Corona-Lage in Russland
Corona-Lage in Russland

28.10.2021

Russischer Bischof besorgt um Corona-Situation "Rettungswagen und Leichenwagen ohne Ende"

Die Corona-Lage in Russland spitzt sich zu. Ein großer Teil der Bevölkerung ist noch nicht geimpft. Ist die Angst vor dem Impfstoff der Grund? Der deutsche Bischof von Saratow beschreibt dramatische Bilder und will zur Impfung motivieren.

DOMRADIO.DE: Die Krankenhäuser in Russland kommen an ihre Belastungsgrenzen. Die Klinik-Betten für Corona-Patienten sind zu 90 Prozent belegt. Jeder zehnte Patient befindet sich in einem ernsten Zustand. Der Staat versucht, die Lage mit Finanzspritzen und arbeitsfreien Tagen in den Griff zu bekommen. Moskau geht wieder in den Lockdown. Wie erleben Sie aktuell die Pandemie-Situation in Russland?

Clemens Pickel (Bischof von Saratow): Ich erlebe, dass es den Leuten sehr schwer fällt, damit zurechtzukommen. Wir haben das große Problem bei uns, dass viele Leute nicht geimpft sind. Fast zwei Drittel, denke ich, sind noch nicht geimpft. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit von steigenden Coronazahlen sehr groß ist. Jeden Tag wächst die Zahl der Angesteckten und der Gestorbenen. Das ist eine große Belastung.

DOMRADIO.DE: Warum ist denn die Impf-Quote so niedrig?

Pickel: So wie ich das sehe, sind die Leute vorsichtig und sagen, dass es sich natürlich alles noch in dieser Erprobungsphase befindet. Man hat kein Vertrauen in Sachen, die nicht komplett geprüft sind. Vielleicht auch, weil die Impfung kostenlos angeboten wird. Was kann denn da Gutes dran sein, wenn die kostenlos angeboten wird? Oder die Leute haben das Gefühl, dass sie es auch so schaffen, die Immunität reiche aus. Das kann auch dahinterstecken.

DOMRADIO.DE: Aber Sie erleben ja auf dem Weg zur Arbeit wirklich auch Schreckliches und sehen schreckliche Bilder. Reicht das nicht, den Menschen die Augen zu öffnen?

Pickel: Ich oder auch andere Leute sehen alle, dass die Rettungswagen in der Stadt fahren ohne Ende, auch die Leichenwagen. Das ist ein Bild, an das man sich schon langsam gewöhnt hat. Solange es einen selber nicht trifft oder den Nachbarn, geht einem das Ganze irgendwie nicht ganz zu Herzen. Aber wenn man Menschen kennt, die davon betroffen sind - und als Kirche, als Seelsorger, kennen wir natürlich Leute, die schwer betroffen sind - dann ist das eine ganz andere Geschichte.

Ich habe einen persönlichen Brief an unsere Gemeinden geschrieben und die Leute gebeten, keine Angst zu haben. Wenn sie eindeutig geimpft werden dürfen, dann sollen sie doch den Schritt machen. Das ist das kleinere Übel. Aber selbst unsere Pfarrer sind sich da nicht einig. Und ich weiß, manche haben meinen Brief nicht vorgelesen.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet das denn für die Gotteshäuser? Moskau geht wieder in den Lockdown. Bei Ihnen ist es auch schon so, dass wieder Kitas, Schulen und so weiter geschlossen sind. Bleiben auch die Gotteshäuser zu?

Pickel: Interessanterweise haben wir diesmal noch keine Vorschriften bekommen. Beim letzten Mal war es so, dass es uns verboten wurde, Leute in die Kirche zu lassen. Ostern, das letzte oder vorletzte Ostern, hat ganz ohne Besucher in der Kirche stattgefunden. Es wurde alles nur online übertragen.

Jetzt sind viele Sachen schon wieder eingeschränkt, aber an die Adresse der Kirchen ist noch nichts rausgegangen. Bis auf diese gewöhnlichen Vorschriften, wie Abstand halten und Masken anziehen. Aber auch das wird nicht sehr streng gehalten. Also eine Maske ist ja bei uns nicht eine FFP2 Maske oder sowas. Das kann ein Stückchen Stoff sein, das ich mir letztes Jahr zusammengeschnitten habe und immer noch anziehe.

DOMRADIO.DE: Wie geht es denn aktuell in der Situation den ärmeren Menschen? Über die haben Sie sich ja schon zu Beginn der Corona-Krise Gedanken gemacht. Die würden ja auch davon profitieren, dass sie jetzt kostenlos geimpft werden könnten.

Pickel: Da haben wir das große Problem, dass in denen irgendwie diese Angst oder das Gefühl steckt, sich besser nicht impfen zu lassen. Besonders die Dörfer sind ja die Plätze, wo bei uns die Leute besonders arm sind und die rutschen hinten runter. Da fährt kein Krankenwagen raus, wenn jemand krank ist.

Zum Beispiel eine junge Mutter, 34 Jahre, vier Kinder, ist schon schwer krank. Also alles deutet auf Corona hin. Der Mann hat auch schon Fieber. Die rufen an und der Arzt kommt nicht. Zwei Tage kommt kein Arzt raus ins Dorf. Dann setzt sich der fieberkranke Mann ins Auto, bringt seine Frau in die Stadt, 50 Kilometer ins Krankenhaus. Da steht sie stundenlang an zum Röntgen, also ohne Corona-Test, dann wird geröntgt und dann wird sie nach Hause geschickt, weil sie nur auf einer Seite eine Lungenentzündung hat.

