdung. Das was fremd ist, scheint immer bedrohlich. Konkurrenten sind dann diejenigen, die vielleicht unser Sozialsystem in Anspruch nehmen. Besonders bedrohlich wird es, wenn man die eigene Identität als Christ oder Christin verloren hat. Da neigen viele Menschen dazu, auf Abwehr zu schalten. Diese Ängste sind aber sehr oft unbegründet. Das heißt wiederum nicht, dass wir politisch keine Probleme zu lösen haben.

Die Aufnahme von geflüchteten Menschen bringt Probleme mit sich, das kann niemand bestreiten. Die Sorge um eine wachsende Kriminalität treibt viele Menschen um, ist nüchtern betrachtet aber nicht berechtigt. Fakten sind das eine, das Lebensgefühl der Menschen das andere. Darüber kann man nicht einfach hinweggehen, sondern man muss sich innerhalb der Kirche damit auseinandersetzen. Von einem Standpunkt der Hoffnung her, müssen wir versuchen, diese Ängste zu lösen. Die Angst ist das Werk von rechtspopulistischen Parteien in Deutschland und Europa, das ist nicht der Ansatz von Kirche.

DOMRADIO.DE: Dennoch gibt es Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit in der katholischen Kirche.

Lob-Hüdepohl: So ist es. Obwohl es sich eigentlich vom christlichen Standpunkt her verbietet, die Menschen in Kulturen oder Herkünfte zu unterscheiden. In Christus sind wir alle gleich. Das widerspricht der zentralen Idee des Christentums fundamental. Wir begegnen dennoch in unserer Kirche Menschen, die sich bedroht fühlen. Da haben die Kirchen von ihrer Grundidee her, das ist die Hoffnung und Zuversicht, einen Auftrag, sich dagegen zu stellen.

DOMRADIO.DE: Um diese Funktion zu erfüllen, ist eine klare und deutliche Stimme der Kirche erforderlich. Wie muss diese Stimme lauten?

Lob-Hüdepohl: Nein zu jeder Form von Populismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Fremde begegnet uns ja auch nicht nur in Menschen, die geflüchtet sind – sondern auch in allen Menschen, die einfach völlig anders leben als man selbst. Unterschiede darf es doch geben, auch das Christentum ist nicht einheitlich. Was Christen vereint, ist die Eindeutigkeit der Sendung Jesu, nicht die Einheitlichkeit von Mitgliedern. Wir haben das auf der Konferenz hier bemerken können, schon allein die katholische Kirche ist sehr unterschiedlich. Sie ist so bunt und divers. Trotzdem gibt es Unerträglichkeiten zwischen den Katholiken innerhalb der großen Kirche.

Wir dürfen diesen Schwierigkeiten des Zusammenlebens nicht mit Abgrenzung begegnen, sondern wir müssen Brücken bauen. Bridging heißt es modern. Klassisch und in katholischer Sprache würde man sagen, wir müssen "Pontifikalämter im Alltag der Welt vollziehen". Nicht Barrikaden, sondern Brücken bauen. Das ist die zentrale Botschaft.

Das Gespräch führte Julia Reck.

(DR)

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