Digitales Glaubensleben
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30.03.2021

Evangelische Gemeinden in der Pandemie Verliert das Abendmahl an Bedeutung?

Seit über einem Jahr gehören digitale Gottesdienste für viele zum Alltag. Auch evangelische Gemeinden mussten sich hier erst einfinden. Bei Bedeutung und Zukunft der Abendmahlsfeiern gibt es erheblichen Diskussionsbedarf.

DOMRADIO.DE: Sie haben an einem Buch mitgewirkt unter dem Titel “Gottesdienste auf eigene Gefahr?” Da geht es um die Feier der Liturgie in Corona-Zeiten. Und so wie es aussieht, gibt es jetzt doch an Ostern Präsenzgottesdienste. Wie hart wäre es denn gewesen, wenn jetzt auch das zweite Osterfest in Folge ohne Beteiligung der Gläubigen hätte gefeiert werden müssen?

Dr. Dorothea Haspelmath-Finatti (Evangelische Theologin und Lehrbeauftragte am Institut für Praktische Theologie an der katholisch theologischen Fakultät der Universität Wien): Viele Menschen in vielen Gemeinden hätten bitter darauf verzichtet, sehr ungern. Und es wäre auch den Verantwortlichen in den Gemeinden, den Pfarrerinnen und Pfarrern schwergefallen, diese Ankündigung doch wieder aussprechen zu müssen: Es findet leider doch wieder nur online oder gar nicht bei uns statt.

DOMRADIO.DE: Zentral für evangelische Christen ist die Feier des Abendmahls. Aber gerade die ist ja aufgrund des Verzehrs von Essen schwierig zu feiern in der Pandemie. Bei den Katholiken zum Beispiel ist ja die Sonntagspflicht ausgesetzt, Messen aber gibt es weiterhin. Gibt es bei Ihnen nun nach Ihrem Eindruck weniger Abendmahlsfeiern und stattdessen mehr Wortgottesdienste?

Haspelmath-Finatti: Das ist ohne Frage der Fall. Es gibt viele Gemeinden, deutschsprachige Landeskirchen, die die Abendmahlsfeiern ganz ausgesetzt haben. Dort wird jetzt ganz und gar darauf verzichtet. Es gibt andere Landeskirchen, die weiterhin Abendmahlsfeiern ermöglichen unter den eingeschränkten Möglichkeiten, ein wenig ähnlich wie in katholischen Diözesen.

DOMRADIO.DE: Wie sieht denn dann so eine Abendmahlsfeier unter Corona-Beschränkungen aus? Also im Vergleich, zum Beispiel im Kölner Dom gibt es Plexiglas-Scheiben, unter denen die Hostie durchgereicht wird. Wie sieht das zum Beispiel konkret mit dem Abendmahl aus?

Haspelmath-Finatti: Es gibt Gemeinden, in denen der übliche Kreis, in dem das Abendmahl gefeiert wird, vergrößert wird und so mit dem nötigen Abstand gefeiert wird. Und es gibt andere Gemeinden, die ähnlich wie ich es auch aus katholischem Zusammenhang gehört habe, den Gemeindegliedern eine Wegzehrung mitgeben. Also vielleicht in einer Papiertüte eine Hostie und einige Weintrauben, weil ja im Neuen Testament eigentlich das Wort "Wein" gar nicht vorkommt, sondern der Begriff "vom Gewächs des Weinstocks".

DOMRADIO.DE: Was bedeutet das theologisch, wenn man jetzt so stark auf Abendmahlsfeiern verzichtet? Ist da nicht auch die Gefahr, dass man sagt Okay, wir lassen es ganz sein?

Haspelmath-Finatti: Das ist in den deutschsprachigen Landeskirchen erstaunlich unterschiedlich, das hat mit dem Flickenteppich der Landeskirchen zu tun, die zum Teil sehr liturgisch und zum Teil auch reformiert geprägt sind. Das bedeutet: In manchen Kirchen hat das Abendmahl niemals den Stellenwert gewonnen, den die Messfeier in der katholischen Kirche hat. Und es gibt andere Landeskirchen, in denen selbstverständlich die Abendmahlsfeier dazugehört. Das hat historische Gründe, aber auch Gründe des Zusammenlebens zwischen evangelischen und katholischen Schichten der Bevölkerung.

In Bayern etwa wurden die Absprachen zur Feier des Abendmahls gleich gemeinsam mit den katholischen Diözesen durchgeführt, sodass es ein gemeinsames Papier gibt, auf dem gemeinsame Regelungen zu finden sind zu Eucharistiefeier und Abendmahl. Da kann man sehen, dass in Bayern evangelische und katholische Christen schon lange miteinander leben.

Dann gibt es die sächsische Landeskirche, die einfach eine starke liturgische Tradition im Lutherischen hat, wo auch nicht einfach auf Abendmahlsfeiern verzichtet werden kann, oder die Nordkirche, in der die Regelungen in Absprache mit der Ökumene getroffen wurden.

Und dann gibt es die anderen Landeskirchen in der Mitte Deutschlands, mehr im Westen, wo ganz auf Abendmahlsfeiern verzichtet wird, weil man jetzt von der Tradition her sagt, dass das Wort Mittelpunkt des Glaubens ist. Es ist also ein Wortgottesdienst ein vollständiger Gottesdienst. So übrigens auch eine Äußerung der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, mit der Betonung dessen, dass eigentlich gar nichts verloren geht, wenn man nicht Abendmahl feiert.

DOMRADIO.DE: Schauen wir mal auf die Ökumene. Wir diskutieren ja viel über Annäherung, Abendmahlsfeier und Eucharistiefeier. Wenn nun auf evangelischer Seite auf einmal der Wortgottesdienst nach vorne geschoben werden würde, würde das nicht bedeuten, dass Annäherung zwischen Protestanten und Katholiken auch schwieriger wird?

Haspelmath-Finatti: Ich bin mir nicht sicher, weil wir im Augenblick eine Notsituation haben, die alle betrifft und in der auch viele katholische Gemeindeglieder jetzt Erfahrungen sammeln mit dem, was es bedeutet, wenn ich am Sonntag keine Eucharistiefeier leiblich in Person besuchen kann. Und ich denke, dass wir einander sozusagen verzeihen, wenn es im Augenblick eine besondere Situation ist.

Es ist so, dass sich - wie bei vielen Dingen jetzt in dieser Zeit der Pandemie - Tendenzen, die schon vorher da sind, in die eine oder andere Richtung verstärken. Solche Gemeinden und Kirchen, die es vorher schon etwas schwierig fanden, überhaupt regelmäßig sonntäglich Abendmahl zu feiern, die verzichten jetzt leichter drauf. Und die haben es vielleicht auch schon vorher schwieriger gefunden, an dieser Stelle mit den katholischen Geschwistern im Gespräch zu sein.

Andersherum gibt es diejenigen Kirchen, für die die Abendmahlsfeier längst selbstverständlich ist und die in einem guten Gespräch darüber mit den katholischen Geschwistern sind. In diesen Landeskirchen wird jetzt auch sehr ungern auf die Abendmahlsfeier verzichtet, sondern es werden andere Formen gefunden.

Das Interview führte Mathias Peter.

Zur Info: Mehr zum evangelischen Leben in der Corona-Pandemie schreibt Dr. Haspelmath-Finatti in ihrem Beitrag zum Buch "Gottesdienst auf eigene Gefahr".

(DR)

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