In der Nacht bekommt sie Bluthusten. Der Mann fährt sie mit letzter Kraft wieder ins Krankenhaus und glücklicherweise wurde sie dann aufgenommen, aber nicht behandelt. Da haben wir versucht rauszufinden, was man denn noch machen muss, damit die Frau endlich behandelt wird. Das geht alles so schnell, wenn das Virus erst mal drin ist in der Lunge. Dann sagt uns die Ärztin, was sie alles bräuchten. Dann haben wir die Medikamente in verschiedenen Apotheken gekauft, und dann war die Ärztin nicht mehr da. Sie war dann krankgeschrieben. Es stellte sich heraus, dass wir Sauerstoff brauchen. Also ich war der Meinung, Sauerstoff könnte vielleicht noch helfen. Ich bin kein Arzt, aber habe schon mehrmals erlebt, wie gut das hilft. Dann hatten die keine Sauerstoffgeräte, dann ging die Steckdose am Bett nicht, als sie doch ein Gerät gefunden hatten.

Dann haben wir selber ein Sauerstoffgerät ins Krankenhaus gebracht und dann ging es langsam bergauf mit der Patientin und sobald Corona weg war, wurde es nach Hause geschickt. Corona wird umsonst behandelt, aber alle anderen Krankheiten, also Lungenentzündung oder Bauchspeicheldrüseentzündung oder irgendwas anderes, kosten Geld in der Behandlung und das konnte die Frau nicht bezahlen, also ging sie nach Hause.

DOMRADIO.DE: Was kann die Kirche zum Beispiel mithilfe des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis für die Menschen tun? Die Sauerstoffgeräte hatten ja auch schon was damit zu tun.

Pickel: Das ist so meine Masche zurzeit mit den Sauerstoffgeräten. Ich hoffe, dass ich da richtig liege. Wir haben da ein Projekt beantragt bei Renovabis und das ist auch inzwischen bewilligt worden. Wir wollen fünf Sauerstoffgeräte kaufen für unsere Caritas Zentren im Bistum, sodass Leute nachdem sie vom Krankenhaus wieder zu Hause sind, eine Stunde oder zwei Stunden pro Tag da richtig Sauerstoff schnüffeln können. Das hilft wirklich. Die Lungen müssen ja wieder auseinander gehen. Die sind ein zusammengeklebter Schwamm. Wenn man dann nicht bald hilft, dann bleibt es fürs ganze Leben so.

DOMRADIO.DE: Sie sind nah an den Menschen dran. Wie schützen Sie sich?

Pickel: Ich selber bin geimpft. Ich habe mich hier in Russland impfen lassen. Das heißt also mit Sputnik. Es ging ja nicht anders. Der Impfstoff ist gut. Ich wohne nicht auf der Etage, wo man entscheidet, welcher Impfstoff gut ist und welcher nicht. Also ich bin geimpft und und komme gut durch.

DOMRADIO.DE: Haben sie sich FFP2-Masken zugelegt? Sie haben eben gesagt, dass das gar nicht der Standard ist.

Pickel: Da habe ich eine ganze Kiste geschickt bekommen aus Deutschland, da wollte jemand was Gutes machen. Aber das hat mir so viele Probleme im Zoll bereitet, weil das 300 Stück waren. Man darf immer nur ein Stück bekommen, aber wenn es mehrere sind, dann ist das Handelsware. Bis ich dort erklärt hatte, dass ich die alle selber brauche, war das ein ganzer Tag. Es hat einen Tag gedauert, von früh bis Abend, bis ich dort rauskam und dann zur Post gehen durfte und mein Paket mit den Masken abholen durfte.

DOMRADIO.DE: Inwieweit kann der Glaube den Menschen in Russland jetzt Kraft geben?

Pickel: Also der Glaube hilft praktisch, egal was kommt. Aber ich bin seit 30 Jahren in Russland und erlebe immer noch, dass nach diesen Jahrzehnten der Kirchenverfolgung auch bei frommen Leuten oft Glaube und Aberglaube vermischt sind. Also es gibt Leute, die haben das Gefühl, man kann mit dem Glauben den Impfstoff umgehen oder so. Das ist natürlich ein Trugschluss, ein Kurzschluss.

DOMRADIO.DE: Also Sie gucken nach vorne und wollen die Menschen motivieren, sich impfen zu lassen?

Pickel: Ich bin natürlich nicht der oberste Fachmann, der das erzwingen muss. Aber ich möchte den Leuten gerne helfen, dass sie keine Angst vor der Impfung haben. Ich sehe das im Moment als die günstigste Lösung und wie gesagt das kleinere Übel für die, die Angst davor haben.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

Bischöfe im Advent

Mit DOMRADIO.DE durch den Advent: Jeden Tag ein Impuls eines deutschen Bischofs.

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Lieblingsorte im Kölner Dom

Dompropst, Dommusiker, Domlektorin, Domdechant und andere mehr: Sie alle haben uns ihre Lieblingsorte im Kölner Dom verraten.

Tageskalender

Radioprogramm

 08.12.2021
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO - Der Morgen

  • Mariä Empfängnis: Was feiert die Kirche an diesem Tag?
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Scholz zum Bundeskanzler gewählt
  • Olaf Scholz - erster Kanzler ohne Konfession
  • Omikron - ein Grund zur Sorge?
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Scholz zum Bundeskanzler gewählt
  • Olaf Scholz - erster Kanzler ohne Konfession
  • Omikron - ein Grund zur Sorge?
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

  • Mariä Empfängnis: Was feiert die Kirche an diesem Tag?
  • Olaf Scholz - erster Kanzler ohne Konfession
  • Wichtelpäckchen für eine erzbischöfliche Schule aus Bad Münstereifel
22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Himmelklar Podcast

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…